Das weißhaarige Mädchen

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PALIMPSESTE DER REPRÄSENTATION - EINE LEKTÜRE IM JEDERMANNSANZUG

Von Fred Arctor

Über dem Haupttor des ehemaligen Kaiserpalasts in Peking hängt ein großes Konterfei des Vorsitzenden Mao. Aus seinem Rahmen blickt er auf den Platz des himmlischen Friedens wie durch ein überdimensionales Palastfenster, wie als allerletzter Kaiser von China. So hat das architektonische Zeichen der einstigen „Verbotenen Stadt" ein Gesicht als „Vorbild" bekommen, ein weiteres Zeichen als Abbild eines Personenkults und als Sinnbild für eine politische Idee.

Über der Fassade eines ehemaligen Kinos in Salzburg hängt das gewaltige Bild einer urbanen Auftürmung von dem chinesischen Künstler Lin Yilin. Die graubraune Front des heute „republic" genannten Gebäudes zeigt auf den Anton Neumayr-Platz, der nach einem ehemaligen Bürgermeister benannt ist, einem Namensvetter des Buchautors Anton Neumayr, der über die Krankheitsbilder von Napoleon, Hitler und Stalin publiziert hat. Eine science-fictionhafte Stadtmonstrosität starrt in das scheinbar beschauliche, historische Städtchen, ein Zeichen, das zwischen Ironie und Unheimlichem vibriert.

Großer Sprung 

Werden die beiden Installationen in ihren öffentlichen Räumen übereinander projiziert, entspinnt sich ein palimsesthafter Dialog. Die chinesische Kaiserresidenz, heute ein Palastmuseum, gerät in Bezug zu einem der „freien" darstellenden Kunst gewidmeten Salzburger Bau. Dieser wird heute als „Republik" bezeichnet und war bis vor kurzem der Vorbau des historischen Museums „Carolino Augusteum". Diesem sollte das einstige Kino ursprünglich angeschlossen werden. Nun hat das heute so genannte „Salzburg Museum", dessen Direktor, Ironie des Zufalls, Marx heißt, seinen Sitz in einem alten Gebäude, das „Neue Residenz" genannt wird.

Die beiden Fassadenbilder symbolisieren große Systeme. Das Mao-Portrait repräsentiert den Apparat der kommunistischen Partei Chinas, und Lin Yilin portraitiert das globale System der Urbanisierung, dahinter die anarchischen Dynamiken der Megastruktur an sich, in einer bedrückenden Schichtung und in gewittrigem Grau. Insofern könnte es als ein Portrait des Portraits des „Großen Vorsitzenden" gelesen werden. Dessen „Großer Sprung nach vorn" endete seinerzeit in Elend und Massensterben. Erst in der Gegenwart wird er unter verschobenen politischen Vorzeichen nachvollzogen und mit kapitalistischer Energie durchgeführt.

Dachau ist gesund 

Salzburg ist eine schön anzusehende, kapitalistische Stadt, über der seit 930 Jahren die Festung Hohensalzburg thront, die von einem Kleriker errichtet worden ist. Und Anton Neumayr wurde Bürgermeister, nachdem ein „Tausendjähriges Reich" in Elend und Massensterben geendet hatte. Auf dem Salzburger Domplatz gab es 1938 die einzige Bücherverbrennung auf dem Gebiet der „Ostmark", und der Salzburger Heimatdichter Augustin Ableitner schrieb: „Dachau ist eine zünftige Gegend / und sehr gesund, appetitanregend. / Die schöne Aussicht dort kommt denen zustatten, / die früher keine Einsicht hatten." Das ehemalige Haus des Museums „Carolino Augusteum" fiel 1944 einem Bombenangriff zum Opfer. Heute ist Salzburg ein großes Museum, das vom Kapital des Tourismus erhalten wird. Der „große Sprung" der Nationalsozialisten hat in das Gesicht der Stadt nur wenige Narben gezeichnet, wie auch der große ökonomische Sprung der Nachkriegszeit.

Peking ist eine Stadt eine Stadt im Kapitalisierungsfieber - hinter dem Bild des (un)heimlichen Vorsitzenden und der Fassade der „Verbotenen Stadt". Der Kommunismus als Verwaltungs- und Machtapparat hat sein Gesicht bis heute bewahrt. 1942 sagte Mao beim Forum über Literatur und Kunst in Yenan: „Unsere Literatur und Kunst dienen den Volksmassen, vor allem den Arbeitern, Bauern und Soldaten, werden für die Arbeiter, Bauern und Soldaten geschaffen, von ihnen benutzt." Ironie der Politik: Als Konsequenz der der Regentschaft Maos starben bis zu 70 Millionen Chinesen (vgl. Jung Chang/Jon Halliday), Arbeiter, Bauern und Soldaten. Der Zweite Weltkrieg hatte bis zu 60 Millionen Menschen das Leben gekostet.

Aristokratisierung des Proletariats 

Das Mao-Zitat entstammt einer „Mao-Bibel", wie das kleine rote, in Plastik gut abwaschbar gebundene Büchlein in den 70er Jahren genannte wurde, als ich es kaufte. Es ist auch auf der Vorsatzseite des Buchs „China on Stage" zu lesen, das Lois Wheeler Snow 1972 in den USA publizierte, in demselben Jahr, als meine Mao-Bibel gedruckt wurde. Snow beschreibt darin das Entstehen des chinesischen Revolutionsballetts, über das der Kommunikationswissenschaftler Feng Yuan in Salzburg referierte.

Das Ballett wurde sowohl im sowjetischen als auch im chinesischen Kommunismus gefördert, und es ist auch im Kapitalismus die Bühnentanzform mit dem stärksten Rückhalt in der Gesellschaft. Dieser Rückhalt reicht so tief, daß zuweilen auch Tanzformen, die nichts mit Ballett zu tun haben, mit diesem synonym bezeichnet werden. Der proletarische Körper als repräsentatives Ideologem wurde in den kommunistischen Balletten sozusagen aristokratisiert. Der totalitäre Charakter seiner Produktionsform paßt in alle Gesellschaften.

Die Nachbarin 

In den 1920er Jahren wurde das klassische Ballett von russischen Flüchtlingen in Schanghai eingeführt. Die in Trinidad geborene Chinesin Tai Ai-lien studierte, erst gefördert von einem dieser Migranten, George Goncharov, in England und kehrte dann in Ihre Heimat zurück. Hier begann sie zu choreografieren und leitete ab den 50er Jahren eine Ballettschule in Peking. Zwischen China und der Sowjetunion entstand ein reger Austausch in Sachen Tanz. Spitzenfunktionäre der kommunistischen Partei begannen die „fremde" Kunstform zu verehren. Es gab Widerstände gegen die Erneuerung des Balletts im Sinn der Revolution. Eines der wenigen Revolutionsballette, die bis Anfang der 70er Jahre entstanden, hieß „Das weißhaarige Mädchen". Es handelt von einem Bauernmädchen aus Nordwestchina, das der Slaverei eines Großgrundbesitzers in die Berge entflieht. Dort erleidet sie derartige Entbehrungen, daß ihr schwarzes Haar weiß wird. Doch die Volksarmee rettet sie, ihr Unterdrücker verliert sein Leben, und sie tritt in den Truppen bei, um die Revolution voranzubringen.

Der Große Sprung brachte das weißhaarige Ballettmädchen voran. Es waren eher die Arbeiter und Bauern, die dabei verhungerten. Heute werden die Bauern, die als Wanderarbeiter in die Städte ziehen, ausgebeutet und mißhandelt. Es geht ihnen also besser. Die im Dezember 2006 verstorbene indische Choreografin Chandralekha trug weißes, langes Haar. Das weißhaarige Mädchen war ihre Nachbarin. Chandralekha hat den indischen Tanz, man kann das so sagen, revolutioniert. Im Salzburger „republic" werden keine Ballette getanzt. Aber drei Künstlergenerationen zeigen zeitgenössische Choreografie. Eine der jüngsten dieser Künstlerinnen unterrichtet „Bollywood Dance" in Brüssel. Wie könnte die Geschichte des weißhaarigen Mädchens, achtzehn Jahre nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens unter dem Bild des Großen Vorsitzenden, weitergehen?

Xiao Ke, Nunu und Nannan

Die berühmte chinesische Choreografin Jin Xing schreibt in ihrer Autobiografie „Shanghai Tango. Mein Leben als Soldat und Tänzerin" über ihren Kindheitstraum: „Ich bin sechs Jahre alt und habe gerade eine Vorstellung des Weißhaarigen Mädchens gesehen, eines der ersten großen Ballettwerke des kommunistischen China. (...) Das ist es, was ich darstellen will, dieses heldenhafte Mädchen mit den weißen Haaren." Jin Xing kam 1967 als einziger Sohn einer koreanischen Einwandererfamilie in der Mandschurei auf die Welt. Beim Militär erhält der Junge eine Tanzausbildung. Mit siebzehn gilt er als der beste Tänzer Chinas und wird zum Oberst der Volksbefreiungsarmee ernannt. 1995 beginnt er mit seiner Geschlechtsumwandlung.

Ich sehe Xiao Ke, Nunu und Nannan aus Shanghai. Kurzgeschoren, zwei Zöpfe, Locken. Draußen an der Fassade das Bild. Die Frisur des Großen Vorsitzenden wird sich nie wieder verändern. Andy Warhol hat den Popstar verstanden, und er hat mit ihm - dem Klischee - kooperiert. Der Begriff Popstar läßt sich übersetzen mit „Volksheld". Die Geschichte schreibt sich permanent um. „Nichts ist unerreichbar, solange wir weiterhin hart arbeiten", lautet die Schlagzeile des Leitartikels der Parteizeitung „The People's Daily" zu Neujahr 1976. Das Nichts läßt sich nicht durch Arbeit erreichen, lese ich. Tao und Mao machen einen Reim. Ich beobachte mich, wie ich die drei Tänzerinnen beobachte. Niklas Luhmann sitzt mir im Nacken. Der junge Mann vor dem Panzer, in dem das weißhaarige Mädchen sitzt. Die Palimpseste verwirren den Beobachter. Ich trage meinen Jedermannsanzug, und das in Salzburg. „Jedermann!" ruft der Tod auf dem Domplatz. „Sie sind süchtig", stelle ich fest. Xiao Ke ist von drei Gespenstern umringt. Sie zirpt wie ein Vogel. Mao Zedong stirbt am 9. September 1976.

 

(11.7.2007)