°.°: "Spectacular". Ein Tod namens Robin

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FORCED ENTERTAINMENT IM WIENER BRUT (Versuch #1)

Von Helmut Ploebst


„Normalerweise“, sagt die Figur, „gibt es hier ein Warm-Up.“ Die Figur ist der Tod. Nicht der richtige Tod, den es als Figur ja nur in Literatur, Film, Theater und dergleichen gibt, sondern ein Mann in schwarzem Bunraku-Anzug mit einem vorn aufgemalten weißen Skelett im Stil jener Knochenmänner, wie sie auf historischen Danse-macabre-Holzschnitten dargestellt sind.

Der Tod tritt hier in der Verlegenheit auf, nicht ein Tod sein zu können, sondern nur das Äquivalent zu der Theaterfigur in einem Stück, das jetzt gerade gar nicht stattfindet. Aus dieser zwiespältigen Situation heraus beschreibt der Tod, wo in dem eigentlichen Stück „normalerweise“ die vierköpfige Band und die Topfpflanzen plaziert seien, und er merkt an, daß dieses Stück „normalerweise“ aggressiver wäre und daß hier eine kleine Treppe von oben herab auf die Bühne führe, auf der ein kleines Licht abwärts wandere, und dies leite den Augenblick seines Auftritts ein. Während die Band den Baß spiele. Normalerweise.

Das ist der Tod

Die Frage sei, so das Äquivalent, ob es überhaupt die richtige Person sei für die Situation hier in diesem Theatergebäude („edifice of theatre“). Es würden etliche Zuschauer das Stück verlassen, weil es ihnen zuviel sei, vielleicht auch, weil sie seine Augen nicht sehen könnten, die hinter schwarzem Stoff verborgen seien, sodaß auch er, die Person in dem Anzug, nicht so viel sehen könne. Bei einem blinden Darsteller, merkt die Figur an, würden sie es nicht wagen, sich davonzustehlen.

So beginnt „Spectacular“ von Forced Entertainment, uraufgeführt im Mai 2008 in Essen, auch im Wiener brut. Die Figur kommuniziert vom ersten Augenblick an mit dem, was Allgemeinwissen ist: das ist der Tod, das ist Theater, das ist der Tod im Theater, das ist die Figur des Todes im Theater, und das ist ein Stück, in dem der Tod potentiell überlebt wird, wie es Jérôme Bel in „The Show Must Go On!“ vor acht Jahren unvergleichlich belegt hat. Der Tod, wie ihn Forced Entertainment vorführt, kommt mit jener „verspielten“ Ironie ins Spiel, mit der ihn auch Terry Pratchett so liebevoll wie hintergründig auftreten läßt.

Forced Entertainment schleust noch eine zweite Figur ein: die Sterbende. „I would like to do my dying now“, sagt sie ins Mikrofon. „I would like to do my big death scene.“ Und sie tut es, dramatisch, laut, outrierend und ausführlich, und der Tod ist sichtlich peinlich berührt, denn er hat sich bis zu diesem Zeitpunkt bemüht, über ein abwesendes Theater zu sprechen. Und nun gerät er in die Verlegenheit, seine Erzählung wegen einer Darstellung unterbrechen zu müssen. Er versucht, das Theater zu überspielen, zu relativieren, ohne die Schauspielerin von der Bühne zu weisen. Um die Peinlichkeit dieser Darstellung ein wenig zu übertünchen, gibt er der Darstellerin eine kleine Anweisung: „Claire, es wäre besser, du würdest deinen Kopf ein wenig drehen.“

Der Tod ist das Theater

Mit diesem Satz ist dem Publikum alles eröffnet. Die Figur des Todes ist die Figur des Theaters selbst, an der gerade heute gewaltige Kräfte und Begehrensideologien zerren. Die Figur des Theaters, das seine Unschuld als sentimentaler Illusionsraum zugunsten der Funktion als Versuchsstation über die Täuschung und Ent-Täuschung aufgegeben hat. An jenem Punkt nämlich, an dem klar wird, daß das Theater als Mittel zum Zweck alle Lebensbereiche erobert hat, daß die inszenierende Darstellung Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur bestimmt, wo das Makebelieve bis in die intimsten Privatsphären stratifiziert ist und die gute Performance alle Inhalte ersetzt – zwischen Börsenkrach und Politainment, Marsmission und Kulturkonflikt. Der Tod ist die Verkleidung für eine neue Funktion des Theaters in dieser aufgeladenen Atmosphäre, in der normalerweise eine Performancenorm jenen Platz greift, der ihm gerne gegeben wird.

Das Äquivalent von Forced Entertainment versenkt sich hingebungsvoll in die Beschreibung des Spektakels, wie es „normalerweise“ stattgefunden hätte. Claire (Marshall) führt ihr Verrecken mit dilettantischer Wucht vor. Der Tod heißt Robin (Arthur). Er versucht in einem schmerzlichen Spagat, Claire zu ignorieren und gleichzeitig zu beachten. Und in einem Moment, in dem das eigene Spielen durch den Inhalt seines Vortrags absurd zu werden droht, hakt der Tod das Thema des Spielens unter: „Was passiert, wenn ich einen Fehler mache, den Rahmen verliere oder hinfalle?" Wenn er, kurz gesagt, eine schlechte Performance hinlegt. Er, der das Schauspielen spielt, dabei also mit dem Verspielen des Spiels spielt. Was, wenn?

Morgen bin ich fort

Was, wenn das Theater innerhalb der Vertheaterung der Gesellschaft nur noch als Affirmation einer Norm dasteht, die sich dadurch praktisch macht, daß, wer das bessere Schauspiel aufführt, die besten Chancen in der Gesellschaft des Spektakels hat? Die Bühne ist ja nur ein schlichter Ort im Vergleich zu den großen medialen Abspielarealen mit ihrer getunten Sinnlichkeit und ihrem überwältigenden Unterhaltungswillen, mit dem wahre Gefühle im Sinne eines globalen Dopings zum Dumpingpreis angeboten werden. „Spectacular“ entwickelt sich mit sanfter und kompromißloser Konsequenz zu einem Höhepunkt hin, der auch seinen Schluß bildet. Claire ist wieder hingefallen. Ihre Hand flattert. Robin klopft sich mit ähnlicher Geste auf das rundliche Bäuchlein: „Wie ein Fisch! Wie ein Code, wie SOS, oder?“ Jetzt kommen „normalerweise“ die Tänzerinnen auf die Bühne, „normalerweise“ kommt daraufhin eine Passage, die das Publikum aufheitern soll, eine Anekdote, „a satire thingy“.

„Ich bin hier, und morgen werde ich weg sein“, küchenphilosophiert der Tod namens Robin. „Ich bin eine Präsenz.“ Als sich die Sterbende wieder aufbäumt, übernimmt er endgültig die Rolle des Regisseurs. Als solcher kritisiert er sie: „Es ist ein bißchen absurd, weil dein ganzes Handeln ein Spielen ist.“ Claire ist fertig, die Schlußszene des eigentlichen Stücks wird beschrieben. Und Robin liest noch aus einem Notizbuch vor, das er auf einem Sessel gefunden hat: „Lights on, lights on, lights off, lights on..." Ein perfektes Ende. Robin geht ab.


(09.10.2008)