°.°: Untote des Kunstbetriebs

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"VOTE ZOMBIE ANDY BEUYZ": SHOWCASE BEAT LE MOT MIT ANGELA GUERREIRO IM WIENER BRUT

Von Judith Helmer

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„Guten Tag! - Guten Tag, was wünschen Sie? - Eine Schachtel Cornflakes. - Bitte sehr. - Was kostet das? - Fünf. - Bitte sehr. - Danke sehr. - Auf Wiedersehen! - Auf Wiedersehen!“ Einkaufen ist kinderleicht, nicht nur im Kinderspielkaufmannsladen, sondern besonders in den Selbstbedienungssupermärkten, wo eine Kommunikation wie die beispielhafte oben gar nicht mehr nötig ist. Seltsam retro wirkt das Hin- und Her der Phrasen, das bei "Vote Zombie Andy Beuyz" auf einer Leinwand abläuft. Braucht man das noch? Die neue Arbeit von Showcase Beat Le Mot, die im Wiener brut zur Österreichpremiere gebracht wurde, spielt geschickt mit den mehr oder weniger althergebrachten Verhaltenskodexen - natürlich nicht nur im Kaufmannsladen.

Im Warenlager

Das Setting der Versuchsanordnung: Ein Baustellengerüst bildet ein großes Gatter mit zwei glitzervorhangversehenen Aus- und Eingängen - der Zuschauerraum. Aber sind die Personen in dem Raum noch Zuschauer, wenn es doch nichts zu schauen gibt? Diese Frage stellen nach einer langen Weile die Stimmen von Andy und Beuyz. Denn zu sehen gibt es unglaublich viel und unglaublich wenig. Das Gerüst ist bestückt mit Batterien von Gegenständen: Schläuche für Autoreifen, Toastbrotscheiben, Klopapierrollen, Kartons, Pflanzen. Es gibt Bildschirme, Leinwände und elektronische Schriftzüge - ein Warenlager, wie es Andy Warhol gefallen hätte. Aber Performer gibt es hier drinnen keine.

Die sind „draußen“ und vollführen ein schamanenhaftes Ritual unter Anleitung Tänzerin Angela Guerreiro. Sie tragen Masken, stampfen rhythmisch und wirbeln - verdeckt von all den gestapelten Dingen - um das Gatter herum. Es ist wie eine Beschwörung von Joseph Beuys‘ Aktion „I like America and America likes Me“. Im Jahr 1974 hatte der Künstler drei Tage mit einem von nordamerikanischen Ureinwohnern als heilig verehrten Kojoten in den Räumen einer New Yorker Galerie verbracht. Durch diese Aktion wurde sein Nimbus des „Schamanen“ ausführlich bedient: Der Künstler, der (auch sehr medienwirksam) eine rätselhaft-animistische Liturgie ausübt.

Mitmachtheater - nein danke!

Die üblichen Mitmachtheaterstücke hängen den Showcaslern zum Hals heraus, wie sie in einem Interview verkündeten - und doch bringen sie ihr Publikum zum agieren. Sessel gibt es - allerdings aufgestapelt in der Raummitte. Jeder muss sich selber bedienen und seine Position festlegen. Wo sitzen, wohin schauen, wann aufstehen und rausschauen oder sich ans Buffet mit Schokofondue oder Faschiertem machen? Eine Cola aus der Kiste nehmen oder sich bei den Getränkecontainern Saft holen? Selbstbedienung, heißt es in diesem Laden.

„The river of anything goes" ist eine der Arbeitshypothesen dieser Kinder der Gießener Schule, und dem entsprechend fließen auch die Aktionen und ihre Referenzen munter durcheinander. Sie lassen es ordentlich geistern in dem ritualhaft von Voodoogöttern umtanzten Raum. Mal geht das Licht aus, und zu sehen sind die Live-Aufnahmen einer Wärmebildkamera, die die Körpertemperaturen der Performer einfängt. Oder ein riesiger Kasten drängt wie von Geisterhand geschoben in den Zuschauerraum, die Insassen verdrängen wollend. Bedrohlich ist der Raum vor allem zu Beginn, wenn noch wenig klar ist und solche Kästenangriffe die Vorboten weiterer Attacken sein könnten. Doch der Verlauf ist süß wie die zart geschmolzene Schokolade aus dem Fondue.

Alles ist Müll?

Herrlich sind die kurzen Texte, die den Menschen in der Zeitblase der Performance wie Stöckchen für die Reflexion zugeworfen werden. Da ist der Kaufmannsladen-Dialog und auch eine Abhandlung darüber, was Müll ist. Hier wird es kurz philosophisch: Alles, was man wegwirft, sei Müll meint Andy. Wohingegen Beuyz meint, dass alles, was man wegwirft, zu einem zurückkommt. Wirft man es nach hinten, kommt es von vorne wieder zurück, wirft man es nach vorne, holte es einen von hinten wieder ein. Alles fließt, alles ist Müll, alles ist kein Müll. Hier manifestiert sich die im subtilen Schwebezustand stets präsente Demaskierung und Huldigung des Kunstbetriebs.

Alles Wiedergänger und Untote. Der Kurzschluss von Andy Warhol mit Joseph Beuys, mit zwei Ikonen der Kunstgeschichte, die einander in ihrem Selbstverständnis so fremd nicht waren und doch wie zwei sich an- und abstoßende Pole funktionieren, macht ein ganzes Feld von möglichen Bedeutungen auf. Die große Kunst bei Showcase Beat Le Mot ist, dass sie die Balance halten zwischen sich Bedienen am und sich Mokieren über den Kunstbetrieb, dass sie es ernst meinen, aber sich nicht zu wichtig nehmen und dass sie vom Publikum etwas verlangen, ohne vorzuschreiben, was genau das sein soll. Eine schöne, bunte Performanceblase eben.


(26.09.2008)