°.°: Wer wart ihr am Ende des 20. Jahrhunderts?

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Hausmeister 23 stellt Fragen an David Ender und Jack Hauser


J:
Wenn die Zigarette brennt, beginnen wir. Ich sitze schon im Abschußloch.

D: Ich sitze schon im Einschußloch.

H23: Sie schicken mich diesmal als Hausmeister 23 auf Gespensterjagd. Kein Problem für mich. Mein Großvater war E.T.A. Hoffmann. Einer meiner Großväter war E.T.A. Hoffmann. Einer meiner Urgroßväter war E.T.A. Hoffmann. Eine meiner Erfindungen…

D: Wir wissen es.

H23: Das mit den Gespenstern liegt also klar vor meinen Augen, auf meinem Werkzeugtisch. Bin Handwerker, bastle gerne. Es gibt für jede Gelegenheit Werkzeuge. Ich unterscheide ganz klar das Gespenst vom Wiedergänger, vom Phantom, vom Geist, ganz zu schweigen von den Geistern, vom Trugbild, der Erscheinung, dem Apparat, von der Fata Morgana, von der Fehlleistung der Sprache und den unsinnigen Behauptungen Freuds, von Visionen unter Drogen oder als Science-Fiction-Schriftsteller oder als Schamane, von der kurzen und der langen Erleuchtung.

J: Was ist also? Was ist so klar am Gespenst, so eindeutig, so unverwechselbar?

H23: Mir wurde mitgeteilt, dass ich hier die Fragen stelle. Und meine Fragen werden sich auf das Gespenst beziehen und nicht auf irgendeine der anderen erwähnten Erscheinungen.

(kurzes, trockenes Knacken.)

H23: Es gibt die Liebe und es gibt das Gespenst der Liebe. Es gibt die Freiheit, und es gibt das Gespenst der Freiheit. Es gibt die Geschichte, und es gibt das Gespenst der Geschichte. Alles klar? Daher werden sich meine Fragen an Sie beide - in Ihrer Eigenschaft als Performer von 1996 bis 2000 in den Serien des Improvisationskollektivs Lux Flux & Saira Blanche Theatre - an die damaligen Gespenster oder vielleicht besser, die Gespenster von damals richten und nicht an Sie als Ihre jetzigen Gespenster. Bekanntermaßen waren die Auftritte des Kollektivs Gespensterperformances…

D:

J: …zu begreifen, aber nicht zu fassen.

H23: Noch habe ich nichts gefragt. Lassen Sie mich zuerst das Ambiente klären. Uneingeladene Anwesenheit, abwesende Präsenz, autistische Telepathie, Another November im November, eine Seifenoper ohne Sänger, Werft als Vorwurf, die Versteinerung von Musik als Lockerungsübung. Um nur einige zu nennen. Performer A auf der Bühne performt eine Performance von Performer A. Selbstwiederholung im Augenblick! Gewußterweise unbewußt, natürlich. Das Ganze eine kunstästhetische, ein ästhetisches Forschungsunternehmen, eine gespenstische Anlage zum Kunstbau, ein schöngeistiges Bauwerk, bei dem die Zwischenräume als Ziegel verwendet wurden. Richtig?

D: Ja…

H23: Richtig.

J: Stimmt. Ich erinnere mich, wie die Super-8-Projektoren umfielen und die Projektionslampen kaputt gingen - und wie dies alles in einem Gender-Diskurs Verwendung fand.

H23: Das gehört aber mehr in den Bereich der Geistererscheinungen.

J: Die Projektionen und ihre Freunde wohl. Die Situation und ihre Realisation weniger.

H23: In welchem Maße oder wie weniger?

J: Völlig deplaziert. Doppelt ausgesetzt. Und mit viel Humor verkleidet. So habe ich mich damals verstanden.

H23: Ist das die Antwort auf meine Frage?

D: Ja natürlich. Es gibt Gespenster. Mein Gespenst hatte zu dieser Zeit Freude daran, die Grenzen dieses Reiches - und damit auch die meines Gespensterdaseins - auszuloten. Was macht ein Tiefseeforscher, dem nur noch für eine Stunde Sauerstoff bleibt?

J: An Land?

D: Wurscht wo.

H23 (räuspert sich): Bitte zurück. Ich werde es noch einmal klar darlegen. Wenn ich vorhin sagte, es gibt die Geschichte und es gibt das Gespenst der Geschichte, meinte ich damit: es kann nur das Gespenst der Geschichte geben. Nichts anderes. Die Geschichte kann nur als Gespenst der Geschichte in Erscheinung treten.

(kurzes, trockenes Knacken.)

D: Wissen Sie auch den Unterschied zwischen Geistern und Spuken? Oder Gespenstern?

H23: Geistern und Spuken sind außerirdische Tätigkeiten, Gespenstern ist ein irdisches Vergnügen.

D: Ich fühlte mich als Gespenst oftmals weniger beengt denn als Geist - oder ich hatte die Möglichkeit, die Enge zu überwinden, unterwandern, zu genießen.

J: Ja. Ja, dieses Vehikel Realität.

D: Vimâna und Purusha, der Raum und sein Gespenst auf Sanskrit.

J: Ist nicht dein Ernst.

H23: Die Fragen stelle ich. Ist das Ihr Ernst?

D: Nein. Aber wenn man will - und das tue ich gerade -, kann man eine Verbindung sehen. Der Purusha ist der Wagenlenker, das kleine Männchen, welches sein Fahrzeug betreibt, in der Flasche sitzt und sie beseelt, begeistert, …

J: Der Geist in der Flasche, David! Was ist das Gespenst in der Flasche? Oder ist die Situation „Geist in der Flasche“ das Gespenst?

D: Ja eben.

H23: (räuspert sich)

J: The devil is an even number.

D: Waren wir deshalb so oft zu zweit?


(16.10.2008)