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Den Körper verstehen

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DEBORAH HAZLER, NANINA KOTLOWSKI UND KERSTIN OLIVIA SCHELLANDER "OFFNATURE" BEI IMAGETANZ 2012

Von Helmut Ploebst




Der weltweite Körperschwarm hat es bisher noch nicht geschafft, den menschlichen Körper zu verstehen. Natur-, Kultur- und Geisteswissenschaften haben auf diesem Forschungsgebiet lange aneinander vorbeigearbeitet, und sie tun sich schwer damit, ihre Skepsis voreinander zu überwinden. Die große Frage nach dem Körper stellt sich immer wieder, auch bei vermeintlich „unspektakulären“ Anlässen wie während des Stücks offnature der drei jungen österreichischen Choreografinnen Deborah Hazler, Nanina Kotlowski und Kerstin Olivia Schellander, das bei Imagetanz 2012 in der Wiener brut erstmals zu sehen war.

Der Titel offnature provoziert erst einmal jene, die die These vertreten, dass alles, auch und gerade alle Kultur, eine Hervorbringung der Natur ist – auch unter dem Aspekt, dass unser gesamtes Verständnis von Natur auf kulturellen Matrices geschrieben steht. Matrix bedeutet auf lateinisch „Gebärmutter“, und der Begriff der kulturellen Matrix meint, dass Kultur immer schon künstlich gewesen ist. Und damit, als Archetyp und Inbegriff des Künstlichen, eine Leistung der Evolution zur Organisation von menschlichen Sozietäten.

Unter dieser Perspektive erscheint die Behauptung, die in dem Titel offnature steckt, als ein Paradoxon. Ist sie aber nicht. Denn die Abrechnung mit dem kulturellen Biologismus hat ihre klaren historischen Begründungen in der Abwehr kultureller Rassismen und all der ihnen zugrundeliegenden faschistischen oder faschistoiden Ideologien. Diese Unterdrückungsideologien beziehen sich stets auf thanateische kulturelle Herleitungen des Naturbegriffs. Das gilt unter anderem auch für alle Formen des Sexismus oder der Homophobie.

Gegen den thanateischen Naturbegriff

So kann der Signifikant offnature erst seine politische Kraft entwickeln – als Reaktion auf einen thanateischen Naturbegriff. Genau diesem Begriff strecken Hazler, Kotlowski und Schellander zu Beginn dieser Choreografie ihre bloßen Ärsche entgegen. Also dem Publikum als Vertreter einer Gesellschaft, deren kulturelle Sozialisation aus einem dichten Geflecht aktiver und passiver Ausbeutungsprinzipien besteht. Trotzdem ist dieses Entgegenstrecken sichtlich keine Anklage, sondern eine Anmerkung, ein Hinweis. Denn die Hintern der drei Tänzerinnen beginnen bald, sich zu bewegen und zu tanzen – aber nicht im Sinn einer Koketterie, sondern nach einem nüchternen, formalen Programm. Anfangs synchron, dann aber von dieser Ordnung abweichend und damit den sinistren Reizen der Gleichzeitigkeit und der Uniformität unterbrechend.

Also: Gegeben sind drei nackte Frauenkörper, die sich von ihren Betrachter_innen abgewendet zeigen. Sie richten sich auf und trippeln umher, die Oberkörper gebeugt, die Arme abgewinkelt an die Körper gepresst. Das erinnert ganz klar an Xavier Le Roys Self Unfinished (1998) und an Mette Ingvartsens davon beeinflusstes Frühwerk Manual Focus (2003). Sehr schnell allerdings emanzipiert sich offnature von diesen Referenzarbeiten. Die drei Figuren repräsentieren ganz unterschiedliche Körpertypen, also Diversität. Sie bringen ihr Fettgewebe dazu zu tanzen, was einerseits an Ingvartsens Solo 50 / 50 (2004) erinnert und zum anderen wie dieses jenen „Fetttanz“ einbringt, den Doris Uhlich gegenwärtig in Workshops (und bald in einem eigenen Stück) untersucht. Hazlers, Kotlowskis und Schellanders Rückenfiguren erscheinen als „kopflos“ und azephal, was wie eine Anspielung auf die sattsam bekannten, patriarchalen Unterscheidungen zwischen dem männlichen und dem weiblichen Gehirn wirkt.

Die Figuren entwickeln individuelle Bewegungsmuster, bevor sie sich von der Seite zeigen, auf die Bäuche legen und ihre Becken, ihre Hände, ihre Füße auf den Boden knallen lassen. Ihre Gesichter bleiben abgewandt. Auch dann, wenn sie sich auf allen Vieren nach vorne in Richtung Publikum bewegen und sich in Nahsicht knapp vor diesem aufstellen. Lange stehen sie so da und zeigen den Zuschauern ihre Rücken, auf denen sich in der Hitze der Scheinwerfer Schweißperlen bilden. Dass sie dann in die Bühnenmitte gehen und sich abrupt umdrehen mit gegrätschten, abgewinkelten Beinen dastehen, ist ein Schock. Sofort und kaum zu kontrollieren richtet sich der – hier: hetero-männliche – Blick erst in die Gesichter, dann in den Schritt, danach auf die Brüste der drei Frauen. Und beginnt zu flackern. Das Summen einer Fliege wird eingespielt. Eine unmittelbare Konfrontation, wie sie nur in der Liveperformance herzustellen ist.

Verwerfungen des Blicks

Später, am Ende des Stücks, werden die drei Tänzerinnen für ihr Draufgängerinnentum mit viel Applaus bewundert werden. Aber noch stehen sie da, nackter als bloß ausgezogen. Es ist der alles entscheidende Moment. Der Blick wird auf seine Konditionierung zurückgeworfen, und der Blickträger erfährt eine Entscheidungskrise. Die Tänzerinnen helfen ihm dabei. Ferse vor, Zehen vor, Ferse vor bewegen sie ihre Körper in dieser Haltung. Das wirkt beunruhigend absurd. Ironisch. Wieder wird dieser Blick nicht angeklagt, sondern auf besondere Art in sich verschoben. Und dort – in sich – trifft er auf seine Verwerfungen, seine Verworfenheit mit all ihren faszinierenden und abgründigen Eigenschaften. Diese Körper haben sich aufgefaltet, und so sind sie anzusehen und zu lesen. Unheimlich schön hergestellt und ganz schön unheimlich formuliert. „Schön“ meint hier tatsächlich das in Szene gebrachte Konzept.

Die Tänzerinnen hüpfen mit den Händen auf den Knien, atmen tief, tief ein, blähen ihre Oberkörper auf, laufen durcheinander mit wie zum Abflug ausgebreiteten Armen. Schmatzend küssen sie gegenseitig ihre Schultern, Arme, Bäuche und die Luft, die ihre Körper umgibt. Aus dem Spiel mit der Luft, den Lippen und den Zungen wird eine wilde Musik. Dann wird daraus ein rätselhafter Text, in dem sich wie rückwärts gesprochen klingende Wörter zu einem lautmalerischen Rhythmus verbinden. Die Luft wird zurückgehalten, die Wangen werden aufgebläht, und am Ende bleiben die Münder offen und still.

Der menschliche Körper ist ohne seine Vorführungen, und darin ohne seine diskursbildenden Aufführungen wie offnature eine ist, nicht zu verstehen. Neurowissenschaften und Genforschung oder Psychoanalyse und Verhaltensforschung sind wirklich wichtig. Aber ohne Verständnis für die Reflexionen des handelnden Körpers über sich selbst und seine kulturellen Implikationen werden sich diese Disziplinen nicht verbinden lassen. Und der Schwarm wird weiterhin nicht lernen, sich zu verstehen.


(8.3.2012; dieser Text ist als eine Erweiterung der Besprechung von offnature  gedacht, die ich in der heutigen Ausgabe der Tageszeitung Der Standard publiziert habe.)