CORPUS Suche


Der Blick als Bettler

Drucken

LARS VON TRIERS "ANTICHRIST" ODER: DER UNTERGANG DER THERAPIE

Von Helmut Ploebst


„Die Natur ist die Kirche des Satans“, sagt sie zu ihm vor einer einsamen Holzhütte mitten im großen Wald. Dieser Wald sei das Schlimmste, hat sie auf sein beharrliches Fragen nach ihrer größten Angst gesagt, als die beiden noch in ihrer Stadtwohnung gegen die Folgen des Verlusts ihres kleinen Sohnes arbeiteten. Die Lichtung, an deren Rand sich die Hütte unter einer Eiche duckt, heißt „Eden“.

Lars von Triers jüngster Film „Antichrist“ kann von verschiedenen Perspektiven her analysiert werden - zum Beispiel mit kulturwissenschaftlichen oder feministischen Instrumentarien, oder über den Konflikt zwischen Psychoanalyse und Psychologie, oder mit naturphilosophischen Ideen - und sogar mit mystischen Diskursversatzstücken. Das alles liegt auf der Hand und wurde bereits diskutiert. Aber zumindest ebenso aufschlußreich kann eine Untersuchung des „Antichrist“ mit Hilfe eines körperdiskursiven Ansatzes sein, dem der Film viel Material zur Verfügung stellt und den der Regisseur geradezu provoziert.

Die Angst als Teil des Körpers

Lars von Trier hat mit „Antichrist“ einen Film über das Thema Angst gedreht. Damit war der Körper sofort involviert. Denn er ist der alleinige Sitz und die einzige Ursache von Angst. Angst kann nur in einem Körper konstruiert und empfunden werden, und sie kann sich letztlich nur auf diesen beziehen. Das ist diesem Körper nicht immer bewußt, wenn er sich wie in einem Loop wieder und wieder vergeblich auf die Suche nach der Ur-Sache dieser Angst macht. Von Triers Plot ist in einem kritischen Aspekt des Menschseins verankert: Der Körper, der auf sich blickt, schaut durch etwas hindurch, das er ist, auf etwas, das er nicht ist. Und der Körper ist noch nicht, was ihn evolutionär zur Existenz gebracht hat und nicht mehr, was ihn im Sein hält, er ist also weder das Vorkörperliche noch das Außerkörperliche, und er ist auch nicht das Unkörperliche - das also, was ihn verneint.

Der - stets kulturell determinierte - Blick des Körpers auf sich, also durch sich selbst, ist auf ein Zentrum und auf einen Ursprung gerichtet, die sich ihm gleichermaßen nicht erschließen, weil sie bloß Gaukeleien aus kulturellen Märchen sind. Der „Blick“ ist dabei kein Augen-Blick, sondern einer des gesamten körperlichen Wahrnehmungsapparats, der sich selbst und seine Möglichkeiten durchtastet.

Die Ur-Sache der Angst des Körpers ist einfach aufzuzeichnen. Sie spannt sich von der Geburt bis zum Tod, von Geschlechtlichkeit zu Fortpflanzung, von Subjekt zu Sozialität, von Kultur zu Natur. Und sie konkretisiert sich in einem Problem innerhalb dieser semantischen Architektur: Keiner dieser Parameter, die eng miteinander zusammenhängen, wird in den Kulturen wirklich begriffen. Außer vielleicht in Zuständen tiefster Depression, wenn die vitalen Mechanismen nachlassen und nichts mehr etwas zu bedeuten scheint. Wenn der Blick in ein gefühltes Nichts stürzt, wenn - hinter den Projektionen und Täuschungen von Sinnmaschinen - die Enttäuschung überhand nimmt.

In diesem als nicht sonderlich luzide geltenden Zustand, in dem er sich eigenen Aussagen zufolge befand, bevor er an dem Drehbuch zu arbeiten begonnen hat, erarbeitete Lars von Trier seinen Film. Die Eingangsszene zeigt ein Paar beim Geschlechtsverkehr und ihr Kind beim Sturz aus dem Fenster. Die Folgen sind Trauer, Schmerz und Verzweiflung, die Kapitel 1 bis 3 des Films. Der Mann in „Antichrist“ repräsentiert das ordnende, therapierende, rationalisierende Prinzip, die Frau hingegen den erratischen Blick des Körpers durch sich selbst. Beide werden scheitern. Die Frau, die Mutter des - männlichen - Kindes ist dem verfallen, was sich ihr durch ihr Schauen zu erkennen gab. Sie ist offenbar an ihrer Forschung über den historischen Gynozid (den Massenmord an Frauen) zerbrochen und hat begonnen, ihren kleinen Sohn zu foltern, indem sie ihm seine Schuhe konsequent verkehrt herum anzog, während sie in „Eden“ an ihrer Dissertation arbeitete.

Mehr noch. Von Trier schildert, daß sie während des Geschlechtsverkehrs beobachtet, wie sich das Kind in das offene Fenster stellt. Sie schaut hin, als das Kind fällt. Sie läßt den Tod des Kindes geschehen. Der Blick durch das Fenster ist der Blick in ein Schneetreiben, eben dieser Blick durch den Körper (des Kindes) in das, was dieser nicht ist. Später wird sie in ihrer Angst, in ihrer Verlorenheit versuchen, ihren Mann zu töten - aber erst, wenn die drei Bettler (die das 4. Kapitel des Films bezeichnen) erschienen sind, ein Reh, das die Geburt symbolisiert, ein Fuchs, der die Selbstzerfleischung des Lebens vorführt, und eine Krähe, der Tod: Trauer, Schmerz und Verzweiflung.

Blut auf der Bluse

Als die Frau bei ihren Forschungen saß, hörte sie ein Kind weinen. Sie suchte besorgt nach ihrem Sohn und fand ihn friedlich spielend und gar nicht weinend, wo sie ihn mit sich selbst allein gelassen hatte. Das Weinen, wird sie ihrem Mann erzählen, war nicht das des Sohnes, sondern das Weinen all dessen, was sterben muß. Es war das Weinen des zum Tode verurteilten Lebens. Auf den großen historischen Gynozid wird Lars von Triers Protagonistin mit einem Androzid im Kleinen antworten. All die sturen, paternalistischen Maßnahmen der Rationalisierung durch ihren Mann - den Psychotherapeuten, dem sie vorwirft, er interessiere sich erst für sie, nachdem sie zu einer Patientin geworden sei - werden nicht helfen.

Sobald er erkennt, daß ihre größte Angst nicht der Wald und auch nicht Satan ist, sondern er selbst, verübt sie ihren ersten Anschlag auf ihn. Sie schlägt ihn nieder und bringt ihn dazu, daß er Blut auf ihre Bluse ejakuliert. Mit einem Schleifstein, den sie dem Bewußtlosen durch ein Bein treibt, versucht sie, ihn zu fixieren. Er soll sie nicht verlassen dürfen. Mit einer scharfen Schere schneidet sie sich später die Klitoris ab.

Der Blick durch den Körper richtet sich auf eine monströse Funktion, die eines der ganz großen kulturellen Tabus darstellt und die Freud einst vage mit „Thanatos“ bezeichnete. Die menschliche Selbstvernichtung entzieht sich, obwohl sie auf mehreren Mikro- und Makroebenen permanent sichtbar ist und medial auch wie besessen durchexerziert wird, einer einleuchtenden Logik. Lars von Trier führt als Metapher für dieses omnipräsente Unbegreifliche, also dafür, was der Blick des Körpers durch sich selbst nicht erfassen kann, die Natur an.

Ein heißes Eisen. Ist doch das Mißverständnis von Funktionen der Natur in Bezug auf den Menschen - Stichwort „survival of the fittest“ - offenbar Teil einer „thanatäischen“ Verdrängung auf kultureller Ebene. Seit bekannt ist, daß alle Natur nur auf dieser kulturellen Ebene reflektiert werden kann, wird sie diskursiv gemieden. Unter der Annahme allerdings, daß alle Kultur notwendigerweise eine Hervorbringung der Natur sein muß, nimmt ein Versuch des Körpers (hier: als soziales biologisches System verstanden) Gestalt an, einen großen evolutionären Sprung zu wagen, der, wenn er gelingt, utopischen Charakter hätte: das Begreifen, Aufzeigen und Durchbrechen jener sozialen Systemfunktionen, die auf eine Regulierung der menschlichen „Naturform“ durch Selbstreduktion ausgerichtet sein könnten.

Das Ende der männlichen Herrschaft

Das würde bedeuten, das Kulturelle aus der Geiselhaft der schicksalshaft gegebenen Dichotomie „Eros und Thanatos“ herauszulösen. Unter diesem Blickwinkel verliert das Schauen, das den Körper durchbohrt, seine todessüchtige Perspektive. Lars von Triers Setzung einer Antichristin wäre dem zufolge eine positive. Denn die christliche Idee vom männlichen Erlöser ist ganz dem Thanatosprinzip verfallen: Erst der Untergang des Körpers und seine Transformation in einen unkörperlichen Zustand wird dem Blick des Körpers durch den Körper ein Bild geben - den auf ein „ewiges Leben“ ohne Körper, Schmerz und Tod.

Insofern ist die Figur des „Erlösers“ eigentlich eine satanische, weil sie auf einer gegen den „sündigen Körper“ gerichteten Anklage beruht. Diese Anklage dient der Disziplinierung („Satan“ ist folgerichtig auch der alttestamentarische „Ankläger“), sie wird aber durch die Idee des Opfers Christi verschleiert. Das ungeduldige Warten der frühen Christen auf den Weltuntergang war eine Reaktion auf den keinen Halt findenden Blick durch den Körper in ein schwarzes Nichts, war also eine depressive Haltung. Diese Leere war Gott. Gerne lieferte man sich, als die Apokalypse nicht kommen wollte, dem Machtgebilde einer erstarkenden Kirche aus, die unter dem Vorwand von Mission, Kreuzzug und Inquisition thanatäische Funktionen übernahm.

Die Rolle des Exekutors dieser Funktionen fiel dem Mann zu. Lars von Trier schreibt den Titel seines Films so: ANTICHRIS. Das T, das männlich konnotierte Kreuz, ist durch das genealogische Zeichen für Weiblichkeit ersetzt. Gegen Ende hin, da stehen die drei Bettler bereits im Haus, erwürgt der Mann seine Frau und verbrennt ihre Leiche auf einem Scheiterhaufen. Die „Patientin“ wird also, wenn die Therapie scheitert, zur „Hexe“. Dem therapeutischen Rationalisten, dem vermeintlichen Erlöser, ist viel ein- und aufgefallen, und er hat sich allzu verblendet in die hehre Rolle des kalten Über-Ich aufgeschwungen. Seine kurzsichtige Fixiertheit auf die theapeutische Herrscherrolle läßt ihn jedoch scheitern. „Träume bedeuten nichts“, sagt sie, die viel tiefer geschaut hat, im Wald, „Freud ist schon lange tot.“ Sie muß sich befreien.

Aus Händels Oper „Rinaldo“, deren Inhalt auf den ersten Kreuzzug Bezug nimmt, stammt das Musikstück für den Prolog und den Epiolg von „Antichrist“. Die weibliche Hauptfigur in der Oper, Almirena, singt darin: „Lass mich mein grausames Schicksal beweinen / Und nach der Freiheit mich verzehren. / Möchte doch, um der Barmherzigkeit willen, / der Schmerz diese Fesseln meiner Qualen zerbrechen.“ Im Epilog des Films ist die von Charlotte Gainsbourg meisterhaft gespielte Frau tot. Ihrem Therapeuten und Mörder, Willem Dafoe, der sich durch den Wald auf dem Rückweg befindet, strömen unzählige Frauen entgegen, einen Hügel hinauf, kommen wie Ameisen auf ihn zu. Und wir wissen, er hat keine Chance, ihnen zu entkommen. Sein Therapieren und damit seine Herrschaft enden hier im Wald.

In seiner Desubjektivierung also wird das Weibliche befreit, der Blick durch den Körper löst sich in der Behauptung der Natur als Kirche der Anklage, des Satans, auf und wird zur letztendlich affirmativen Perspektive mit Fokus auf etwas, das sich hinter kulturellen Herrschaftsmustern verbirgt. Dessen Gestalt aber bleibt auf seine Gestaltung durch das Schauen beschränkt.


(24.12.2009)