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Der blutende Recke

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"ANARCHIV #3: SONGS OF LOVE AND WAR". DEUFERT+PLISCHKE IM TANZQUARTIER WIEN

Von Astrid Peterle




Als Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in der Schule durchgenommen wurde, hätte man doch besser aufpassen sollen. Wer war nochmals schnell Brünnhilde und was der Inhalt der Götterdämmerung? Diese Fragen drängen sich auf, während man die ersten Schritte auf die Bühne des neuesten Projekts von dem Künstlerzwilling Deufert+Plischke Anarchiv #3: Songs of Love and War setzt. Der Ausgangspunkt des Performanceprojekts ist das „Nibelungenlied“.

Doch wer sich hier eine frontale Performance-Berieselung oder Erläuterung des Walkürenhorts erwartet hat, liegt ganz falsch. Zunächst scheint es, dass man sich in einer Ausstellung befindet, mit Displaywänden, die verschiedenste Assoziationen zum Thema ermöglichen, wie etwa eine Sammlung an philosophischen Zitaten zum Thema Krieg, Zerstörung und Liebe. Doch physisch-passiv in den Diskurs eintauchen gilt hier nicht. Die BesucherInnen werden sanft, aber nachdrücklich zum Mitmachen und -gestalten aufgefordert. Mit analogen Fotokameras sollen sie das Geschehen festhalten, im Memoryspiel Bilder von Krieg und Politik aufdecken, an der Station „Der blutende Recke“ mit Tomatensaft und Hochprozentigerem bruderschafttrinken und anschließend heimlich rote Punkte auf andere BesucherInnen kleben.

Wenig ist den meisten Theater-, Tanz- und Performance-BesucherInnen mehr verhasst als Mitmachen. Das hiesige Publikum ist seit Jahrhunderten nicht zum Sich-zur-Schau-Stellen und Eingreifen konditioniert (mit Ausnahme des lautstarken Protests von WutzuschauerInnen). Der Künstlerzwilling mag das Wort Publikumspartizipation gar nicht und vielleicht ist genau das der Grund, warum er immer wieder aufs Neue das Publikum dazu bringt, lustvoll und zufrieden mitzumachen.

Silberne Ballons

Hier ist dem Publikum (fast) alles erlaubt, was es sonst nicht darf – die einzige Auflage lautet, nur möglichst nicht zu sprechen. Beim Umkleben der philosophischen Zitat-Karteikarten von A nach B im Performanceraum bleibt dann idealerweise vielleicht etwas hängen („Why do we feel horror and moral repulsion in the face of suicide bombing when we do not always feel the same way in the face of statesponsored violence?“ – Judith Butler) und beim Vor-sich-Hertragen der vor- oder selbstgefertigten Schilder tritt mitunter momenthaft eine Identifikation mit dem Proklamierten ein („Pause als Unruhe“; „Nur strenge Formen helfen gegen Schmerzen“; „The body does not belong to itself“).

Alain Franco begleitet das Tun der BesucherInnen, die längst zu PerformerInnen geworden sind, mit einer „Ring des Nibelungen“-Variation am Klavier. Einzig die Tanzeinlagen des silbergekleideten Künstlerzwillings und Walkürenanhangs lassen den geschäftigen Publikumsbienenstock innehalten. Am Ende jedes Tanzes wartet dann auch schon die nächste Handlungsanweisung, die auf bunten Karteikarten von den Initiatoren der Performance an die neu gewonnen PerformerInnen verteilt wird. So fliegen silberne Luftballons fröhlich in den Himmel, um die Götterdämmerung zu symbolisieren. Und spätestens hier wird klar, dass Verstehen nicht das angestrebte Ziel ist.

Dem Künstlerzwilling ist es wieder einmal gelungen, seine Methode des Re-Fomulierens erfolgreich einzusetzen und sein Publikum zur Reflexion komplexer Themen anzuregen. Verständnis (mental und sozial) und friedvolles Miteinander tritt ja bekanntlich nur in Intervallen auf – die dann aber, wie Anarchiv #3, gebührend genossen werden sollten.


(6.12.2011)