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Der feine Unterschied

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CEZARY TOMASZEWSKI HOLT VIER POLNISCHE PUTZFRAUEN AUF DIE BÜHNE ZUM BRUT-OPERETTENWINTER

Von Judith Helmer


Franz Lehárs „Lustige Witwe“ sei für ihn der Inbegriff des Wienerischen, während die Österreicher mit Polen vor allem ihre Putzfrauen in Verbindung brächten, erklärte der polnische, in Wien lebende Choreograf Cezary Tomaszeski in der „Falter“-Reportage seine Idee, beides zu kombinieren: Vier polnische Putzfrauen singen und spielen „Die lustige Witwe“. Kein Witz, sondern Teil des Operettenwinters im Wiener brut.

Agnieszka Malek, Alicja Soszynska, Halina Graser und Maria Zardzielewicz sind die Stars des Abends. Ihre Freude an dem ungewohnten Auftritt, an den üppigen Kostümen von Pelzmantel über Putzkittel bis zu Minirock, an angestecktem Federkopfschmuck oder der Hosenrolle, aber auch ihre Offenheit und Verletzbarkeit, mit der sie sich und ihre Lebensgeschichte dem Publikum präsentieren, bescheren ihnen unweigerlich die uneingeschränkte Sympathie des Publikums.

Lehars „Lustige Witwe“, zu deren Aufführung sich die vier Damen zusammengefunden haben, gibt dazu den passenden ironisch-emotionalen Rahmen. Victor Léons und Leo Steins komödiantische Liebesgeschichte mit Hindernissen von der millionenschweren Witwe Hanna und dem stolzen Lebemenschen Danilo, die Lehár mit seinem berühmten Liebeswalzer, dem flotten Maximmarsch, dem melodiösen Viljalied und dem schmissigen Grisettenchor zu wohl unvergänglicher Berühmtheit verholfen hat, hat zwar mit dem Leben der vier Frauen so wenig zu tun wie die Geschichten der von ihnen geliebten Fernsehserien à la „Wege zum Glück“ - aber gerade darum ist die Witwe ein passabler Rahmen dieses Sehnsuchtsstückes.

Wie das Leben so spielt

Denn es sind die Lebensgeschichten voller Träume und Sehnsüchte dieser Frauen zwischen 27 und 62 Jahren, die anstelle der Operettenhandlung zwischen den Ohrwürmern erzählt werden. Wie die von Halina Graser. Das erste Engagement als Sängerin in einem polnischen Opernhaus bereits in der Tasche, entschied sie sich damals für den Schritt nach Wien. Lieber Aufbaustudium in der Weltstadt der Musik als Sternchen in einem kleinen, polnischen Musiktheater. Dann kam der Mann, die Ehe, die Kinder, und aus der eigenen Gesangskarriere wurde nichts. Stattdessen eben Putzfrau - „obwohl ich das Putzen hasse“. Der Traum, das Lied der Vilja einmal vor Publikum zu singen, wurde nun also wahr - ohne Playback, „das brauche ich nicht“. Ob es der 27-jährigen Agnieszka Malek einmal ähnlich gehen wird?

Sie ist mit ihrer Musicalausbildung die zweite geschulte Darstellerin in dieser Produktion, doch kann sie dem Musical nur mehr wenig abgewinnen und hält sich auch selbst für so überaus durchschnittlich, dass es wohl mit der großen Karriere nichts werden wird. Also Putzen. Maria Zardzielewicz blickt schon mit einigem Stolz auf das Leben zurück: „Meine kleinen Hände haben viel Geld gemacht.“ Als Altenpflegerin, Schneiderin und Putzfrau war sie fast in der ganzen Welt beschäftigt, und daheim in Polen hat sie von dem Ersparten den faulen Mann durchgefüttert, zwei Wohnungen gekauft und ein Haus gebaut. Alicja Soszynska wundert sich, wie die Zeit vergeht. Für drei Wochen wollte sie damals nach Wien kommen, nun ist sie seit 30 Jahren hier.

Es sind diese Geschichten, die das Leben schrieb, die den Abend tragen, nicht das etwas bemühte Staubsaugerballett, der Tanz im Trippelschritt oder die Liebesszene hinter Zimmerpflanzen. Die berühmtesten Nummern aus der Operette wie „Lippen schweigen, 's flüstern Geigen“, „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ oder „Dummer, dummer Reitersmann“ werden Playback eingespielt und von den vier Frauen mitgesungen und mit kleinen Choreografien versehen, die sich dümmlich über die Operettenklischees lustig machen.

Koketterie mit den „echten Menschen“

Tomaszewski bemüht also das in letzter Zeit so überaus beliebte Spiel, „echte Menschen“ auf die Bühne zu holen. Die sympathischen Laien sind quasi per se ein Garant für begeistertes Publikum. Die Lebensgeschichten müssen geschickt destilliert werden (hier mit Hilfe der jungen Autorin Rosemarie Poiarkov, die schon bei ihrer Arbeit an „Matti - Runter kommen alle“ im brut ein Händchen für den dramatischen Gebrauchstext im besten Sinne bewiesen hat), und es braucht einen guten Rahmen. Hier arbeitet etwa Rimini Protokoll - die mit ihren „Experten des Alltags“ seit Jahren das Infotainmenttheaterfeld beackern - wesentlich raffinierter und aufwendiger. Denkt man an Doris Uhlich, die ebenfalls in „UND“, „SPITZE“ und vor allem zuletzt in der fast sprachlosen Tanzskizze mit ihrer eigenen Mutter immer wieder sich selbst reflektierende Menschen zeigt, so ist hier der Umgang mit ihnen wesentlich delikater, eine feine Übersetzung von Lebensmaterie in Sprache und Aktion. Dagegen bleibt an Tomaszewskis „Lustiger Witwe“ der fahle Beigeschmack des Kokettierens hängen, sowohl mit dem Genre Operette als auch mit der Rolle der polnischen Putzfrau.


(24.1.09)