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Der I-Effekt

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HUNDERT PROZENT WIEN – EIN RIMINI PROTOKOLL FÜR DIE FESTWOCHEN

Von Elke Krasny



Die statistische Aufführung der Stadt kann sich selbst nicht genügen. Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack. Doch vielleicht ist es genau dieser, den die Gruppe Rimini Protokoll mit „100 Prozent Wien. Eine statistische Kettenreaktion“ ihr Publikum mit Theater-Mitteln auskosten lassen wollte. Der pädagogische Impetus dabei ist unübersehbar. Das Theater ist wieder Lehranstalt. Aber was lernen wir hier? An die Stelle des einst bewährten V-Effekts tritt der schon lange grassierende I-Effekt: der Identifikations-Effekt. Wir sollen wieder Empathie haben. Wir sollen uns identifizieren. Wir sollen mitfühlen. Wir sollen begreifen, dass wir so sind wie die anderen und dass die anderen so sind wie wir.

Wir, das Publikum, unterscheiden uns dennoch von denen, die auf der Bühne agieren. Wir sind dem Zufall der Interessen gefolgt. Wir wurden weder ausgewählt noch erfasst. Das Publikum ist folglich mehr als die Statistik, da es in bunter Zusammengesetztheit des Zufalls dieser nicht entspricht und zugleich weniger, da es nicht eine Stadt als Ganzes abbildet. Das Publikum repräsentiert die Stadt nicht. Die auf der Bühne schon. So sind die Ansprüche verteilt. Um welche Öffentlichkeit es sich dabei handelt, sollte man sich fragen. Das Publikum ist an diesem Abend die statistikfreie Zone. Der I-Effekt besteht darin, dass sich Anteilnahme und Applaus mit denen, die auf der Bühne stehen, sprechen, gehen, verbündet. Sie stehen für uns. Da kann man doch schlecht dagegen sein.

Ermüdendes Voting

Die Kettenreaktion der von Rimini Protokoll initiierten Recherche nahm mit einem ehemaligen Mitarbeiter des Call Center der Statistik Austria seinen Ausgang. Dramaturgische Inhaltsinspiration war das Statistische Jahrbuch und die Liste des Was-Wäre-Wenn. Was also wäre, wenn man der Statistik Beine machen könnte, wenn sie zu laufen beginnen würde, wenn sie sich (wieder) mit Leben, aus dem sie ja kommt, füllte? Um die 100 Wienerinnen und Wiener zu finden, die hundertprozentig die Statistik abbilden, wurde ein Suchraster mit den Kategorien Geschlecht, Alter, Familienstand, Staatsbürgerschaft, Wohnbezirk und Religion entwickelt. Das Modell der Suchrasterfahndung wurde ins Modell persönliche Vernetztheit in der Stadt durch ein Kettenreaktions-Spiel übersetzt.

Der ehemalige Call-Center-Mitarbeiter Martin Thomas Pesl nominierte als zweiten der zu findenden der weiteren 99 Konstantin Papageorgiou und so ging das Suchspiel weiter. Das – übrigens wirklich fesselnde – Programmheft entschlüsselt die Kettenreaktions-Verhältnisse. Der Chor der 100, ob Alt oder Jung, gab sich auf der Bühne immer mit einem begleitenden Identifikationsobjekt zu erkennen, von der Wireless MacMouse bis zum Igel, auch diese kann man im Programmheft identifizieren. Teil eins ist die Versammlung der 100. Sie stellen sich vor. Dann beginnt der Reigen der Fragen.

Sie stehen auf einer Drehbühne. Die Scheibe dreht sich. Auf der Wand hinter ihnen sind sie live projiziert. Wir sehen doppelt oder vereinzelt. Diejeinigen, die bei einem der beiden am vorderen Bühnenrand platzierten Mikrophone sprechen, sehen wir groß projiziert. Teil zwei ist das Spiel der Fragen. Teil drei verliert sich live musikalisch. Wiewohl man wissen will, was sie sagen und wie sie sich entscheiden zur Unzahl der „Ich“- und „Nicht-Ich“-Fragen, ist dies auf die Dauer ermüdend. Das Voting-Verfahren erinnert an zeitgenössische Medienpraktiken. Von der  Kettenreaktion über Facebook bis zu Demonstrationen versammelt „100 Prozent Wien“ eine Reihe populärer Verfahren und Praktiken, die als dramaturgische Partikel aneinandergereiht wurden.

Übung in Selbsterkenntnis

Dreimal hat der Chor geprobt. Die Gruppenbilder wechseln je nach Frage. „Wer ist für die Wiedereinführung der Todesstrafe?” wurde gefragt oder „Wer könnte diese Stadt regieren”. Je nach Frage konstellieren sich die Gruppen neu, verteilen sich die zustimmenden oder ablehnenden Gemenge, die man wie die gefühlten Entscheidungen auch als politische Verhältnisse deuten kann, unter den Headern „Ich” oder „Ich nicht”. Der Chor der 100 ist ständig in Bewegung. Die Abfragetechnik konstelliert die Gruppe neu. Jede steht mit jedem in anderen Ähnlichkeits- und Differenzbeziehungen. So weit, so real.

Es wird auch gefragt, ob man es an diesem Abend einmal nicht so genau mit der Wahrheit genommen hat. Viele bejahen. Die Wirklichkeit der Aussagen ist immer eine andere als die Wirklichkeit der Gedanken oder der Handlungen. Diese Realdifferenz lebt in ihren eigenen Fiktionen. So weit, so aufgeführt. Mehr haben wir an diesem Abend mit statistischer Wahrscheinlichkeit nicht in Erfahrung bringen können. Eine Übung in kollektiver Selbsterkenntnis. Ich. Nicht-Ich.

PS: Von vielen Besucherinnen und Besuchern wurden die vom Hauptsponsor A1 angebotenen Minidrachen auf ihren Sitzen zurückgelassen. Sie werden nicht als Werbeträger abheben: mit der sich selbst erfüllenden Wörtlichkeit ist es eben so eine Sache…


(1.6.2010)