Der kleine Schocker

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ZEITGENÖSSISCHER TANZ UND SEINE PUBLIZISTIK POST PINA BAUSCH

Von Helmut Ploebst


Eine Theaterzeitschrift macht sich Sorgen. „Tanz“, ruft es von der Titelseite der aktuellen Februar-Ausgabe von Theater heute, und: „Wie weiter nach Pina Bausch?“ Eine zugegeben überraschende Frage. Im Inneren des Blattes präzisiert die Redaktion in einem zweiten Aufmacher: „Tanztheater“. Und fragt noch einmal grundlegend nach: „Wo steht der zeitgenössische Tanz in Deutschland?“ Einmal umgeblättert, und schon scheint eine joviale Artikelüberschrift zu entwarnen - „,Noch ein Weinchen, noch ein Zigarettchen‘“. Doch der dazugehörende Untertitel führt zurück ins Drama: „Deutsches Tanztheater nach Pina Bauschs Tod: Das kann's doch noch nicht gewesen sein!“

Es fällt schwer sich des Eindrucks zu erwehren, daß hier etwas in einer Art aufgebauscht wird, die der im Juni 2009 verstorbenen großen Künstlerin garantiert peinlich gewesen wäre. Niemals hätte sie den Anspruch gestellt, der Tanz im Allgemeinen - oder auch spezifischer: das Tanztheater - hänge am seidenen Faden ihres Lebens oder Werks. Im Anreißer zu dem zwei Texte umfassende Thema von Theater heute wird auch nach den „ästhetischen Perspektiven“ und den „strukturellen Problemen“ des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland gefragt. Antwort darauf geben zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten: die konservative Kritikerin Wiebke Hüster und Hortensia Völckers, die künstlerische Direktorin der deutschen Kulturstiftung des Bundes.

Erfrischend ist die kritische Perspektive, die Hüster gegenüber Pina Bausch einnimmt. Sie ätzt gegen die Vorstellungen „mit schönen, langhaarigen Frauen, ihren ekstatischen Bewegungen und dem lieblichen Ernst und der irren Naivität, die das zuletzt ausstrahlte“. Und sie stellt fest: „Womöglich ist die Stilrichtung des Tanztheaters als Fortsetzung des hierzulande auch überschätzten historischen ,German Dance‘, des deutschen Ausdruckstanzes, mit dem Tod von Pina Bausch an ein Ende gelangt.“

Das tiefe deutsche Tanzproblem

Und Hüster begründet treffsicher, warum eine bestimmte Theaterklientel dem Hingang des Tanztheaters nachtrauern mag: „Seit Pina Bauschs Tod gibt es im deutschen Tanztheater nichts mehr zu sehen, das Schauspielzuschauern das Gefühl geben könnte, eine Verbindung zur Sprache der Bewegung zu haben.“ Heißt: bei Bausch mußte sich das Theaterpublikum nicht besonders anstrengen, weil in ihren Arbeiten dem „Vergnügen kinästhetischer Wahrnehmung ohne kinästhetische Überforderung“ gefrönt werden konnte.

In keiner Zeile ihres Texts aber stellt Hüster den Anspruch, die Frage nach den ästhetischen Perspektiven des zeitgenössischen Tanzes beantworten zu wollen. Sie zweifelt etwa an Sasha Waltz oder Constanza Macras, findet, William Forsythe sei „der radikalste und erste unter den lebenden Choreografen“ - was gerade für das Ballett auch zutrifft - und verweist auf Tanztheater außerhalb der Grenzen Deutschlands wie bei Sidi Larbi Cherkaoui oder Akram Khan oder innerhalb, wie bei John Neumeier oder Mei Hong Lin. Warum auch nicht. Mit dem zukunftsweisendem zeitgenössischen Tanz hat das alles ohnehin nicht viel zu tun.

Leider hat die Redaktion von Theater heute darauf verzichtet, noch eine zweite Perspektive zur zeitgenössischen Choreografie zu liefern, die dort ansetzen, wo Hüster bloß „postpostmoderne Epigonen wie Meg Stuart“ ortet. An diesbezüglich kompetenten AutorInnen wie unter anderen Gabriele Wittmann oder Franz Anton Cramer fehlt es in Deutschland ja nicht. Aber die deutsche Kulturlandschaft hat, wie auch in anderen Medien deutlich wird, ein tief sitzendes Problem mit progressivem Tanz. Das ist immer wieder auch in den Mittelschichtsendern 3sat und arte zu sehen, und in den allgemeinen und fachspezifischen Printmedien ebenso.

Verschämtheit vor dem Experiment

Das ist insbesondere äußerst bedauerlich, weil der Öffentlichkeit so Kunstschaffende vorenthalten werden, deren Werke die Frage nach den ästhetischen Perspektiven im zeitgenössischen Tanz von heute maßgeblich mitbeantworten: deufert+plischke, Martin Nachbar, die Gruppe praticable, Jochen Roller, VA Wölfl, immer noch Xavier Le Roy und Raimund Hoghe, gerade auch Meg Stuart, Simone Aughterlony, Gintersdorfer/Klaßen, Laurent Chétouane oder Antonia Baer, um nur einige Namen zu nennen, von denen manche immerhin in der Nürnberger Tanzplattform 2010 gelistet sind.

Ein Verdienst zumindest hat der kleine Schocker in Theater heute: er macht darauf aufmerksam, daß es in Deutschland ein gewaltiges kulturpolitisches Problem mit dem zeitgenössischen Tanz gibt. Die Totschlagwörter dagegen heißen etwa „Autistentum“ (Hüster über Stuart) oder „Selbstreferenzialität“ (erstaunlicherweise: Völckers - möglicherweise verkürzt - im Interview mit Theater heute). Für die betroffenen KünstlerInnen ist das ein Schlag ins Kontor, für Analytiker zumindest ein gefundenes Fressen. Denn fortgesetzt in die Förderungsstrukturen sind derartige stereotype Ideologeme indirekte Zensur an zeitgenössischem Kunstschaffen - und nicht weniger. Die Misere um die Jurybegründung zur Weiterförderung der Berliner Sophiensæle hat dies vor kurzem überdeutlich gemacht.

Von außen betrachtet sieht es so aus, als würde sich Deutschland für seine experimentelle Choreografie schämen, als würde dem Publikum nicht zugetraut, sich mit komplexem, „ermittelndem“ und bewußt herausforderndem Tanz auseinandersetzen zu können. Sowohl Hüster als auch Völckers sorgen sich um das „Erbe“, also um die Historisierung des Tanzes. Das ist wichtig und richtig, kann aber nur entlang einer expandierten Förderung der progressiven Choreografie gedacht werden, das betrifft übrigens auch das Engagement von Tanzplan Deutschland in den Schulen. Hier gibt es auch schon weiterführende Modelle wie etwa „I Like to Move It Move It“ bei Linz09 in Österreich.

Friedrich ist ein Wüterich

Aus Tanzplan Deutschland wird also nach 2010 ein Tanzlabor Deutschland werden müssen (und kein „Büro“ oder eine ähnlich pragmatische Vermittlungsautorität, wie letztlich auch beim Hamburger Tanzkongress 2009 vorgetragen wurde), wenn die Investitionen des ersteren nicht in den vermeintlichen Sachzwängen der „Krise" verpuffen sollen. Nur so wird sich die Frage nach den Perspektiven im Tanz in der kulturpolitischen Praxis beantworten lassen.

Wobei wir wieder bei Theater heute wären - und damit bei dessen Eigentümer, dem Friedrich Berlin Verlag. Dessen Verleger Michael Merschmeier kommt das zweifelhafte Verdienst der zielstrebigen Reduktion der Tanzpublizistik zu. Allzu vertrauensselig und mit letalem Ausgang hatte sich schon vor einigen Jahren die österreichische Zeitschrift tanzaffiche an seinen Busen gelegt, und als das tanz-journal zu Friedrich ging, wußten alle Kenner bereits, was sich nun bewahrheitet hat: Merschmeier macht aus zwei krachkalt eins. In diesem Fall wurde aus ballettanz und tanz-journal im Februar tanz. Mit einem Signifikanten übrigens (Zeitschrift für Ballett, Tanz und Performance), der bestechend melodisch an jenen von corpus erinnert (internet magazin für tanz, choreografie, performance). Es ist ein mindestens ebenso bestechend sinnliches Heft geworden - mit unter anderem einem wunderbaren Rückblick auf vergangenene deutsche Tanzzeitschriften, einem ausführlichen Text über das Phänomen Sacre du printemps im Tanz und dem wichtigen Hinweis auf eine Biografie von Rolf de Maré.

Der Kauf, das Abonnement und die Lektüre der letzten verbliebenen großen Tanzzeitschrift im deutschsprachigen Raum sei hiemit empfohlen - auch und gerade von corpus, weil uns mediale Vielfalt sehr, sehr wichtig ist. Obwohl uns eigentlich eine andere Zeitschrift inhaltlich näher liegt, deren zweite Ausgabe rechtzeitig zum Tanzkongreß vorgelegen ist: das tanzheft zwei unter der Redaktion von Edith Boxberger und Sandra Noeth mit großartigen Texten von Rachid Ouramdane, Franz Anton Cramer, Jeroen Peeters, Fabian Barba und Stefanie Wenner. Von tanzheft eins bis zwei hat es beinahe 22 Monate gebraucht. Wir wünschen uns die Nummer drei noch in diesem Jahr!

Der zeitgenössische Tanz wird auch post Pina Bausch weiterexistieren, das Tanztheater nicht minder. Aber ohne eine kontinuierliche, kompetente, kritische oder gar streitbare, in jedem Fall vermittelnde, populär oder intellektuell orientierte oder konservative oder progressive publizistische Begleitung würde sich die für jede Kunstform elementare Diskursbildung, Historisierung und Kontextualisierung im Tanz auf Small talk und Jury-Entscheidungen beschränken. Für den zeitgenössischen Tanz wäre das fatal. In diesem Sinn alarmierend ist auch die Kürzung des Budgets der außergewöhnlichen Zagreber Performing-Arts-Zeitschrift frakcija um fünfzig Prozent durch die kroatische öffentliche Hand. Ihr Verschwinden wäre ein nicht wieder gutzumachender Verlust.


Links:
tanz: www.tanz-zeitschrift.de
tanzheft: bestellung unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
frakcija: www.cdu.hr/frakcija


(9.2.2010)