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MATHILDE MONNIER UND CHRISTINE ANGOT IN "LA PLACE DU SINGE"
Von Elke Krasny
Sprechen ist Bewegung. Bewegung ist
Sprechen. Kaum etwas könnte dies deutlicher zum Ausdruck bringen als
die starke Bühnenbegegnung zwischen der Tänzerin Mathilde Monnier und der
Literatin Christine Angot bei der österreichischen Erstaufführung von
„La Place du singe" im Tanzquartier Wien.
Jede Haltung ist etwas wert. Und wenn heute jemand Haltung zeigt, dann ist das auf jeden Fall etwas wert. Wenn jemand Haltungen offenlegt, entblösst, sich selbst dabei einsetzt und dekonstruiert, dann zeugt das von Haltung. Aber auch die Werte produzieren ihre eigenen Haltungen - Werthaltungen. Zwischen Reiz und Revolution, zwischen totaler Abscheu und faszinierter Anziehungskraft evozieren und provozieren die Tänzerin und die Literatin die ganz speziellen Werthaltungen der Bourgeoisie. Gemeinsam arbeiten sich die beiden koproduzierend und antithetisch in die kanonisierten und tradierten Werte, Haltungen und Mentalitäten der Bourgeoisie hinein. Monnier und Angot benennen und attackieren, sie beschreiben und revoltieren, sie verführen und negieren.
Fahne und Fahne
Seit dem Jahr 1994 leitet Mathilde Monnier das Centre Choregraphique National de Montpellier. Diese Stadt, Montpellier, musste Christine Angot nach der Veröffentlichung ihres autobiografischen Romans "Inzest" verlassen, zu groß waren die Anfeindungen. Angot ging mit ihrer Tochter nach Paris und verarbeitete die Erfahrung in dem Roman "Die Stadt verlassen". Verlassen, still ist auch der Bühnenraum am Anfang der Performance. Er ist bereit, konzentriert für das, was kommen wird. Ein heller Tanzboden, zwei unterschiedlich breite weiße Wandsegmente mit einem schmalen Durchgang, darüber eine weiße Leiste. Das Bild der Textfahne liegt nahe. Und die vertrauten Accessoires einer literarischen Lesung gibt es, einen Tisch mit schwarzer Platte, einen schwarzer Sessel. Christine Angot kommt, gewappnet mit Jeans, schwarzer Bluse und schwarzen Schuhen mit deutlichen Absätzen, gerüstet mit den weißen Papieren, auf denen ihr Text steht. Doch das, was sie tut, ist weit mehr als eine Lesung. Sie ist ihre Worte. Sie lebt sie, trägt sich in ihnen vor, verausgabt sich. Legt die Heucheleien und Lügen der Bourgeoisie frei, aber auch ihre Anziehung von, ihr Bedürfnis nach der Intellektualität - während es Monnier ausgesprochen nach Coca-Cola dürstet.
Mit hoher Präzision lässt Monnier den Körper explodieren, agiert mit den Worten, gegen sie, immer zur gleichen Zeit, kaum gemeinsam, aber immer zu zweit, selbstbezüglich aufeinander bezogen. Auch Angot hat ihren Körper gewappnet, enge Jeans, leuchtend rot das Oberteil. Auf die Schriftfahne wird die deutsche Übersetzung projiziert, auf dem Boden die französische Fahne, hereingetragen und aufgefaltet von der langjährigen Bühnenbildnerin Monniers, Annie Tolleter. Die Fahne wird Monnier mit Füßen treten, wird sie um ihre Füße wickeln. Die Stimme evoziert die Bourgeoisie, der Körper die Revolte. Die Stimme revoltiert, der Körper bourgeoisiert. Die Spannung ist in jedem Augenblick da. Monnier küsst und schmatzt und schneidet Grimassen, sie dreht und windet sich, nur mit einer schwarzen Unterhose bekleidet, auf der als Podest dienenden, mit der Fahne umwickelten Lautsprecherbox. Die Stimme spricht vom Verabscheuen. Und die Stimme spricht vom Körper der Bourgeoisie, vom Kopf und von der Taille und den langen Armen. Jedes Wort findet zu seiner Bewegung, es wird grotesk. Der Raum füllt sich mit Tischen, einer nach dem anderen von Tolleter, die später auch noch den titelgebenden Affen geben wird, durch den Durchgang geschoben, bis ihre Anzahl auf siebzehn angewachsen ist. Doch an diesen Tischen wird nicht gelesen, auf diesen Tischen wird getanzt, bis sie sich in Bewegung versetzen.
Geben und geben
„Sie lieben die Menschen, die auf die Bühne gehen. Sie lieben das Ballett, Christie's, Sotheby's, die Bücher", sagt Angots Stimme, in ihrer bekennenden Abrechnung, ihrem faszinierten Bekenntnis. „Denn dumm sind sie nicht." Sie spricht vom Geben, vom Geben der Bourgeoisie, weil man hat, um geben zu können. Und die beiden geben ihre äußerste Intensität, verausgaben sich, geben über das Geben hinaus. Sie verschweigen nichts, sie bewegen alles. Jede Bewegung ist eine Attacke. Jede Bewegung ist eine Verführung. Die Worte auch. Mehr kann man nicht geben. Mehr zu geben, kann man nicht verlangen.
(21.4.2007)
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