Der Prozess als Ereignis

Drucken

MARGINALIEN ZUR KURATORISCHEN PRAXIS DES "STEIRISCHEN HERBSTES" 2006 

Von Patric Blaser nach einem Gespräch mit herbst-Intendantin Veronica Kaup-Hasler

Seit seiner Gründung im Jahr 1968 steht der steirische herbst im Ruf, eine der wichtigsten Plattformen zeitgenössischer Kunst zu sein. Nachdem er dieses Etikett in den letzten Jahren nur mehr sehr schwer für sich reklamieren konnte, gelang dem herbst 2006 unter der neuen Leitung eine echte Neupositionierung, die auch dem Avantgarde-Gedanken aus der Frühzeit auf beeindruckende Weise, weil zeitgenössisch aktuell, gerecht wurde.

Veronica Kaup-Hasler und ihrem Team gelang es nicht nur, spannende und innovative Kunst in Graz zu versammeln, ihre besondere Leistung besteht vielmehr darin, das Format ‚Festival' neu zu denken. Denn der steirische herbst unter Kaup-Hasler gibt sich - manch Ansprüchen lokalpolitischer Provenienz zum Trotz - ganz offensichtlich nicht damit zufrieden, das Festival auf ein kurzfristiges Ereignis hin zu trimmen und gerade angesagte Künstler oder aktuelle Inszenierungen - und seien sie noch so aufregend, gelobt und hoch dekoriert - einfach nur der ‚sicheren Nummer' wegen zu präsentieren. Das Festival soll nicht als Durchlauferhitzer im Künstlermarketing fungieren. Konsequent verweigert sich der steirische herbst dem name dropping und bloßen Abfeiern jüngster künstlerischer Setzungen. Das Festival verfolgt konsequent das Ziel, statt mit vermeintlich großen Namen mit relevanten Inhalten zu punkten. Daher nimmt Kaup-Hasler weniger Rücksicht darauf, was festivalfähig ist oder darauf, was medial gut vermittelbar ist.

Stattdessen setzt sie andere Akzente: ein kursorischer Blick auf das heurige Programm offenbart, wie der neuen Intendantin vor allem auch daran gelegen war, die Bedingungen und Möglichkeiten eines solchen Festivals zu überprüfen und seine Form allenfalls anders zu denken. In diesem Sinne bedeutet die Leitung eines großen Festivals heute eine besondere kuratorische Herausforderung. Denn wie Kaup-Hasler im Gespräch betont, befänden sich die Festivals heute in einer völlig anderen kulturpolitischen Situation als noch vor wenigen Jahren. Einerseits sei die Zahl der Festivals inflationär gestiegen, und andererseits veranstalten - wegen des enormen Innovationsdrucks, der Angst, nicht aktuell oder relevant genug zu sein und der gestiegenen Erwartungen des Publikums - viele Stadttheater innerhalb ihres Spielplanes kleine Festivals. Wichtig sei daher von Anfang an die Frage gewesen, wie ein Mehrspartenfestival, zumal vom historisch gewachsenen Zuschnitt des steirischen herbstes, in einer so übereventisierten Gesellschaft überhaupt positioniert werden könne. Das Nachdenken über das Besondere, Eigene und der Druck auch Neues zu (er)finden, seien daher auch für ein Festival sehr viel intensiver geworden.

Research-Organe 

Tatsächlich ist der herbst 2006 einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Statt auf große repräsentative Aufführungen und Gastspiele (ganz ohne die es zwar immer noch nicht geht) setzte er verstärkt darauf, sich zu einem Festival des Produzierens zu entwickeln, oder wie Kaup-Hasler es formuliert, der herbst müsse dadurch international unverwechselbar werden, indem er dezidiert dem Initiieren, dem Ermöglichen von neuen Arbeiten gewidmet sei. In der Schaffung von geeigneten Formen und Formaten wie Netzwerke, Labors und internationalen Workshops sowie ähnlichen Research-Organen sieht sie die Mittel, Prozesse in Gang zu setzen, die die neue Identität des herbstes ausmachen. In diesem Sinne sei die erste Ausgabe des herbstes auch ein „Labor der Formate" gewesen. Natürlich gebe es da von Anfang an viele Unsicherheitsmomente, weil vieles erst vor Ort entsteht und es habe damit auch da und dort eine Diskrepanz zwischen der Realisierung und der Intention gegeben. Aber die Positionierung als Festival der Produktionen und Prozesse, die die Einbeziehung und multi-, trans- und interdisziplinären Vernetzung sowohl internationaler wie auch regionaler KünstlerInnen und Institutionen sei das Wesentliche und Konstitutive eines neuen herbstes gewesen. Bei diesen Überlegungen mag die institutionelle Situation des herbstes - das heurige Budget war mit rund drei Millionen Euro um etwa siebenhunderttausend Euro kleiner als die Jahre davor - so wie der Auftrag, Eigenproduktionen und Uraufführungen bringen zu müssen, auch eine Rolle gespielt haben.

Bei all den Überlegungen um die Form, um die Inhalte des Festivals geht es Kaup-Hasler aber nie um das Neue an sich. Viel wichtiger ist ihr der dezidierte Wille zur kritischen Zeitgenossenschaft, der die Grundüberzeugung eigen ist, daß avancierte Formen der Kunst immer auch gesellschaftspolitische Situationen und Prozesse befragen. Das heißt, daß ästhetische immer auch gesellschaftspolitische Relevanz bedeutet. Deshalb entwickelt der diesjährige herbst ein markantes Profil nicht nur durch seine prozeßhafte Konzeption, seine kollaborative Identität oder durch seine mitunter ironisch zur Schau getragenen Multidisziplinarität nach dem Motto „Alles ist alles" (das Konzert ist eine Installation ist eine Performance ist eine Ausstellung, ist Theorie), sondern vor allem auch in der forcierten Verknüpfung von künstlerischen und theoretischem Diskurs.

Über gut bekannte Theorieformate wie die geschlossenen Workshops, die halböffentlichen Labors, die frei zugänglichen Vorträge, aber eben auch darüber hinaus entwickelt der herbst ein ganz eigenes praxisorientiertes Theorieformat, die so genannte „Spielfeldforschung", die Kunst und Theorie, Praxis und Reflexion auf spezifische Wiese zueinander bringen will. Auf die Frage, worin denn die Notwendigkeit des Zusammenfließens von künstlerischer Arbeit und theoretischem Diskurs bestehe, oder anders gefragt, ob zeitgenössische Kunst erklärungsbedürftig sei, antwortet Kaup-Hasler, daß es dabei nicht um eine Erklärungsreihe für Kunst gehe. Bei Kunst müsse es primär ein sinnliches Erleben geben, das für sich auch eine Erfahrung als Wissensgewinn darstelle. Natürlich sei es aber so, daß die heutige Kunst leichter lesbar und verständlich wird für den, der über theoretische Kenntnisse verfügt. Es stellt sich die Frage, mit welchen Formaten vermittelt ein Festival Theorie? Ein Festival ist keine Universität. Neben den klassischen akademischen Formaten müssen in der Wissensvermittlung andere Wege gesucht werden. Man betrachte das Festival deshalb als eine Art überdimensionales Spielfeld, durch das der Besucher, begleitet von einem Wissenschaftler, mal spielerisch mal analytisch verweilend herumschweift.

Neue Fragen, neue Begriffe 

Während dieses gemeinsamen Flanierens bekommt der Besucher vielleicht nicht nur den eigenen Blick erklärt, er wird dabei konfrontiert mit dem Blick des anderen und erfährt spielerisch eine Sache mit ganz anderen Augen zu sehen. Es geht dabei, wie auch Gesa Ziemer und Florian Malzacher, die beiden Kuratoren der Spielfeldforschung schreiben, um „Formate, die auf Schiffbruch anstatt auf territoriale Sicherung setzten und so neue Fragen und Begriffe ermöglichen". Das performative Format der Spielfeldforschung bedeute, so Kaup-Hasler, ein Sich-selbst-Ausliefern auf unsicherem Gelände. Sie ‚diskutiert' entlang der Festivaldramaturgie mit Performances, Texten, Vorträgen, Workshops, Theater, Musik, Bildern und Installationen, um so aus heterogenen Blickwinkeln Unsicherheiten und Unvorhersehbarkeiten zu erzeugen.

Vielleicht ist das die Neuschöpfung des steirischen herbst 2006 - spielerisch leicht und trotzdem ernst sich der Verunsicherung durch Kunst gestellt zu haben. Am steirischen herbst wurde derart in theoretischer Versuchung und Verunsicherung kuratiert, damit nicht bloß Kunst, sondern auch Gesellschaft ins Blickfeld rückt.

http://www.steirischerherbst.at/