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MASSIMO FURLAN TANZT HANS KRANKL IN DEM FUSSBALL-REENACTMENT "DAS WUNDER VON CORDOBA" BEI DEN WIENER FESTWOCHEN
Von Helmut Ploebst
Bevor noch die Dämmerung in die Arena herabsinken kann, werden leistungsstarke Lichtkanonen angeworfen, eine gutgelaunte Menge drängt sich in einer der vier Tribünen. Das Stadion im Westen Wiens ist nach dem Fußballer Gerhard Hanappi (1929-1980) benannt, der es nach seiner Sportlerkarriere als Architekt geplant hat. Ein zugiger Ort. Im Wiener Volksmund heißt es deshalb auch „Vogelhaus".
Das Vogelhaus wird während der Wiener Festwochen für einige Tage zu einer Zeitmaschine. Massimo Furlan (Italiener, geboren 1968 in der Schweiz, Künstler, Performer) wird allein und ohne Ball ein legendäres Match nachspielen: „Das Wunder von Cordoba“ (1978). In der Rolle des Torschützenmeisters Hans Krankl, begleitet von dem Originalkommentar des damaligen Sport-Starreporters Edi Finger junior. Dieser Kommentar kommt aus einem als Bierdose getarnten Radio, wie es an alle Zuschauer verteilt wird: eine Referenz auf Furlans Kindheit, als der kleine Massimo allein in seinem Zimmer Fußballspiele nach Radiokommentaren nachspielte.
In der Zeitmaschine...
Die Zeitreise führt nach Argentinien und in die Köpfe der Wiener Zuschauer, denn das Match ist deshalb historisch, weil Österreich (als „Fußball-Nation“) Deutschland (als „Fußball-Nation“) 3:2 besiegt hat - erstmals wieder nach 47 Jahren. Damals, 1931, gewann die österreichische Mannschaft in Berlin mit 6:0. Furlan rührt an die lichten und dunklen Saiten der kollektiven Erinnerung. Was heißt Heldentum, und was bedeutet das Kollektive, das „Wir“-Gefühl in den Circenses des Sports? Furlan spielt den Helden, das Publikum das Publikum, und das Radio Edi Finger. Auch eine Kapelle spielt - zu Beginn die Hymnen der beiden Länder. Als die deutsche erklingt, setzen sich die meisten im Publikum nieder. Man ist, wo man sein zu sollen glaubt, mit Österreich-Hüten, Pfeifen und schönen Krachmachern, einige rufen: „Haansee!“
Die Dose entläßt eine Stimme aus der Konserve. Die Meisterleistung Edi Fingers als virtuosen, 90 Minuten währenden und ununterbrochenen Wortschwall, der einen Hörfilm des Spiels entstehen läßt. Und noch etwas: ein Portrait des Österreichischen zeichnet, das schaurig-schön auf dessen Niederungen zeigt. Krankl ist darin „unser Hansi-Burli“, sozusagen Österreichers kleiner Stellvertreter, auf dessen Tritten das Selbstbewußtsein der „Fußball-Nation“ gründet. Finger verstand sich blendend auf ein subtiles Spiel mit Ressentiments und Denkmustern seines Publikums, dem er in den Ohren liegt wie eine innere Stimme, die Mannschaft und Zuhörer miteinander so zu verschweißen weiß, daß es das Publikum auch heute noch aus den Sitzen reißt. Finger ist bekennend parteiischer Richter von Volkes Gnaden, ein lustschwangerer Ohrwurm, der die Sprache der Seinen spricht und wie ein Prediger von etwas Höherem spricht, das tief in der Kollektivpsyche der Nation gespeichert ist: David besiegt Goliath. Endlich.
...mit einem Eigentor
Wie Jérôme Bels Ballerina „Véronique Doisneau“ ist auch Furlans Krankl ein aus einem komplexen System isoliertes Einzelelement. Man sieht, daß der Stürmer mit der Nummer 9 die meiste Zeit nicht viel zu tun hat, außer ständig auf der Lauer zu sein. Wie bei jeder Erinnerung, so auch hier: ein verdrängtes Detail. Den ersten Ball in das Tor der Deutschen hat kein Österreicher geschossen, es war ein Eigentor von Berti Vogts. Der historische „Sieg“ war also einer, der auf einem Versehen des Gegners gründet. Und es war sehr knapp: Krankl schoß das Siegertor nur drei Minuten vor Spielende: „Tor, Tor, Tor - i wer' narrisch!“ Edi Fingers Stimme überschlug sich beinahe. Der Ausruf ist heute, weil immer wieder zitiert, beinahe jedem Österreicher bekannt.
Das Wiener Publikum spielt in seiner Zeitmaschine sich selbst (und nicht das argentinische von 1978) mit Leidenschaft. Es weiß sich eins mit dem Sieg und schlüpft ganz leicht in die Rolle des Triumphierenden, der weiß, wie es ausgeht. Wie hätte es wohl reagiert, wenn Furlan das blamable Match von 1990 reenacted hätte, bei dem Österreich gegen die Färöer Inseln 0:1 unterlag?
Nach 87 Minuten ist der Himmel über dem Vogelhaus finster. Tor! Das Flutlicht erlischt, Verfolgerscheinwerfer erfassen Furlan, der sich gleich gemeinsam mit „Hansi-Burli“ verbeugen wird. Für beide war es ein großartiges Spiel. Heute, sagt Furlan, seinen die Fußballer ja keine Helden mehr, sondern nur noch Geldmaschinen. Immer noch aber sind sie Identifikations-Avatare. Und, wie Edi Finger in seinem Kommentar unterstrich, „Schauspieler". Für Furlan ist Krankl ein „Choreograf“ und er selbst „ein Tänzer“. Jedenfalls ist damit sein Stück „Das Wunder von Cordoba“ das wahrscheinlich erfolgreichste Tanzsolo, das in Österreich je gezeigt wurde. Dahinter steht ein einfaches, intelligentes Konzept, das reibungslos aufgeht. In aller wunderbaren Ambivalenz.
(17.5.2008)
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