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WARUM VOLKER DEMUTH IN LETTRE INTERNATIONAL BEI SEINEM ENTWURF EINER "ZYKLOMODERNE" SCHEITERT
Von Helmut Ploebst
In unserer Zeit fehlen die großen geistigen Würfe. Diese bedauernde Feststellung ist zu allen Zeiten wieder einmal zu lesen - vor allem von jenen, die solche Würfe eigentlich gar nicht wollen, sondern vergangenen Leistungen nachtrauern. Dabei wird oft ausgeblendet, wie langsam sich oft die wichtigsten Ideen verbreiten konnten: es hat etwa gut zwanzig Jahre gedauert, bis die Schriften der französischen postmodernen Philosophie in ausreichendem Maß ins Deutsche übersetzt wurden.
Vor allem die universitär gebundene geisteswissenschaftliche Intelligenz und das Verlagswesen sind im deutschsprachigen Raum nicht gerade berühmt für vorwärtsstürmenden Ideenreichtum und offene Diskursstrukturen. Kein Wunder also, wenn die Geisteswissenschaften im deutschsprachigen Raum keine gesellschaftsgestaltende Rolle spielen. Wo die Freude am Neuen und Widersprüchlichen fehlt, füllen Pessimismus, Angepaßtheit und Rückwärtsgewandtheit eine selbst verschuldete Lücke.
Ballett und Ballistik
Insofern ist es prinzipiell erfreulich, wenn wieder einmal das Wagnis unternommen wird, weit auszuholen und zu einem Wurf anzusetzen, wie das der deutsche Essayist, Medienwissenschaftler und Lyriker Volker Demuth in seinem Aufsatz „Zyklomoderne. Von der abendländischen Linearität zur ekastatischen Figur der Drehung“ in Lettre International Nr. 83 tut. Mit großem Engagement versucht der Autor, aus dem Motiv der Rotation, des Zyklischen eine Charakteristik der gesellschaftlichen Problemstrukturen am Ende des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert herzuleiten.
Als Drehmoment und Beispiel aus dem Feld kultureller Praktiken für seine Argumentation verwendet er den Tanz. Aus der Lektüre von Arnold Gehlens „Urmensch und Spätkultur“ und den mythischen Verbindungen von Tanz und Ekstase heraus entwickelt Demuth das Modell einer Gegendrehung: hier der befreiende Tanz, der „an kein Ende kommen“ will, und da die unterwerfende Tortur (von lat. „torquere“: drehen, verzerren, verrenken) mit ihren Techniken der Torsion: „Der Maschinenpark der Quälerei externalisiert, wie man aus den Quellen gut erkennen kann, die zum Innenerleben gewendete tänzerische Drehung zur äußerlichen Verdrehung des Körpers.“ In der Renaissance wurde der Tanz als Freiheitsbewegung transfiguriert und in der Folge „formalisiert, diszipliniert und verwissenschaftlicht“. Die Tanznotation habe, so Demuth, über die Tanzspektakel von Ludwig XIV. den Charakter einer „Vorschrift“, von „Anforderung und Kommando“ angenommen.
In einem schön gezogenen Bogen beschreibt Demuth in der Folge die Entwicklung des Balletts als eine disziplinierende, unterdrückende und torturhafte Technik, die sich hervorragend in die Fortschritte der industriellen Revolution einfügte, indem sie unterstrich, daß der Mensch eine Maschine sei, die den Gesetzen von Leistungssteigerung und Präzision unterworfen werden mußte. Die Tänzerin als Marionette - die Ballerina Maria Taglioni etwa wurde an einem Draht befestigt und durch die Lüfte getragen (ein beliebter Trick, der auch bei Kampfchoreografien wie in den „Matrix“-Filmen zum Einsatz kam), die Kleistsche Gliederpuppe verkörperte das antigrave Ideal der vollendeten Grazie - führt in eine sprung- und flugbahngenerierte Analogie zwischen Ballett und Ballistik.
Schwarmekstase des Aufmarschs
Der tanzende Körper wurde zu einem Instrument degradiert. Der Autor verwendet als Beispiel für den getunten Tanzkörper des 19. Jahrhunderts die Leistung der 32 Fouettés der Odile bei Schwanensee. Dabei wäre es möglicherweise spannend gewesen, die Formationsszenen der Schwäne in diesem Stück mitzudenken, die mit dem militärischen Aufmarsch in Verbindung gebracht werden können. Oder mit dem tänzerischen Stillstand in der Formation, wie ihn Jérôme Bel 2004 in seinem Stück „Véronique Doisneau“ gezeigt hat.
Von hier aus hätte der Demuth eine Halterung für den Dynamo seiner anspruchsvollen Idee von einer „Zyklomoderne“ bauen können. Das hätte seiner Methode gut getan. Denn mit Fortschreiten des 20. Jahrhunderts beginnt ihm die Tanzmetapher zunehmend unrund zu werden. Er versucht sowohl über Duncan, Fuller, Laban und Wigman noch die Gegenbewegung wider das Ballett zurück zur guten befreienden und alten egozentrierten Ekstasis zu formulieren als auch den avantgardistischen Mechanizismus bei Léger und Schlemmer anzureißen. Doch in den Komplexitäten der Zeit gerät sein Modell trotz gewagter Beweisführung aus den Fugen.
So muß er darauf verzichten zu fragen, warum der ekstatische deutsche Expressionismus Laban und Wigman geradewegs an die soziomechanistischen Ideologiemuster des Nationalsozialismus heranzog - und zwar über die Schwarmekstasen des Aufmarschs, der Entindividualisierung und Kollektivierung, in der Performance des Selbst als Größeres im autoritär geregelten Verband mit der Gemeinschaft. Der Aufmarsch, wie dann die Gymnastikspektakel des postlabanschen Nationalsozialismus zeigen, verbindet die Leistung der Drehung mit der Inszenierung des Auftritts, der Parade und der Blockbildung, wie sie in verschiedenen Formen der Massenchoreografie bereits früher vorgezeichnet worden waren.
Veraltetes Tanzverständnis
Außer Cunningham und Forsythe liefert der Tanz der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem Autor kein Material mehr. Kein Wunder, hält er doch fest: „(...) es ist eine Zeremonie der Anwesenheit. Daher ignoriert die kulturelle Intelligenz des Tanzes Eschatologien und Finalitäten. Es will, wer tanzt, auf nichts hinaus als dasein. Und deswegen bedeutet das Kreisen eine, wenn nicht die Grundfigur des Tanzens.“ Und sitzt damit in einer Falle, die in einem veralteten Reflexionsraum über Tanz aufgestellt wurde. Erst in jüngerer Zeit ist klar geworden, daß zwischen dem Tanzen, wie Gehlen es versteht, und dem künstlerischen Tanz heute unterschieden werden muß. Der Sprachgebrauch für Tanz, das zeigt schon ein Blick in das Grimmsche Wörterbuch, weist seit jeher darauf hin, daß die gängigen Tanzstereotypen willkürlich und beschränkt sind. Und selbstverständlich sind unter diesen Bedingungen auch die Begriffe Choreografie und Tanz voneinander zu trennen.
Die diesbezügliche Irritation bei Demuth ist wahrscheinlich mit ein Grund dafür, daß er sich Bruce Nauman und Nam June Paik zuwendet. Ein nachvollziehbarer Schritt. Aber dieser provoziert auch eine andere Frage: Warum paßt der Tanz der vergangenen 50 Jahre nicht mehr in das Konzept einer „Zyklomoderne“, also einer Moderne, die nach Demuth aus der linearen Fortschrittsbewegung ins Kreisen gerät? Eine mögliche Antwort darauf ist die, daß der Tanz Schritt für Schritt dem Stereotyp des Kreisens entwichen ist. Eine nächste, daß sich der „Rausch“ des Auftritts vor jenen des Sichdrehens geschoben hat. Eine weitere, daß der Tanz damit begonnen hat, asymmetrische, antizyklische und auf Abwesenheit, Bruch und Flow-Verweigerung verweisende Strategien zu verfolgen, die sowohl den Vitalismus der Lebensreformer und ihrer Nachfolger als auch die Drillmaschine des Balletts unterlaufen. Die Lektüre der entsprechenden Publikationen etwa von Gerald Siegmund („Abwesenheit“) und André Lepecki („Exhausting Dance“, dt.„Option Tanz“) hätten da gut getan.
Alle Optionen zeigen, daß sich der Tanz als Paradebeispiel für eine zeitdiagnostische Drehungsmetapher nicht mehr verwenden läßt, sondern daß er vielmehr wesentlich komplexere Struktur- und Organisationsformeln vorgibt, und diese noch dazu auf mehreren ineinandergreifenden Ebenen. Den neuzeitlichen Ansatz der Linearität in eine Kritik an der Überdrehtheit der technizistischen Gegenwart überzuführen, ist politisch gedacht reizvoll. Aber wie beim Tanz sind auch die Bewegungen der Gesellschaften nicht so einfach als zyklisch zu beschreiben, auch wenn Demuth am Ende noch Gottfried Benn und Botho Strauß als Zeugen anzuführen weiß. Auch das Bild der Schleife, das der Autor den postmodernen Avantgarden zuordnet, greift hier nicht wirklich.
Verzerrungen der Linie
Denn er übersieht, daß sich die okzidentale Linearität zwar mit einer Aura aus widersprüchlichen Dynamiken, Brüchen, Dehnungen und Vermischungen umgeben hat, aber immer noch ohne große Veränderung fortwirkt: die rasanten Entwicklungen der digitalen Technologie, der Genforschung, der Neurowissenschaft und in der Astronomie belegen das. Die aufgeblähte globalisierte Ökonomie, mag sie nun auch in einer temporären Krise stecken, ist bisher nur deswegen nicht auseinandergebrochen, weil sich die Kommunikationstechniken gegenüber etwa 1873 oder 1929 stark verändert haben. Im Fall eines Kollapses wird das Spektakel die erste Reanimationsmaschine der Wirtschaft sein (mit welchen Begleiterscheinungen auch immer).
Eine Verzerrung der Linearität der Gegenwart entsteht allerdings durch die eingangs erwähnte Behäbigkeit der gesellschaftlichen Reflexionsmechanismen. Dies ist sowohl ein tatsächliches als auch ein Wahrnehmungsproblem. Das erstere entsteht dadurch, daß sich jene Institutionen, die für die reflexive Verarbeitung neuer Entwicklungen zuständig sind, weitgehend in der Defensive sehen und daher, anstatt Weichen zu stellen, auf Pedale treten, die sie für Bremsen halten. Die daraus resultierende Verunsicherung verschleiert den Blick auf die Herausforderungen einer gebrochen linearen Gegenwart, führt zu unzureichenden Darstellungsversuchen - wie jene der „Zyklomoderne“ -, zu methodischer Desorientierung und damit zu einer nun schon tradierten Schwächung der Position jener Deutungs- und Gestaltungsinstanzen, die der Politik Denkinstrumente zur Verbesserung ihrer Gesellschaften in die Hände geben könnte.
Die gesellschaftlichen Choreografien schließen heute zyklische Subsysteme mit ein, das war auch in früheren Zeiten so, ihre Muster aber führen zu keinem zyklischen Modell. Hätte Demuth sich mehr mit dem europäischen Tanz der Gegenwart und seinen Voraussetzungen in der amerikanischen Postmoderne auseinandergesetzt, wäre ihm vielleicht eine relevantere Darstellung der ekstatischen Elemente unserer Wirklichkeit gelungen.
Volker Demuth: „Zyklomoderne. Von der abendländischen Linearität zur ekstatischen Figur der Drehung”, in: Lettre International Nr. 83, Winter 2008/09, S. 108ff.
(2.1.2008)
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