|
JAN LAUWERS FÜHRTE SICH IM WIENER BURGTHEATER MIT EINEM "NEEDLAPB 16" EIN
Von Helmut Ploebst
Die Brüsseler Needcompany ist im Wiener Burgtheater gelandet und hat ihre Residency am Haus unter der neuen Direktion von Matthias Hartmann im Akademietheater mit einem „Needlapb 16“ vorgestellt. Bei ironischer Androhung von „I'll find you, and I'll kill you“ beschwor Jan Lauwers die anwesenden KritikerInnen („I know there are some sitting in the audience“), dieses Aufführung keinesfalls als fertiges Stück aufzufassen. Ein paar Tage habe man nun mit einem neuen Text, dem Script für einen Film oder ein Stück mit dem Titel „Dead Deer Don't Dance“, gearbeitet und werde diesen nun vortragen.
Drei Tische mit Mikrofonen und allerlei Utensilien im Vordergrund, im Hintergrund eine lange Tafel mit Cocktails, die ungefähr in der Mitte der Vorstellung gereicht werden. Lauwers stellt die Personen und ihre Rollen vor. Daraufhin lesen die AkteurInnen den Text zum Teil ab, zum Teil haben sie ihn erstaunlich gut memoriert. Es gibt ein wenig Musik, und Viviane De Muynck liest den Plot so perfekt, als hätte sie schon Wochen damit gelebt. Es gibt kein Zögern, keine Hänger, keine erkennbaren Zweifel.
Wie fertig hingestellt
Hier wird Lauwers' Versprechen spannend, also sei's geschrieben: Was die Needcompany im Akademietheater zeigte, war absolut keine Laborpräsentation, sondern tatsächlich ein wie fertig hingestelltes Stück. Genauer gesagt, es war ein Stück über ein Modell für ein Drama, in dem es um ein Stück ging, das gleich aufgeführt werden sollte. Die an diesem aufzuführenden Stück, das in Form eines theaterhaft inszenierten und in Impressionen auf eine Screen projizierten Actionfilms präsentiert wurde, beteiligten Personen finden sich vor dessen letzter Vorstellung in den Garderoben zusammen und haben Probleme. Die Needcompany machte keine großen Anstrengungen, einen offenen Prozeß zu zeigen, und schaffte es dadurch, ein Nicht-Stück als Sehr-wohl-Stück zu präsentieren. Es ging darum, sich dem Wiener Publikum, das die Needcompany ja von den Wiener Festwochen und von ImPulsTanz her gut kennt, neu vorzustellen.
Das ist ein lustiger Einfall. Unter der Voraussetzung, daß Lauwers einen Witz gemacht hat mit seiner Ankündigung, aus dem szenisch vorgetragenen Text würde tatsächlich ein Film oder ein Drama gemacht werden, könnte sogar gesagt werden, da war ein Geistesblitz in dem „Needlapb 16“. Das Modell, das die Company vorgestellt hat, erzählte dann über das Abwegige im Schauspielen, über die Schmiere im Drama, über das Klischee des Actionfilms. Der Text wäre entsprechend ein Fake wie es die Behauptung eines Labors sowieso ist.
Angenommen, Lauwers hätte seine Arbeit „Morning Song“ (1999) als inszenatorisches Modell genommen, sich von der Big Art Group in der Verwendung dreier filmischer Parallelprojektionen anregen lassen sowie ein wenig Schrottigkeit gestattet und damit einen Performance-Hoax inszeniert, um sich dezent über das Burgtheater lustig zu machen, dann wäre das Stück wirklich gelungen. Es ist aber nicht sicher, ob dem so ist. Eigentlich ist das sogar eher unwahrscheinlich. Dann könnte aber immer noch wohlmeinend gesagt werden, dem Autor und Regisseur Jan Lauwers wäre etwas unterlaufen, das so aussieht wie eine künstlerische Metaebene.
Kontrollverlust der Künstler
Gut, daß es KritikerInnen gibt. Denn sie sind - auch - dafür da, in künstlerischen Arbeiten Elemente und Strukturen zu finden, an die der Autor, Regisseur oder Choreograf gar nicht gedacht hat, die erst in der Lektüre einer Arbeit entstehen, und auf die Künstler gar keinen Einfluß haben. Das hat nichts mit subjektiver Interpretation in der Rezeption zu tun, sondern mit dem Wissen um die „Performance von Performances“, das jede Kritik eigentlich vermitteln sollte.
Und gerade Lauwers’ „Lab“ wirft dem Zuschauer diese Herausforderung in den Schoß („Lap“). Kunstschaffende haben das, was sie tun, keineswegs unter Kontrolle, darin unterscheiden sie sich nicht von Wissenschaftlern, Politikern oder Bankern. Viele Künstler leiden unter diesem Kontrollverlust, weil sie sich bequem auf die Ideologie des Entertainments programmiert haben, die mit Oberflächenbegriffen wie „Erfolg“ oder „Mißerfolg“ operiert und die Kulturindustrie bis heute dominiert. Sie wissen natürlich, daß jede Veröffentlichung nur die eines Objekts sein kann, das in seiner Wahrnehmung transformiert, fragmentiert, seziert und übersetzt wird, das sich also auf dem Weg ins Auditorium verändert und in dieser Veränderung seine Wirkung entfaltet.
Jan Lauwers’ launige Bemerkung in Richtung der KritikerInnen zeugt von seinem Wissen um diese Veränderung und wirkt daher sehr sympathisch. Von den Schreibenden wird gern erwartet, daß sie die Spiele von Künstlern besser durchschauen als diese selbst. Also sei gesagt: Lauwers bemüht sich erfolgreich darum, daß seine Behauptung, der Text im „Needlabp 16“ könnte die Grundlage für ein „richtiges“ Projekt sein, nicht ernst genommen wird.
Die der vorliegenden Besprechung zugrundeliegende Lektüre geht in Konsequenz von Barthes’ „Der Tod des Autors“ davon aus, daß diese Behauptung auch als irrelevant angesehen werden kann. Eben weil sie sich die Performance dieser Performance zur Grundlage nimmt. Dieser rezeptive Realismus gründet auf Ideen des choreografischen Konzeptualismus, aber auch auf de Certeau mit Bezug eben auf Barthes. Damit hat Lauwers als Autor nichts zu tun, er ist ein Theatermacher im traditionellen Sinn, ein Bühnenzauberer, der die Repräsentation der Eitelkeit liebt. Das gehört, realistisch gesehen, zu allen seinen Arbeiten, und wer den Künstler heute heimlich immer noch als Propheten bewundert, mag unter dieser Voraussetzung in das Spiel der Rezeption einsteigen.
Wird der Schrott als Qualität verhandelt, dann hat Lauwers etwas vom Feinsten geliefert. Das Austeilen der Cocktails an das Publikum erhielt seine Feinheiten folgerichtig auch durch den Absturz einiger Gläser sowie durch den erfrischend peinlichen Toast, den der Regisseur auf Matthias Hartmann aussprach und bei dem niemand klatschte - was der neue Direktor mit der Bemerkung quittierte, daß man ja mit dem Glas in der Hand nicht applaudieren könne. Das ist Theater. Der Tod des Kritikers ist dazu bloß Beiwerk.
(11.9.2009)
|