|
DORIS STELZERS "GENDER JUNGLE" IM TANZQUARTIER WIEN
Von Helmut Ploebst
Ein Griff in den Schritt, und schon geht es los. Der „Schritt“ ist der Ort, an dem das Geschlecht sitzt. Fassen sich ein Tänzer, eine Tänzerin während eines Stücks dorthin, dann wird stets etwas Verdecktes enthüllt, ohne es zu notwendigerweise dezidiert entblößen. Im „Schritt“ entspringen die Beine, dort beginnt der Torso. Jeder Schritt, jede Geste in Richtung „Schritt“ ist eine Bewegung in Richtung gesellschaftlicher Gesetze.
Das hat Geschichte. Gustave Courbets Gemälde „Der Ursprung der Welt“ (1866) zeigt den Schritt des ent-deckten Geschlechts ins Politische am deutlichsten. Jacques Lacan kaufte es 1955 und versteckte es hinter einem anderen Gemälde. 1988 wurde es erstmals allgemein präsentiert. Der Schritt dieses Kunstwerk an die Öffentlichkeit dauerte also 122 Jahre. 2005 erzeugte die serbische Künstlerin Tanja Ostojic mit einem „Reenactment“ dieses Bildes in Österreich einen Skandal. Die Nachstellung des Motivs, in der das Geschlecht der Frau durch einen Slip bedeckt war, zog die Urteile „Pornografie“ (rechte Lesart) und „Diskriminierung“ (linke Lesart) nach sich. Ein Schritt in die andere Richtung: Die Darstellung des männlichen Geschlechtsorgans gilt generell als irgendwie unschicklich. Unvergeßlich ist Carlos Pez’ Ironisierung dieses Phänomens in Jérôme Bels „The Show Must Go On!“ (2000) zu der Musiknummer „I Like to Move It“ von Reel 2 Real (1994). Er zog sich die Hose herunter und ließ sein Geschlechtsteil tanzen.
Die Körperkontrollgesellschaft
Der Mensch ist also mit seinem Geschlecht nicht allein. Und hier packt auch die Sprache zu: der Mensch, masculinum, was ist da los? Das Geschlecht, der Schritt, die Sprache - eine Verwirrung. Die Wiener Choreografin Doris Stelzer greift mit ihrem neuen Stück „gender jungle - wo/men“ auf einen Diskurs zu, der wohl eines der aufgeregtesten Schlachtfelder darstellt, das die Gegenwartskultur zu bieten hat. Viele Mythen sind darin bereits erzählt, viel Pulver ist verfeuert, viele Sträuße sind ausgefochten. In der Diskussion des sozialen Geschlechts stehen die globalen Gesellschaften also nicht mehr am Anfang. Sie befinden sich vielmehr mitten in einem Paradigmenwechsel. Und dieser ist so komplex wie die Gesellschaften selbst. Dabei darf nie vergessen werden, daß es in den Gefechten um das Geschlecht immer um die Forderung von Gleichberechtigung aller Beteiligten geht.
Wenn heute von Gesellschaft die Rede ist, dann muß klar sein, daß der Begriff „Gesellschaft“ etwas Heterogenes bezeichnet, also immer einen polysystemischen Komplex, der seiner Diskursivierung sofort entgleitet, wenn er simplifiziert wird. Das macht es so schwer, Utopien zu formulieren, weil die Tradition im Entwurf von idealen Orten auf Vereinfachung beruht. Der Genderdiskurs ist ein komplexer Ansatz, der groben Entwürfen diametral entgegensteht. Schon der Verlust von binären Geschlechterzuordnungen schürt Aggressionen, weil dadurch Machtsysteme in Verruf geraten, deren Prinzipien auf die Kontrolle des Geschlechtlichen und der Sexualität, auf der Definition der Körperlichkeit aufgebaut sind.
Butter in den Fugen
Der Griff in den Schritt, wie er im Tanz immer wieder als Motiv auftaucht, ist ein Einschreiten im Sinn eines Verweises - nicht etwa auf ein Tabu, sondern auf Funktionen von körperkontrollierenden Machtstrukturen. Dieser Griff ist der Hinweis mit dem Mittel des demonstrativen Verdeckens: „Genitalpanik“ hieß es bei Valie Export. Die Panikmache vor dem Geschlecht hat einen ganz handfesten Vordergrund. Die Veröffentlichung des Geschlechts ist ein Angriff auf lang tradierte Kontrollsysteme.
Unter diesem Aspekt muß festgestellt werden: der Körper ist politisch nicht korrekt, wenn er nicht mehr politisch korrigiert wird. Horribile dictu ist also das Objekt der Korrektur Subjekt von Politiken, die über ihr Korrektiv totalitär werden. Sobald an diesem Punkt angelangt wird, erkennen wir peinlicherweise, daß unsere Gesellschaften Lichtjahre von den einfachsten körperlichen und daher menschlichen Freiheiten entfernt sind.
Diese Erkenntnis blüht nicht etwa im Verborgenen, sie ist Teil des alltäglichen politischen Geschäfts, der Jurisdiktion, von Wirtschaft und Kultur. Auf diese Peinlichkeit nimmt Doris Stelzer Bezug, wenn sie zwei Männer und eine Frau (Ondrej Vidlar, Gabriel Schenker und Lieve De Pourcq) in Vibration bringt, wenn sie Klischees von Männlichkeit und Weiblichkeit ins Gebet nimmt und als Wackelfiguren ausstellt, ihnen Rosenkränze der Unterhaltsamkeit vorsagt, die sie rhythmisch nachäffen, als seien die Fugen, aus denen der Körper immer gerät, wenn er sich veröffentlicht, mit der Butter seiner Attraktivität zu kitten.
Am Rand der Ambivalenz
Der veräffentlichte Körper ist der Gradmesser für seine Konsumierbarkeit, das Ideal seiner Idiotisierung, in die er immer wieder zitiert wird, und Stelzer zitiert dieses Zitieren in ihrem Trio, als wäre alles kommerzielle Zurschaustellen in Butter. In „gender jungle - wo/men“ wird keine Anklage erhoben, sondern eben beinhart geäfft, nachgestellt, und frivolerweise nicht nur das Spektakel, sondern auch noch seine Kritik. Stelzer macht den äffentlichen Körper explizit und kompromittiert damit auch jene Naja-Sager der Gegenwartskultur, die neuerdings von der Kunst wieder eine neue Lightness erwarten, und die Tugendwächter der Political Correctness mit ihrem spezifischen Haß auf den unkorrigierten Körper.
Das ist immer noch nicht zynisch, aber schon nahe daran, wenn die TänzerInnen jene Reizschwellen triggern, die pawlowsche Reflexe verursachen und so sexy erscheinen, daß von Ambivalenz nur noch am Rande gesprochen werden kann. An diesem Rand ist das Stück angesiedelt. Es enthält Referenzen zu Mette Ingvartsens „50/50“, Anne Jurens und Krõõt Juuraks „look look“ und Alice Chauchats „Breast Piece“, auch zu den Genderstatements von Superamas und Chris Harings „Posing Project“.
Stelzers Aufklärungsarbeit ist ein diabolisches Spiel mit allen Kontrolleuren der Aufmerksamkeit, die dem Körper, seiner Repräsentation und deren Kommerzialisierung bigotterweise auch im Kunstbetrieb ihre Dienste anbieten. Ein schlimmer Finger, den die Choreografin da zeigt. Als glatte, elegante Geste, deren Beweggründe im besten Sinn „schmutzig“ sind. Durch den Körper und seine soziale wie biologische Geschlechtlichkeit fließt die Ursuppe der Anarchie, und im Genderdschungel, der sich seiner Abholzung beharrlich entzieht, wuchert die permanente Revolution. Unter diesem Aspekt ist „gender jungle - wo/men“ ein getanzter Alptraum: clean an der Oberfläche, und für alle Wächter verderbt in seiner Stuktur.
(16.1.2009)
|