Der zum Mond heult

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FRANS POELSTRA ERKLÄRT MIT ROBERT STEIJN IM WIENER BRUT: "THE BEAT GOES ON"

Von Hanna Palme




Ich fühle mich heute unsicher gegenüber dem Publikum. Früher habe ich auf der Bühne immer sehr wenig getan, und das Publikum hat gleich magische Momente gesehen. Jetzt mache ich immer noch nicht viel auf der Bühne und habe Angst, dass das vielleicht ein Muster geworden ist. Ich habe Angst, das Publikum könnte denken, dass ich nicht viel zu sagen habe. [*]

Das Bühnenbild bei Frans Poelstras und Robert Steijns neuem Stück The Beat Goes On ist ein mit Erinnerungsstücken vollgepackter Koffer, in dem Helme, Schirme, Stühle, Tische, Polster, Lichterketten, Bilder, Spielzeugautos, Instrumente, Federbälle hängen, liegen, sich stapeln, ausgestellt oder versteckt sind. Eine weiße Tür im linken, hinteren Bühnenbereich führt ins Ungewisse. Der Raum hinter der Bühne ist sichtbar, darin stehen eine Lampe und eine Couch.

Die Überladenheit des Raums steht in Kontrast zu den einfachen Handlungen, der Langsamkeit und Wortkargheit des Performers Poelstra, der einen mit hohen Schuhen und Muschel-BH kombinierten schwarzen Anzug trägt. Seine ersten Worte im Stück liest er von einem zerknitterten Blatt Papier ab. Es handelt sich dabei um einen Brief, den er während der Probenphase an Robert Steijn geschrieben hat. Darin spricht Poelstra seine Unsicherheit gegenüber dem Publikum an, diese Befürchtung, dass seine immer sparsame Handlung keine magischen Momente mehr erzeugt, sondern einen Mangel an Substanz verrät.

Woraufhin er ein rotes Mikrofon zur Hand nimmt und dessen phallische Form dazu nutzt, die Größe seines Penis zu messen und dann abwechselnd sich und den stumm bleibenden Penis sprechen zu lassen, was Lachen im Auditorium auslöst. Eine mehrdeutige Szene, die als Signifikat einer wirkungsvollen Wechselbeziehung – welcher Art auch immer – zwischen Bühne und Zuschauerraum gut funktioniert.

Und dann kommt Robert

Poelstra und Steijn problematisieren in dieser Arbeit die Schwierigkeit, nach vielen Jahren am Theater immer noch ansprechende Stücke zu zeigen, dabei aber auch Spaß zu haben, Geld zu verdienen und „kommerziell“ zu sein, ohne dadurch an Qualität zu verlieren. Ein heikler Balanceakt. Zwischen Handlungen und Liedern, die immer mehr oder weniger auf die vorgelesenen Briefe bezogen sind, lässt sich das ironische Bild einer Lösung dieses Konflikts ausmachen. Die meist einfachen und immer wieder ein Lachen im Publikum provozierenden Aktionen, wie die Penis-Abmessung oder kindlich wirkendes sich Verkleiden und Verstellen, erscheinen als Kontrapunkte zu den Briefen als Träger des Diskurses um die angesprochene Problematik.

Die Bereiche der „Unterhaltung“ und des „Ernsthaften“ erfahren eine Trennung, die sich als Möglichkeit anbietet, den Konflikt zu überwinden. Weil keiner der beiden Bereiche fallen gelassen wird, schafft es das Stück, sowohl diejenigen anzusprechen, die sich Unterhaltung wünschen, als auch diejenigen, die erwarten, etwas mehr aus der Aufführung mitzunehmen. Das Stück gewinnt an Kommerzialität, ohne an Qualität und Anspruch zu verlieren. So eine Zuspitzung des Vorschlags. Spätestens am Ende der Performance jedoch wird die Ernsthaftigkeit eines solchen Vorschlags karikiert.

Wenn Poelstra sich gegen Schluss niederlegt, um womöglich im Schlaf neue Inspiration zu finden, kommt diese tatsächlich in Gestalt von Robert Steijn in weißem Spitzenhemdchen und Federhut durch die weiße Tür und singt zu Beethovens Mondscheinsonate: „Lieber Frans… when you make art / don’t know how to start… look at the moon…“ Wachgerüttelt aus dem Schlaf, steht Poelstra schließlich auf, und die Performance endet mit seinem Heulen gen den von der Decke hängenden Mond aus zusammengebundenen Spielzeugautos.

Das Heulen als Exit-Strategie? Um zu erreichen, dass die eigenen Performances keinem Muster verfallen, wie Poelstra es, wie er eingangs gesagt hat, befürchtet? Hoffentlich erreicht er damit in Zukunft, dass das Publikum nicht denkt, er habe nichts mehr zu sagen.


[*] Freie Textwiedergabe aus The Beat Goes On


(2.6.2011)