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Die Empfindsamkeit des Lügners

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"AFTER TALK" VON BEN BENAOUISSE & IGOR DOBRICIC BEI DEN FABRIKATIONEN DER BERLINER TANZFABRIK

Von Franz Anton Cramer


Dass die Bühnenkünste aus der Sprache heraus entstanden sind, und daß umgekehrt die Sprache das Performative braucht, um sein zu können, wissen wir spätestens seit den Sprechakt-Theorien der 1950-er Jahre und ihren nachfolgenden Aneignungen etwa durch Judith Butler. Und auch das Krisenerleben, welches aus diesem Befund quillt wie Blut aus einer ungestillten Wunde, spukt seither durch die Performance-Praxis aller Couleurs - verstärkt allerdings durch die des zeitgenössischen Tanzes. Es sind nicht die uninteressantesten Arbeiten, die aus diesem Krisenerlebnis heraus entstehen und sich immer wieder in der Fragestellung verfangen, welcher Art die Wirklichkeiten sind, die auf dem Wege der Performance geschaffen werden, und wie sich diese Wirklichkeit zu den Fähigkeiten des Publikums verhält, sie als solche zu erkennen, zu akzeptieren, oder abzulehnen. In etwas pathetischem Duktus, wenn auch im Stil einer heiteren Nachmittagskonversation, nennt Igor Dobricic das so: „Der Wunsch der Performer, Leben zu erschaffen, muß dem Wunsch der Zuschauer äquivalent sein, dem Tod auf der Bühne zu begegnen: Dem Tod ihrer Erwartung und dem Tod der geschaffenen Wirklichkeit.“

Doch bekommen wir in der performativen Plauderei „After Talk“, die im Rahmen der Berliner Veranstaltungsreihe „Fabrikationen“ in einem schlichten Studio der Berliner Tanzfabrik ihr interessiertes Publikum fand, solche Aussagen erst am Ende mitgeteilt, „After the talk“. Denn eigentlich bestand die Lecture-Performance darin, dass Igor Dobricic in einem leicht betretenen Statement bekannt gab, dem Duo Benaouisse / Dobricic sei nach einem sehr fruchtbaren Arbeitsnachmittag die Erkenntnis gekommen, die Lecture-Performance absagen zu müssen. Dazu brauchte es 20 Minuten, einschließlich der Erläuterung der Ausgangsfrage. Denn im Laufe des letzten Jahres habe sich zwischen Benaouisse, dem in Belgien ansässigen Performer und Bildkünstler, und Igor Dobricic ein Austausch entwickelt über die Fragestellung, ob es möglich ist, künstlerisch radikal zu sein, und ob des weiteren die Möglichkeit besteht, zugleich über eine Performance zu sprechen und sie zu zeigen. Man wolle nicht immer nur „nach der Show“ über die Show reden. Sondern man wolle versuchen, die Agenden des Zuschauens und des Reflektierens zu verknüpfen.

Glorreiches Lügen

Dobricic führt mit einer geradezu unangenehmen Freundlichkeit aus, daß für ihn die radikalste Geste darin bestehe, zu lügen. Die Gesellschaft sei derart auf „Wahrheit“ fixiert, daß die Lüge, auch die absichtslose, immer verstören müsse. Dabei könne die Lüge auch nur darin bestehen, Geschichten zu erfinden, ja, noch allgemeiner gesprochen, Situationen herzustellen, in denen auf dem Wege der Lüge eine Gemeinsamkeit hergestellt werde.

Wie aber diese Situation des glorreichen Lügens herstellen in einer öffentlichen Situation wie derjenigen, in der wir uns alle befinden, am Samstag, dem 31. Oktober um 18 Uhr im Studio 5 der Tanzfabrik Berlin? Diese Frage habe man in der vorausgegangen Probenwoche nicht beantworten können. Und deshalb eben die Absage.

Aber natürlich geht dann erst der eigentliche After Talk los. Denn sowohl die Einladenden wie die Eingeladenen bleiben einfach sitzen, unschlüssig, wie man jetzt mit dieser Situation umgehen könne. Denn klar ist: Der eigentliche Talk hat nicht stattgefunden, die angekündigten Redenotizen auf dem iPhone sind nicht vorgetragen worden, es gibt ein Wissensgefälle, den das Publikum spürt und der es ärgert.

Also werden Fragen gestellt. Also wird über das Wesen der Lüge gesprochen, über die Einfachheit der theatralischen Transaktion, über Geschichtenerzähler in Afrika und das Magische der Sprache, über Technik und „bricolage“, über materielle und immaterielle Lebensäußerungen. Offenbar erfüllt sich hier und jetzt die Forderung danach, dem Publikum im Moment der performativen Begegnung genau das zu geben, was es möchte - Dobricic antwortet sehr ausführlich, kenntnisreich und bestimmt auf alle Fragen -, und gleichzeitig den heimlichen Auftrag aktueller Performance zu erfüllen, nämlich „dem Publikum das zu geben, was es nicht wünscht, aber im vollen Wissen um das, was es wünscht“.

Aus dem Jargon ausbrechen

Dies kommunikative Performance-Format wird weiterentwickelt werden, mit anderen Performern, anderen Einsichten, anderen Erfahrungen. Denn, so Benaouisse, man wolle „aus dem geheimnisvollen Jargon ausbrechen“, der oftmals das Innere künstlerischer Prozesse beherrsche, um statt dessen Möglichkeiten zu finden, die unterschiedlichen Regimes der Herstellung von (Lebens-) Wirklichkeit und dem Betrachten der Herstellungsverfahren dieser Wirklichkeit „in Einklang zu bringen“ - in einer Art lügenfreier Klarheit.

„After Talk“ konnte  im Rahmen von „Fabrikationen“ entstehen, einem Format der künstlerischen Pluralität - es bietet in gut zwei Wochen Auftritte von Hochschulabsolventen, wissenskünstlerische Fachvorträge, Gastspiele des „Italienischen Theaterherbst“, Workshops und Showings ortsansässiger Künstler. Veranstalter ist die Berliner Tanzfabrik, deren Arbeitsschwerpunkt neben Ausbildung und Trainingsprogrammen insbesondere die Bündelung der zerfallenen Berliner Tanz-Szene ist. Zwischen Ballhaus Ost, HAU und sophiensaelen als Orten, die punktuell für Tanzproduktionen genutzt werden können, ist die Tanzfabrik ein Anlaufpunkt für kontinuierlichen Austausch über aktuelle Formate und Produktionsbedingungen - solange, bis irgendwann einmal die Weddinger Uferstudios umgebaut sein werden und dann ein Dutzend Studios bieten. Auch das ist übrigens ein Projekt, welches die Tanzfabrik betreut.


(3.11.2009)