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Die Experimentalfilm-Choreografin

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WERKSCREENING VON MARY ELLEN BUTE BEIM WIENER ANIMATIONSFILM-FESTIVAL "TRICKY WOMEN"

Von Helmut Ploebst


Ihrem Werk haftete ein Makel an, der heute Makulatur wäre, hätte sich im Lauf des 20. Jahrhunderts ein offenes und nicht ein heroisches Künstlerbild durchgesetzt: Die Amerikanerin Mary Ellen Bute (1906-1983) [1] wollte ihr außergewöhnliches Experimentalfilmwerk einem großen Publikum zugänglich machen, und deswegen setzte sie an den Beginn ihrer abstrakten Arbeiten erklärende und einladende Einleitungen. Ein rotes Tuch für die gestrenge Avantgarde-Rezeption - bis heute.

Im Rahmen von „Tricky Women 2009“, dem Wiener Festival für Animationsfilmkünstlerinnen, wurde Butes Werk zum ersten Mal seit etwa fünfzig Jahren wieder in Europa gezeigt. Ein Glücksmoment: Was sicher ein wichtiger Beitrag für die Geschichte des Animationsfilms war, stellt für die Tanzgeschichte vielleicht sogar eine kleine Sensation dar. Denn es war Bute, die ihre „visualisierte Musik“, die mit den Werken von Viking Eggeling, Hans Richter und Oskar Fischinger eng verwandt ist, explizit auch als Tänze kreierte. Damit stellt die Künstlerin das „missing link“ in dem Versuch dar, die Arbeiten einer spezifischen Ausprägung von Experimentalfilmen auf Augenhöhe mit Live-Bühnenarbeiten zu diskutieren, wie das im Rahmen des von corpus organisierten Labors „Versehen“ im Tanzquartier Wien (März 2008) unter anderem vorgeschlagen wurde.

Tanz mit Lew Theremin

Als „film ballet" bezeichnete Bute etwa die halb abstrakte, achtminütige Animationschoreografie „Spook Sport“ (1939) [2] mit der Musik „Danse Macabre“ von Camille Saint-Saëns. Darin bewegen sich allerlei stilisierte und abstrahierte Formen zu den Klängen und formen einen ironisch-heiteren Geistertanz. Als Tanz ausgewiesen ist auch die im darauffolgenden Jahr entstandene „Tarantella“. Die Initiatorin des Wiener Showings, Sandra Naumann, schreibt dazu im Programmheft: „Bilder und Musik wurden aus einer Reihe mathematisch generierter Rhythmen entwickelt, die Edwin Gerschefski in einen Klaviertanz übersetzte, während Mary Ellen Bute sie in eine visuelle Komposition übertrug.“

Bereits ihre erste vollständige Arbeit, „Rhythm in Light“ (1934), bestand aus einer visuellen Komposition zu „Anitras Tanz“, einem bekannten Thema aus Edvard Griegs „Peer Gynt“. Und in „Parabola“ (1937) ist Darius Milhauds Musik für das Ballett „La Création du monde“ von 1923 zu hören.

Bute hat auch mit Lew Theremin zusammengearbeitet, der sein berühmtes, gestisch zu spielendes Instrument 1932 auch zu einem Tanzinstrument ausgebaut hat, dem „Terpsiton“. In einem ihrer raren Interviews sagte sie über ihr Verhältnis zu Theremin: „He became interested in my determination to develop a kinetic visual art form and helped me with experiments.“

„Rhythm in Light“ wurde 1935 in der großen New Yorker Radio City Music Hall uraufgeführt. Als der „wahrscheinlich erste öffentlich vorgeführte amerikanische abstrakte Film“, wie Naumann schreibt. Bute hatte als ganz junges Maltalent in Texas gelebt, bevor sie mit 15 Jahren ein Stipendium bekam und nach Philadelphia übersiedelte. Sie erklärte: „So when I went to Philadelphia I was deeply impressed by the wonderful Picassos, the African art, the Paul Klees, the Braques, the Kandinskys. Kandinsky used abstract, nonobjective canvas the way you experience a musical composition. Well, I thought it was terrific but these things should be unwound in time continuity. It was a dance. That became my objective.“

Vom Oszilloskop zu Finnegans Wake

Das heißt, sie verband bereits die allerersten Anregung zu ihren Filmen durch ihre Begegnung mit dem Werk Kandinskys mit einer direkten Assoziation zum Tanz. In den Fünfziger Jahren kombinierte Mary Ellen Bute „animierte Bilder schließlich mit Oszilloskop-Figuren und gehörte damit zu den ersten FilmemacherInnen, die elektronisch generierte Bilder einsetzten“ (Naumann).

Daß Butes Werk in Kreisen der Experimentalfilm-Avantgarde geringgeschätzt wurde, liegt nicht an der Qualität ihrer Arbeiten und auch nicht an der Tatsache, daß Eggeling, Richter und Fischinger die Abstraktion im Film vor ihr eingesetzt hatten, sondern an einem veralteten Künstlerbild und wohl auch daran, daß sie als weibliche Künstlerin nicht ganz ernst genommen wurde. Daß sie im Choreografiediskurs bisher nicht aufscheint, ist in der exklusiv anthropozentrischen Auffassung von Tanz begründet, die erst heute langsam als unhaltbare Verengung des zeitgenössischen Tanzbegriffs erkannt wird.

Mary Ellen Bute ist insofern eine hochaktuelle Künstlerin, als sie auf mehreren Ebenen arbeitete: Sie war genauso bildende Künstlerin wie Filmerin, filmische Choreografin und elektronische Künstlerin. Ihre letzte Arbeit war der kühne Versuch, James Joyces Jahrhundertwerk „Finnegans Wake" zu verfilmen. Leider wurden ihr Mut, ihre Innovationsfreude und ihr Einsatz zu Lebzeiten nicht belohnt. Sie lebte vor ihrem Tod verarmt in einem Zimmer der Heilsarmee.


Fußnoten / Mary Ellen Bute auf Youtube:
[1] Kurze Doku über die Künstlerin:
http://www.youtube.com/watch?v=JEi7KDVKQ9g
[2] Spook Sport (1940)
http://www.youtube.com/watch?v=ZnLJqJBVCT4
Synchromy No. 2 (1935)
http://www.youtube.com/watch?v=dtWs8ntOQC0
Dada (1936)
http://www.youtube.com/watch?v=Er5aY_3cOIA
Escape / Synchromy No. 4 (1939)
http://www.youtube.com/watch?v=YRmu-GcClls


(10.3.2009)