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Die Frau als Topf

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CEZARY TOMASZEWSKI BEI IMAGETANZ 09 IM WIENER BRUT-THEATER

Von Helmut Ploebst


Die Frau ist ein Topf, die ihren Inhalt nur hat, wenn aus (hier:) dem Gießkann etwas in sie geschüttet wird. Es bedarf eines Maschinisten, der die Herdplatte unter dem Topf andreht. Nach einer Weile wird die Frau heiß. Wenn man ihr dann den Deckel abnimmt, dampft ihr Inhalt heraus und sie beginnt zu stöhnen. Aus ihrem Inhalt schöpft der Maschinist, taucht einen Teebeutel ein und trinkt dann grinsend.

Im Programmheft von imagetanz 09 heißt es zu dem Stück: „Jupiter ist unglücklich in Io verliebt und sieht nur einen Ausweg: Er verwandelt sich in eine Wolke und vergewaltigt die Nymphe. Dieses Tanzsolo ist ein Reenactment des Mythos, und das Ergebnis ist so komplex, tragisch und schön wie die Welt selbst.“

Das kleinste Problem: Ein Mythos ist kein Act, keine Handlung und keine Performance, es kann also nicht „reenacted“ werden. Das Problem: Die Frau ist bei Cezary Tomaszewski immer wieder ein Objekt, einmal eine in den Schatten gestellte Kleopatrafigur, dann eine „inspirierende“ Putzfrau oder, wie in seinem jüngsten Stück „Liebeslieder Walzer op. 52“ nur noch ein Topf, auf den der Mann, der Tänzer, beliebig den Deckel knallen kann.

Die eigenen Reize

Ein richtig großes Problem aber ist es, wenn es um eine Vergewaltigung geht, und das Ergebnis „komplex, tragisch und schön“ ist und sonst nichts weiter als „wie die Welt selbst“. Das macht traurig. Die Lösung für unglücklich verliebte Männer ist die Vergewaltigung. Ein Tänzer hüpft auf der Bühne herum, kokett, flirtend, charmant, ein bißchen hysterisch. Er ist das eigentliche Mädchen. Er ist es, der sich benimmt, wie in Zeiten tiefsten Patriarchats jene Frauen, die darauf abgerichtet waren, durch die Performance ihrer erogenen Körperteile mit Männern kokettieren: sich in die Hüfte werfen, mit dem Hintern wackeln, die Lippen spitzen, zeigen, wie überzeugt man von seinen eigenen Reizen ist.

Dieser Tänzer ästhetisiert die ausgedehnte Vergewaltigungsszene, er macht sich lustig über dieses Ding, diesen Topf, der die längste Zeit unbeachtet auf der Kochplatte steht: die Frau gehört nicht mehr an, sondern bereits auf den Herd. Daneben tanzt in autistischem Narzißmus ein sich naiv gebendes Jüngelchen, Mikolaj Karczewski, erst in der Stille, dann zu den Klängen der Bahmsschen Liebeslieder, und verstärkt so die Performance seiner Selbstverliebtheit noch.

Keine Frage, hier gibt es ein unspezifisches Problem mit Frauen, das ein junger Choreograf ziemlich einfach gestrickt in den zeitgenössischen Kunstkontext wirft. Sein nicht nur inhaltlich problematisches, sondern auch formal grottenkonservatives Stück erinnert daran, daß es im zeitgenössischen Tanz noch unvermutete Abgründe gibt, die sich unter einer charmanten Oberfläche und einer vermeintlich reizvollen Geschichte verbergen.

Flirt ohne Kenntnis

Nun ist zu vermuten, daß der junge Künstler diese Botschaften gar nicht bewußt oder absichtlich in die Welt gesetzt hat, daß ihn eine solche Lektüre seiner Arbeit sogar eher entsetzt. Es ist zu befürchten, daß Cezary Tomaszewski in Wirklichkiet gar nicht frauenfeindlich gesinnt ist. Sondern daß sich hier etwas anderes seine Bahn bricht. Und das ist ein fataler Flirt mit dem Spektakel ohne Kenntnis seiner Funktionen: Ein Diskurs, der Schluß macht mit den Reflexionen und Referenzen der zeitgenössischen künstlerischen Ethik, eine Dekontextualisierung, die hinter vorgehaltener Hand etwas herausfordert, das sein Verursacher gar nicht kennen will.

Weil dieser Konflikt so seltsam spannend ist, publiziert corpus auch ein ausführliches Interview mit Tomaszewski, das Agnieszka Ryszkiewicz im Herbst 2008 mit ihm geführt hat. Die Form dieses Interviews ist in sich ein Kunstwerk, eine verschriftlichte Performance, und das Gespräch wurde geführt, als der „Liebeslieder Walzer op. 52“ noch im Prozeß war. Es führt ein wenig in das Denken des Künstlers und in seine Art der Selbstinzenierung. Widersprüchlichkeit, Hintergründigkeit und provokante Setzungen machen die Lebendigkeit von Kunst aus - immer noch, auch wenn bereits die Hoffnung besteht, daß es heute bestimmter Künstlerstereotypen nicht mehr bedarf. Doch das Sentiment kehrt zurück, nicht nur bei Tomaszewski. Und mit ihm ein ganzer Rattenschwanz neu aufkochender, uralter Fragen. Sollten diese neu verhandelt werden müssen, dann wird das wohl geschehen. Es gäbe aber, offen gesagt, interessantere Aufgaben.

(21.3.2009)


Flirting with Disaster? Or just Dancing on the Beat?
Katherina Zakravsky antwortet auf Helmut Ploebsts Kritik "Die Frau als Topf"

Welches Gewicht haben schriftliche Quellen wie Abendzettel für die zeitgenössische Tanz- und Performanceproduktion?  Cezary Tomaszewski ist mein Kollege (im Projekt Pathosbüro). Nicht nur weil ich ihn ein wenig kenne, habe ich das Pogrammheft ignoriert. Ich tue das immer.

Es gab also zum Schluss einen Topf, der definitiv weiblich stöhnte. Dass das Ganze mit dem Mythos von Io und Jupiter, der sich ihr in Form einer Wolke „näherte“, zu tun hatte, habe ich erst im Nachhinein erfahren. Anscheinend gab es dann noch einige Pannen mit Übersetzungen, die nur Cezary selbst klarstellen kann. Die Frage ist aber, ob ein Stück nur über den Mythos beurteilt werden kann, den der Choreograph wählte, um sich einen Rahmen zu geben, selbst dann, wenn dieser Mythos sich lediglich als Dampfwolke bemerkbar macht. Darüber hinaus ist es freilich auch eine mehr als knifflige Frage, ob jeglicher Geschlechtsverkehr zwischen Gott und Mensch, so extrem verjährt Sex mit einem altgriechischen Gott zudem ist, als Vergewaltigung zu bezeichnen ist. Das berühmte Bild von Correggio ist jedenfalls eine Manifestation des weiblichen Genießens. Aber der war natürlich nicht dabei, und darüber hinaus ein Mann.

Nun, ich bin, zumindest dem Sozialstatus nach, keiner. Welche besondere Einsicht gibt mir das? Sicher keine besondere, nur die, dass es mir nicht sehr gefällt, wenn sich jemand zum Anwalt einer geknechteten Klasse erklärt, der er (ER) selbst nicht angehört, klingt das doch ein wenig so, als ob diese armen Hascherln für sich selbst nicht sprechen könnten. Nun könnte man sagen, wenn ich hier darauf hinweise, dass Cezarys Arbeit nur beurteilt werden kann, wenn man seine schwule Identität nicht bloß als Privatsache ansieht, sondern auch seine Entscheidung für eine Ästhetik des „camp“ (eine traditionell der Kultur des „Queeren“ zugeschriebene Form) in Betracht zieht, so mag es scheinen, als ob ich dieselbe heikle Fürsprecherrolle übernähme. Aber doch nicht ganz, weil ich mich selbst mit „camp“ identifiziere, eben genau weil es Identitäten verschiebt und sprengt.

Wenn ich also nur in Betracht ziehe, welches Stück ich auf der Bühne sah, dann geschah genau das. Mehr als zu Jupiter war das ein Stück zu einem Liederzyklus von Johannes Brahms. Dieser seltsame bärtige Onkel aus dem 19.Jahrhundert war zunächst nur als Aufdruck auf einem T-Shirt anwesend. Als der Tänzer Mikolaj Karczewski sich in einem trunkenen Walzertakt durch den Raum schraubte, wehte eine Ahnung der ungehörten Musik vorbei, die schließlich in der Wiederholung-mit-Variationen hörbar wurde. Das Stück war, so Cezary, vor allem der Versuch, die klassische Form einer bewusst zu Musik gesetzten Choreographie wiederzubeleben. Ist das reaktionär, nicht state of the art? Für mich ist der Versuch, Takte, Rhythmen präzise auszuzählen, und dann doch in einer sinnlichen Konfusion wegzugleiten, nicht erledigt. Es hat sich sicher in den letzten Jahren ein wenig als common sense herausgebildet, dass „man“ gegen und nicht zur Musik tanzt. Aber common sense sind dazu da, herausgefordert zu werden.

Hier tanzte also ein vom tuntig-clownesken camp-Geist erfüllter Jüngling zu Liedern aus dem tiefsten, biedermeierlichen 19. Jahrhundert, in dem allen Ernstes erwachsene Leute von „rosigen Mädeln“ am Donaustrand berichten und sich wünschen, ein „hübscher kleiner Vogel“ zu sein. Inhaltlich kann also der Kontrast nicht größer sein, wieso also nicht formale Präzision andererseits? Für mich geht das auf. Und wenn ein männlicher Tänzer kokett mit dem Hintern wackelt, ein Anblick, der mitunter gerade Frauen auch Spass machen soll, dann ist es schon sehr gewagt, ihm vorzuwerfen, er würde damit Weiblichkeitsstereotypen bestätigen.

Mag sein, Cezary ist in eine seltsame, anachronistische Liebe zur Kultur des 19. Jahrhunderts verstrickt und begründet seine teilweise Ignoranz zeitgenössischer Codes nicht ohne Koketterie mit seiner angeblichen Naivität; das ist aber ein taktischer Zug, sich die Freiheit für seine eigenen Codes zu nehmen. Und das ist sein gutes Recht. Mag auch sein dass er eine Vorliebe für eigenartige Pars-pro-Toto-Metonymien des Weiblichen hat. Aber da ist er beileibe (oder soll ich sagen bei Jupiter) nicht der einzige, und es mutet somit seltsam an, ausgerechnet einen in Clownerien und Camp verliebten schwulen Choreographen hier als Sündenbock herauszugreifen. Zumal diese, wenn ich mir da eine Meinung als Frau erlauben darf, innerhalb seiner Arbeit reichlich marginal bleiben.

(26.3.2009)