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ZUR URAUFFÜHRUNG VON ALAIN PLATELS STÜCK "OUT OF CONTEXT" IM BRÜSSELER KAAITHEATER
Von Helmut Ploebst
Daß der Tanz eine Überschreitung des für die alltägliche Kommunikation nötigen Bewegungsrepertoires ist, wissen wir schon. Daß es im Verhalten von Menschen und in der gegenseitigen Verständigung ebenfalls zu Überschreitungen kommen kann, daß also die Normen der gestischen Codes brüchig sind, ist ebenfalls bekannt. Aber dieses Wissen wird gerne verdrängt - und schnell in die Ecke des Pathologischen abgeschoben. Die alltägliche normative Überschreitung wird allgemein in den Zusammenhang mit Defiziten und Mängeln gerückt, mit „Verrücktheit“ in Verbindung gebracht und genießt erst nach dieser sauberen Klassifizierung ein neues, wohl orientiertes Interesse.
Es gibt also einen normativen Ort, an dem der Katalog kulturell oder gesellschaftlich erlaubter Gesten angesiedelt ist. Von dieser Festlegung aus kann ein diesen Katalog exaltierendes Bewegungsvokabular verrückt werden. Verrücktheit, die nicht wie zum Beispiel in der Clownerie, im Theater oder im Tanz als kontrollierte Überschreitung praktiziert wird, bewirkt ein Gefühl der Bedrohung, wie es von allem erzeugt wird, das als unberechenbar erscheint. Auf Berechenbarkeit wird im sozialen Alltag also mehr gehalten als auf den möglichen Reichtum von zwischenmenschlicher Kommunikation.
Die Überschreitungen des Gewohnten...
Nun ist die Bühne für den Tanz, die Performance und das Theater nicht einfach ein Glassturz, unter dem Phänomene bloß aus wissenschaftlicher Distanz studiert werden wie Tierpräparate, sondern ein Projektor in die Wahrnehmungsprozesse des Publikums. Auf die Bühne kommen verarbeitete, reflektierte Perzeptionen, die das Wahrgenommene bereits kommentieren. Es ist eben eine Vorstellung (= Idee), die in einer Vorstellung (= Aufführung) anschaulich wird - und das macht der belgische Choreograf Alain Platel mit seinen Tänzern von Les Ballets C de la B in ihrem neuen Stück „Out of Context“ besonders deutlich.
Die KünstlerInnen haben sich offenbar viel mit Überschreitungen und Verrücktheit beschäftigt. Wie kann es aber gelingen, in ein gestisches Vokabular wie jenem des Tanzes, das an sich bereits eine Überschreitung darstellt, die Überschreitungen der alltäglichen gestischen Codes so zu implementieren, daß ein überzeugender Diskurs über den zweiteren entstehen kann?
Zu ihren Anfangszeiten in der ersten Hälfte der 90-er Jahre hat Meg Stuart Methoden zu entwickeln begonnen, aus den Vokabularien der Verrücktheit choreografische Methoden und eine neue tänzerische Sprache zu gewinnen. Alain Platel versucht nun, etwa eineinhalb Jahrzehnte später, einen anderen Ansatz: Über die Aufstellung und Repräsentation tänzerischer Normen ziehen er und seine Tänzerinnen „Präparate“ von Überschreitungen der alltäglichen Normen, wie sie im gesellschaftlichen Gedächtnis vorhanden sind. Wie der Titel des Stücks zugibt, werden diese Überschreitungen aus ihren Kontexten genommen und in einen kompositorischen, „künstlichen“ künstlerischen Zusammenhang - nämlich den einer Choreografie - gestellt.
Dieser Transfer erzeugt insofern eine Spannung, als die normative Verrücktheit, die der Tanz ohnehin vorgibt, durch diese „Präparate“ erst einmal zurücktritt. Den Ballets C de la B gelingt es aber, diese Spannung so auszurichten, daß aus dem Zurücktreten des Tanzens zugunsten der „Präparate“ beide Elemente miteinander oszillieren, ohne einander zu überdecken. Das heißt, die TänzerInnen schaffen es, in der gesamten Komposition eine Form der Reflexion über die Verrücktheit zu entwickeln, die nicht in der Karikatur und nicht in einer Dokumentation mündet, sondern in einem künstlerischen Kommentar über die Intensitäten des Ver-rückten.
...ohne Zynismus und Spekulation
In einem ganz außerordentlichen Coup schaffen es die Ballets C de la B, die politischen Sprengkraft des denormierten Körperverhaltens herauszuarbeiten, ohne gleich eine Leidensgeschichte herzustellen, ohne die Empathie des Publikums auf Mitleid zu tunen und ohne eine Freakshow oder eine zynische Ausbeutung des Sensationsgehalts von Krankheitsdarstellungen auf die Bühne zu verfrachten.
Aus dem Oszillieren zwischen der „Hyperfunktionalität“ des Tanzens und der „Dysfunktionalität“ von Behinderungen wird bei Platel eine Handlungskomposition in einer Heterotopie, in einem Raum, der auf etwas prinzipiell Anderes verweist, nämlich auf die Kapazitäten der denormierten Kommunikation. Überaus fein austariert fügen sich die Soundelemente in das Stück, die zwischen Popsongs und Ave Maria wandern und die Thematisierung des Verrücktseins in der Musik miteinbringen. Die Tänzerinnen und Tänzer haben sich leidenschaftlich in Verhaltenstics hineingearbeitet und überhöhen diese in jener neurotischen Virtuosität, zu der sie das Tanzen ja immer treiben kann.
Nichts in dieser Arbeit ist unbedacht - bis hin zu ihrer Rahmung. Die TänzerInnen kommen aus dem Publikumraum wie frisch von der Straße auf eine Bühne, die nur einen Stapel roter Decken und zwei Mikrophone auf ihren Ständern enthält. Am Ende, wenn die DarstellerInnen ihre Vorstellung ausverhandelt haben, bleibt dieses Bild: der ordentliche Stapel, die beiden Mikrophone und ihre Gestelle, die umgeworfen, derangiert daliegen. In „Out of Context“ hat Platel seinen künstlerischen Werkzeugkasten sichtlich auf das Wesentliche reduziert und damit die Kapazität seines Arbeitens in einer bisher von ihm nicht erreichten Intensität und Klarheit erweitert.
Hinweis: „Out of Context“ geht auf Tournee und wird an zahlreichen Orten u.a. in Belgien, in Frankreich (Théâtre de la Ville), in Deutschland, Holland, England und in Österreich (bei den Wiener Festwochen im Juni) gezeigt.
(14.1.2010)
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