Die Helden von WikiLeaks

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ZUR PERFORMANCE DES AMERIKANISCHEN EMPIRE

Von Helmut Ploebst


Die Katharsis beginnt zu wirken. Infolge der Enthüllungen von WikiLeaks zeigen die Monstren im Politsystem der USA ihre Gesichter. Der ehemalige Präsidentschaftskandidaten-Anwärter Mike Huckabee fordert die Tötung all jener, die an der Veröffentlichung der US-Diplomatenpost durch Wikileaks beteiligt sind, berichtet die englische Zeitung The Guardian. Und Sarah Palin, die bei den kommenden amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2012 gegen Barack Obama antreten möchte, will Wikileaks-Sprecher Julian Assange wie einen Al-Quaida-Terroristen jagen lassen, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Zudem kündigt US-Außenministerin Hillary Clinton „aggressive Schritte“ gegen die Informanten von WikiLeaks an.

Ein restriktives System ist offenbar schwer getroffen. Wir erinnern uns noch gut an die Zeiten nach 9/11, als die Pressefreiheit in den USA rigide eingeschränkt wurde und kritische Journalisten reihenweise gefeuert wurden. Und an den Skandal der „embedded journalists“ während des Irakkriegs. Nun schlägt der Zensurhammer einer Nation, für die das Prinzip der unantastbaren Meinungsfreiheit offenbar nur in Bezug auf Neonazi-Webseiten gilt, mit Gewalt zu. WikiLeaks ist aktuell unter seiner .org-Seite nicht mehr erreichbar, und auch die Schweizer Seite wurde von den Amerikanern blockiert.

Boykott gegen amazon.com

Das hätten China oder Iran nicht besser machen können. Zur Zeit ist WikiLeaks noch unter folgenden Adressen erreichbar: http://wikileaks.de/, http://wikileaks.fi/ und http://wikileaks.nl/. Wir erwarten selbstverständlich, daß WikiLeaks so schnell wie möglich auch eine österreichische Adresse erhält. Außerdem sollte Assange, der zur Zeit per Interpol-Haftbefehl gesucht wird – in Schweden liegt, was einige Medien als seltsame Koinzidenz sehen, eine Anklage gegen ihn wegen Vergewaltigung vor – von demokratischen Staaten politisches Asyl angeboten werden. Weiters sollte amazon.com, von deren Servern WikiLeaks verbannt wurde, boykottiert werden.

Es ist zu erwarten, daß sich die Affäre in Folge der hysterischen Reaktionen aus den USA in den kommenden Tagen hochschaukelt. WikiLeaks-MitarbeiterInnen haben Todesdrohungen erhalten und brauchen Schutz wie einst Salman Rushdie vor den „Fatwa“ genannten Mordaufrufen des iranischen Khomeini-Regimes.

Armes, dummes Amerika. Ein Land, das von innen heraus durch Versager und Verbrecher von einer Schlappe in die nächste geführt wird. Pleite in Afghanistan, Blamage im Irak, Verursacher der letzten Finanzkrise, erschüttert von religiösem Fundamentalismus und einer fanatischen Spektakelideologie.

WikiLeaks ist unter diesem Aspekt wahrscheinlich der größte Glücksfall in der Pressegeschichte seit Watergate im Jahr 1973, als die Aufdeckung eines mehrfachen, massiven Amtsmissbrauchs durch den republikanischen US-Präsidenten Richard Nixon zu dessen Rücktritt führte: die Publikation der Materialien zum Krieg in Afghanistan und im Irak sowie der geheimen diplomatischen Kommunikation der USA durch die Non-Profit-Medienorganisation hinter der Website WikiLeaks.

WikiLeaks ist ein Segen für die USA

Ein Hauptanteil dieses Glücks betrifft die Vereinigten Staaten selbst, die sich über Jahrzehnte hin zu einem Sumpf aus Korruption, Gier und Machtmissbrauch entwickelt haben. Der zweitgrößte Gewinn wird nun wohl jenen Medien zuteil, die sich ein solches Ausmaß an Unabhängigkeit bewahrt haben, daß sie sich nun an die Auswertung des von WikiLeaks zur Verfügung gestellten Rohmaterials wagen. Dies sind heute die New York Times, der britische Guardian, Le Monde in Paris, El País in Madrid und das deutsche Magazin Der Spiegel. Die Kooperation mit diesen renommierten Printmedien in Europa und den USA hat die Mitarbeiter von WikiLeaks wiederum bisher davor geschützt, sofort von den Geheimdiensten der USA kaltgestellt zu werden.

Der unabhängige Journalismus ist in den vergangenen Jahrzehnten in eine existenzielle Krise geraten, weil sich die Medien in eine immer größere Abhängigkeit von außen begaben. Eine Folge der enormen Konkurrenz der Neuen Medien mit entsprechenden ökonomischen Verlusten und jener Logiken des Neoliberalismus, die den Journalimus mehr und mehr zur Serviceleistung im Sinn eines Infotainment verführen. Die Folge war ein Niedergang des investigativen Journalismus, ein Wegbrechen des Kompetenzfaktors in der Presse, damit der Credibility der Berichterstattung und Analyse, ein Aufblühen des Boulevards und damit auch einer immer stärker Ressentiments fördernden populistischen Publizistik, die direkt zu einer gefährlichen Erosion der Demokratien in den westlichen Ländern geführt hat, weil sich Politik immer stärker über ihre Performance in den populistischen Massenmedien definiert.

WikiLeaks hat eine Situation in der Publizistik geschaffen, in der die genannten Zeitungen nicht mehr selbst und allein das zu veröffentlichende Material zur Verfügung haben. Damit wird der Druck übermächtiger Interessensträger abgeleitet. Er lastet nun primär auf WikiLeaks und wird sekundär auf die verwertenden Medien verteilt, die die Kompetenz und Kapazität der Quellenaufbereitung mitbringen. Was hier passiert, ist nicht weniger als eine publizistische Revolution: die Neuen Medien und die Traditionsmedien können ihre Potenziale vereinigen und damit dazu beitragen, die totalitären Tendenzen des Neoliberalismus in ihre Schranken zu weisen.

Statistik eines Kriegs der Lüge

Für Februar 2011 kündigt WikiLeaks die Veröffentlichung von Materialien aus dem Bankenwesen an. Zum Glück für das Bankenwesen, dessen Reputation seit der von den USA ausgehenden Finanzkrise auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt ist. Der Kasinokapitalismus des Spekulantenwesens hat kriegsähnliche Ausmaße angenommen: Börsen agieren gegen Staaten wie Island, Irland und Portugal, die bereits existenziell bedroht sind.

Aufklärung von Mißständen ist für deren Verursacher immer existentiell bedrohlich. Vor aller Augen haben die USA – Saddam Hussein hatte eben keine Massenvernichtungswaffen – gelogen und betrogen. Im Irakkrieg verloren die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten von Kriegsbeginn 2003 bis zum 31. Oktober 2010 exakt 4.745 Soldaten. Den auf WikiLeaks (am 22.10.2010) publizierten internen Dokumenten des US-Verteidigungsministeriums zufolge kamen im Irak 109.000 Menschen um, davon 66.081 ZivilistInnen. Es gibt auch Quellen, die die zivilen Verluste in der irakischen Bevölkerung weitaus höher einschätzen. Zum Vergleich: 9/11 kostete 2.749 Menschen das Leben.

Um ein realistisches Bild über den Irakkrieg zu erhalten, ist Transparenz unerläßlich, und diese ist etwas, das sich nicht einstellt, weil es gefordert wird. Transparenz muss immer wieder erzwungen werden. Und das funktioniert nur durch „Verräter“ innerhalb von Systemen, die ein Interesse daran haben, ihre verbrecherischen Interna zu verschleiern. Daher sind jene „Verräter“, die der Öffentlichkeit unter Einsatz ihrer Existenz so wichtige Informationen zugänglich machen, wie sie bei WikiLeaks auftauchen, wirkliche Helden. Sie sind das Gegenmodell zum pragmatischen Mitläufertum, das sich zum Mittäter macht. Wenn Mike Huckabee diese Menschen nun töten lassen will, ist das mit Ayatollah Khomeinis Mordaufruf gegen Salman Rushdie ohne weiteres zu vergleichen.


[Anmerkung: Warum sich corpus als künstlerisches Medium mit diesem Thema befaßt und befassen muss, ist leicht zu erklären. Einerseits ist Kunst ist ohne ihren politischen Kontext nicht zu denken, und andererseits reflektiert corpus die politische Realität ausschließlich aus den Perspektiven von künstlerischen Wahrnehmungen und einer journalistischen Ethik, die keine utilitaristischen und ideologischen Beschränkungen kennt. Die Schikanen, die corpus aufgrund seiner inhaltlichen Ausrichtung in Österreich erfahren muß, sind mit denen, die WikiLeaks nun erfährt, nicht zu vergleichen. Existenzbedrohend sind sie für uns allemal. Auch aus diesem Grund fühlen wir uns den mutigen Menschen von WikiLeaks nahe.]


(4.12.2010)