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DIE HÖLLE ALS PARADIES ALS HÖLLE |
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VIER EXKURSE IN FOLGE EINER KÜNSTLERISCHEN UNTERSUCHUNG
Der Aufstieg in das Reich der Dämonen, der Abstieg in den Orkus der Engel. Was wie die Formel für eine poetische Klassengesellschafts-Allegorie klingt, ist eher der kürzestmögliche, unpräziseste Vergleich hinter den Forschungen des corpusLabors Die Hölle als das Paradies als eine Hölle, das zwischen 2011 im Filmarchiv Austria und im Tanzquartier Wien als „ent-setzliche Investigation“ stattgefunden hat.
Ein Ent-Setzen, hier gemeint als der Versuch einer Abnabelung von autoritär Gesetztem und dessen Gesetzen, ist die Folge beinahe jeder näheren – und kritischen – Untersuchung an den Stellungen des Politischen. Wir leben in paradiesischen Zeiten, denn noch nie waren alle „Kaiser“ so nackt, wie sie heute dastehen. Und wir leben zugleich in infernalischen Zeiten: Denn die Nacktheit der „Kaiser“ bietet ein so übles Bild dar, dass wir gerne wieder wegschauen wollten, sogar, wenn wir wissen, dass jeder abgewandte Blick diese Kaiser wieder neu kleidet.
Doch wir dürfen weder wegschauen noch (er)starren. Obwohl die Abgründe, die sich oben in den Höhen der „Gesetzten“ auftun, die Augen ihrer Beobachter flackern machen. Die Lichter (enlightenments) bei denen unten, die versuchen, die Dämonen zu bannen, scheinen so klein zu sein, dass sie wie Muster von widerspenstigen Spielen aussehen, über die sich die Autoritären höhnisch auszulassen pflegen, bevor sie beginnen, auf sie einzuschlagen. Die gute Nachricht: Es ist wieder einfacher, auf der „richtigen“ Seite zu stehen. Die Warnung dabei: Zu entscheiden, was auf dieser Seite zu tun ist, erfordert vor dem Hintergrund der heute gewussten Geschichte höllisch komplexe Bewegungen.
Risse in Verpackungen schlagen
In diesem kurzen Themenschwerpunkt sind vier Positionen (von Captain Carey & Hausmeister 23, Sabina Holzer, Boyan Manchev und Helmut Ploebst) zusammengefasst, die keine Bilanz des Labors darstellen sollen, aber als Extemporationen, Offenlegungen und Zuspitzungen Einblicke in die Dynamiken geben, die sich darin entwickelt haben. Einen genaueren oder repräsentativeren Einblick erhielten die BesucherInnen der Laborpräsentation am Abend des 25. Oktober im Tanzquartier Wien. Für diese Öffnung unserer Arbeit für ein Publikum hatten wir folgenden Text geschrieben:
Die Problemstellungen dieses Labors bestehen in der Frage, ob und wie über diverse diskursive Operatoren und künstlerische Praktiken Risse in die ideologischen Verpackungen des infernalisch Kulturellen geschlagen werden können: unter der Perspektive, dass das Wahnsystem des Neoliberalismus eine „postkulturelle Ideologie“ ist, also eine bisher nicht gekannte Verpackungsmaschine und so für uns eine Reformulierung des Infernos.
Während der vergangenen zehn Tage wurde innerhalb des Formats eines künstlerischen Labors von zehn KünstlerInnen und TheoretikerInnen an un/möglichen Gestellen gearbeitet: an mehrschichtigen und kritischen Lektüren medialer Felder, an einer verantwortungsvollen Praxis in einem unkontrollierten Feld, an einem aufgabenorientierten Infernalismus, an einer investigativen Durchmischung von imaginativen und dokumentarischen Texten, Karten und Scores und an Performativen des Verlusts an Gesellschaft, Realität und Forschung. Weiters an einer kritischen Umschrift klassischer und zeitgenössischer themenbezogener Texte im Sinn einer Aktualisierung und andauernden Recherche.
Schließlich an Versuchen, das Ungleichgewicht von politischer Macht und Reichtum in der Welt zu kartografieren und zu untersuchen, inklusive von Politiken der Gewalt und Unterdrückung, Rassismen, Überwachung, neoliberalem Kapitalismus und Konsumismus zum einen und zum anderen Strategien des Widerstands wie Solidarität, Dekolonisierung und Fair Trade, und an einer Diskussion der Position der KünstlerIn in den gegenwärtigen Gesellschaften.
Das corpusKollektiv – vor allem die am Labor beteiligte Gruppe Sabina Holzer, Jack Hauser und Helmut Ploebst – dankt Thomas Ballhausen für seinen thematischen Anstoß und das Zurverfügungstellen des Kinoraums im Filmarchiv Austria für drei Tage. Dem Tanzquartier Wien für seine Gastfreundschaft: das Bereitstellen von finanziellen, organisatorischen und räumlichen Ressourcen. Weiters dem Künstlerzwilling deufert+plischke für seine wertvollen Beiträge, darunter einer Struktur, auf deren Basis bis zum Schluss gearbeitet werden konnte. Und Tanja Ostojic für ihr luzides, wegweisendes politisches Denken, Boyan Manchev für seinen großzügigen philosophischen Enthusiasmus, Michikazu Matsune für seine erst beobachtende, dann eruptiv aktive Präsenz sowie Michael Mastrototaro (Machfeld) unter anderem für ein fraktales Modell des Spiels „Himmel und Hölle“.
(28.12.2011)
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