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Die Katakomben von Metropolis

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ERÖFFNUNG VON IMAGETANZ 2011 IN WIEN: SUPERAMAS, KARNER & SAMARAWEEROVÁ UND COLONNA & RUTH

Von Helmut Ploebst




Das Format der künstlerischen Lounge ist so phantastisch wie streitbar und daher geradezu ideal für die Eröffnung eines Festivals. Der aktuellen Diskussion über das Kuratorische im zeitgenössischen Tanz könnte die von KünstlerInnen mit KünstlerInnen gestaltete Lounge als Kuratierung-in-der-Kuratierung durchaus noch einen spannenden Spin geben. Das von Bettina Kogler geleitete Wiener Imagetanz-Festival im brut hat sich im Lauf der vergangenen Jahre immer mehr zu einer spielerischen und provokanten Versuchsanordnung darüber entwickelt, wie Zeitgenossenschaft in kuratorischer Kommunikationsarbeit so wirksam werden kann, daß sie den präsentierten Arbeiten ein adäquates Wirksamkeitsfeld bietet.

Dem entspricht eine Lounge wie die Superb Night von Superamas durchaus. Dieser Abend war streitbar, weil er einerseits als formatgebende Gestaltung in ein heikles politisches Verhältnis zu den Arbeiten der beteiligten KollaborateurInnen trat und zum anderen als Prolog für das gesamte weitere Festival gelten mußte. Die Herausforderung dabei ist, eine Haltung des möglichst nirgends Aneckens zu vermeiden, auch wenn die einzelnen Beiträge im gesamten Zusammenhang wie Spielfiguren zum Einsatz kommen. Ein echtes Risiko für alle Involvierten. Aber das war schon immer eines der wertvollsten Elemente in der Kunst überhaupt: etwas zu riskieren in der Produktion, der Präsentation und in der Rezeption von künstlerischen Arbeiten. Das Wagnis, das Spiel mit dem Feuer, das Abenteuer.

Die Superb Night war ein im besten Sinn schockierendes Erlebnis, das hier in Relation mit zwei weiteren Imagetanz-Arbeiten gelesen wird: Clélia Colonnas und Charlotta Ruths Fan-Mania und greeeenspangrünspan von Karl Karner und Linda Samaraweerová. Im kuratorischen Format verortet: die Einleitung des Festivals und zwei darauf folgende Setzungen (wobei die permanent während des Festivals laufende Quatschbude von Julius Deutschbauer auf dem Platz vor dem brut Künstlerhaus in ihrer ent-setzlichen Dimension extra analysiert werden muß). Für eine Analyse ist das eine Herausforderung, weil die drei Arbeiten in ihrer kuraorischen Juxtaposition – hier als unmittelbare Hintereinandersetzung – beinahe exzessiv miteinander kommunizieren.

Der chaotische Kern des Organisatorischen

Dabei übernahm greeeenspangrünspan eine impulsgebende Rolle. Karner und Samaraweerova haben mit ihrer installativ-performativen Arbeit (hier die Uraufführung, noch einmal zu sehen beim Donaufestival in Krems) eine neue Dimension im Zusammenhang mit einem erweiterten Choreografiebegriff aufgemacht, der sich vom Tanz abkoppelt und migrativ in künstlerische Strategien der bildenden Kunst, des Videos und/oder Films und Theaters fortsetzt, eigentlich also in die ohnehin schon großartig instabile klassische Performance Art injiziert und diese durch einen solchen Prozess noch einmal reorganisiert und so „verformt“.

Abgesehen davon siedelt greeeenspangrünspan noch auf einer anderen, heikleren Ebene, die das Verhandeln des Politischen ganz in den Tiefenstrukturen der Kritik ausspielt, dort, wo das Unaussprechliche als chaotischer Kern alles Organisatorischen sitzt. Wobei mit dem „Unaussprechlichen“ keine Mystifikation im Sinn einer künstlichen Verrätselung gemeint ist, sondern im Gegenteil die offenkundige Verankerung des politisch Perversen in einem dem konventionellen Gesellschaftsdiskurs unzugänglichen Untergrund. Dieser kann nur ausgeleuchtet werden, wenn die symmetrischen Logiken der tradierten Diskursbildung in andere, asymmetrische Logiken überführt werden. Diese Qualität von Kunst wird ja gerade wieder neu entdeckt, wie unter anderem an dem neuen Interesse am Surrealismus abzulesen ist.

Der Titel des Stücks bezieht sich auf den langjährigen, ehemaligen US-Notenbankchef Alan Greenspan (Zitat: „Geldpolitik ist keine angewandte Wissenschaft, sondern Kunst!“) und die giftige Patina des Grünspans auf Kupfermetall, die das Material witterungsresistent macht. Karner als stets schweigende Greenspan-Verkörperung und Samaraweerova als beredter Challenger und Co-Operator dieser Verkörperung führen in die Katakomben der aus Zeichen gebauten Metropole des Kapitalismus. Dort ist es düster, in gewissem Sinn elegant, auf abseitige Art witzig und zugleich verschwommen. Eine fremd anmutende Welt, in die die beiden KünstlerInnen über einen kurzen performativen Akt im Foyer des Künstlerhaustheaters einführen. Im Theaterraum selbst performen kleine Skulpturen und Videos mit Licht und Sound in einer performativen Installation.

Schwerter, Sandalen und Sternenstaub

Dort sind die beiden KünstlerInnen selbst materiell abwesend, und das Publikum sieht sich einem Ablauf ausgeliefert, der wie von Geisterhand gesteuert wird. Ein Dialog zwischen Greenspan und seinem Challenger auf Video. Ein schiff-ähnlicher Tisch mit kleinen, enigmatischen Skulpturen, eine Skulptur in einer Vitrine, drei Screens, ein Paravent, und eine Installation-in-der-Installation aus Stuhl, Schläuchen und Monitor. Auf den Screens ein Film, der ein Sichvortasten in einer unbekannten, atavistischen Unterwelt zeigt. Danach Bilder einer permanenten Auflösung, aus der sich etwa die Gestalt des Challengers schält oder auch ein Hackbrettspieler aus einer TV-Show.

Das ist eine Situation, die das Spektakel als performativ-systemische Schale des Kapitalismus nicht appropriieren, sich weder aneignen noch einverleiben kann. Eine Form des Unheimlichen also, die sich über mehrere Konnotationsareale verteilt und selbst den raffinierten Logiken neoliberaler Wahrnehmungsmodelle entzieht, ohne aber deswegen hermetisch zu wirken. Der Hackbrettspieler ist das Link zur Superb Night – ein Agent des Spektakulären in einem medialen Aquarium. Superamas richten ihre simulierte Night-Bar quasi über den Grünspan-Katakomben von Karner und Samaraweerova ein. In einem Akt der Aneignung spektakulärer Strategeme verteilen Superamas dort definitiv halluzinogene Performative mit Ausschnitten aus dem Stück Swords & Sandals von Roch Baumert, Elix Eynaudi und Diederik Peeters, dem Film Stardust von Nicolas Provost, der Präsenz der Performerin-Filmschaffenden Ariane Loze, Andrea Maurer & Thomas Brandstätter, Marianne Baillot als Sängerin und Stripperin plus einem Profi-Stripper sowie einer Bande aus Pole-Tänzerinnen, einer Band, The Bandaloop, und einer Djane.

Dekadenz, Erotik und ironisierte Sentimentalität spiegeln die Lustbarkeiten und die Ablenkungsstrategien des europäischen Imperiums, dieser – wie es gerade den Anschein hat – auf ihren (nächsten) Eisberg zusteuernden Titanic, wider. Dieses Luxusdampfers mit seiner dumpfbackigen Spektakelkultur und verlorenen Integrität, der von einer verstörten und korrupten Elite gesteuert wird wie von Patienten in der Geriatrie dessen, was ohne diese Gespenster eine avancierte westliche Kultur sein könnte. Gerade in der Nacht vor der Superb Night hatten die Totengräber Europas ihren alljährlichen Opernball abgefeiert, nur einen ordentlichen Steinwurf vom brut-Theater enfernt. Einen Ball der Künstler, wie es hieß. Einen Ball von Dekorateuren der Perversion, wie es besser heißen muß. Ein Ball jener Narren also, die sich für eine „Upper Class“ halten.

Das Unheimliche an der Aufklärung

Möglicherweise wird diese Einbildung bald ein Ende haben. Von Kulturpessimismus war dementsprechend in der Opernball-Gegenveranstaltung Superb Night nichts zu spüren, genausowenig wie bei greeeenspangrünspan. Oder bei Fan-Mania, dieser Apokalypse der Unschuld des Nachläufertums, der Starverehrung, des blinden Jubels, inszeniert und eingerichtet von zwei jungen Künstlerinnen und einem draufgängerischen Team in der Endphase von Casting Shows nebst allen anderen pseudodemokratischen Spektakeln. Wieder ein Wagnis, ein komplexes Konstrukt und ausgesprochen schaurig. Eigentlich auch beinahe eine Lounge und sehr ironisch.

Mit greeeenspangrünspan gelesen, wird die Superb Night noch unheimlicher, als sie es für sich schon war. Und die bei Superamas ironisierte und leidenschaftlich ambivalent ausgewalzte spektaklistische Dekadenz gibt der raffiniert gestrickten Fan-Mania einen noch abseitigeren Touch, als sie ihn ohnehin selbst beschworen hat. Alle drei Arbeiten sind kritische Lektüren unserer Gegenwart, die alles andere als rätselhaft ist. Noch nie in den vergangenen dreißig Jahren waren wir alle besser darüber aufgeklärt, wie das globale Spektakel funktioniert. Künstlerische Arbeiten wie die drei genannten operieren kritisch an den Logiken sowohl des Systems selbst als auch an jenen der Aufklärung. Ohne diese Operationen ist eine Neuausrichtung der Gesellschaft nicht mehr denkbar. Diese Tatsache sollte reichen, um allen explorativen KünstlerInnen, die sich der Greenspan-Geldpolitik-„Kunst“-Logik entziehen, ein neues Selbstbewußtsein zu geben.


(10.3.2011)