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Die kommende Gemeinschaft

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"LES ASSISTANTES" VON JENNIFER LACEY, MIT ALICE CHAUCHAT, DD DORVILLIER, AUDRAY GAISAN, BARBARA MANZETTI, SOFIA NEVES BEI IMPULSTANZ 2008

Von Helmut Ploebst


Neun nette junge Frauen. Ein großes Becken aus Metallimitat und mehrere Stehlampen, die ein wenig an Arztleuchten erinnern. Die Frauen tragen pastellfarbene Kleider, Schürzen und Mützen. Die sind „Assistentinnen“ (wörtlich übersetzt von dem Stücktitel „Les Assistantes“, der auch als „Die Anwesenden“ übersetzt werden kann; aus dem Französischen kann „assistance“ übrigens auch mit Zuhörerschaft oder Publikum übersetzt werden), also solche, die einander Gehilfinnen sind.

Eine kleine Gemeinschaft, die etwas unternimmt, hier eben gerade auf einer Bühne, in einem von Nadia Lauro stark fixierten architektonischen Setting für den Utopie-Gebrauch, aber es ist gut vorstellbar, wie die Gruppe sich vorbereitet hat, denn auf jedem Sitz der Tribüne liegt ein sorgfältig gefaltetes oder gerolltes Blatt Papier, das mit weiteren kleinen Zetteln beklebt oder verklammert ist. Darin steckt viel Arbeit, denn offensichtlich liegt auf jedem der Stühle ein anders gestaltetes Dokument, eine Präparationsmöglichkeit für das Publikum, eine Einladung, sich gleich oder später in Vorgedachtes zu vertiefen.

Sarkozys neue Schuhe

Man könnte diese Assistentinnen auch für medizinische Assistentinnen halten, die eine Operation am Gemeinschaftkörper vorbereiten, oder für Piratinnen (worauf eine Augenklappe hinweist, die sie kurz tragen), die einen Schatz ausbreiten. Zu Beginn bringen sich sich in verschiedenene Posen, üben einen Singsang aus, veranstalten ein Ringelreihen, weisen mit den Fingern nach oben, bilden einen engen Kreis, weisen in dessen Zentrum, rücken einander ganz nahe. Eine der Frauen, von denen einige anfangs stets an der Seite des Publikums stehen, hält mit erhobener Hand eine kleine Ansprache. Eine Gruppe von fünf der Tänzerinnen verschwindet in einer Seitentür, und aus der Tür lassen sie Texte verlauten, die wie Rezitative zusammengebaut sind - mit dem Refain „Holy Shit!“ - und politische Spitzen schneiden: „Nicolas Sarkozy braucht neue Schuhe...“

Ab und zu verteilen sie sich oder stellen sich zusammen und bilden eine Girls Band (das musikalische Konzept stammt von Jonathan Bepler). Dann wieder setzen sich einige in ein Eck des Beckens und lesen einen Text vor, der ihre Ideen zu den Gehilfinnen darlegt. Später wird Papier und eine Papierschneidemaschine geholt, und das Publikum kann sehen, wie die Dokumente entstanden sind, die es auf seinen Stühlen vorgefunden hat. Bücher tauchen auf, und sie sind alle in Umschläge aus Materialien für die Performance gehüllt: Literatur über das Gemeinschaftliche. Es wird ein wenig getanzt, solo oder zusammen, die Atmosphäre ist leicht und konzentriert, einzelne Figuren sondern sich ab, und einige verfallen dabei in ein Schütteln, das seltsam unmotiviert erscheint und eines der wenigen Fragezeichen in dieser Arbeit darstellt.

Die lebende Einschmiermaschine 

Ab und zu, vor allem in den Momenten der Hinwendung in Richtung Publikum, unterstreichen die Performerinnen den Showcharakter des Stücks. Mit kleinen Büchlein in den Händen stellen sich die Frauen in einer Reihe auf. „Wir werden Ihnen jetzt ein paar Volkstänze zeigen..., die Sie vollständig verstehen werden.“ Zu der wiederholt gleichen Musik führen sie dann, erst als Solo, dann in Variationen als Trio und in einer größeren Gruppe, einfache Tänze auf, die ganz spitz und zärtlich die dem Stück zu Grunde liegende Ironie zusammenfassen. Denn die jungen Frauen helfen auch ihrem Publikum auf die Sprünge mit ihrer Coolness und gespielten Ernsthaftigkeit, mit einem spielerischen sich Vor- und Aufführen und Fragen wie: „Is this dance a representation or an enlightenment?“

Wenn dieses Stück mit einer Gruppe von vier Tänzerinnen schließt, von denen eine auf dem Rücken liegt mit zwei Büchern auf dem Bauch und die drei anderen hinter ihr sitzend, sich und einander mit einem Öl einreibend, eine kleine (Ein-)Schmiermaschine aus lebendigen Modulen, dann eben mit einer finalen Zuwendung, die das Thema der Utopie des Miteinander in Unabhängigkeit abgeklärt relativiert. Aber nicht konterkariert.

Barthes, Fourier und Černyševskij

Für dieses Stück hat Lacey sich mit einigen elaborierten Köpfe der avancierten Gegenwartschoreografie zusammengetan, darunter sind Alice Chauchat, Barbara Manzetti und DD Dorvillier. „Les Assistantes“ führen den Diskurs über das Utopische im Gesellschaftlichen vor allem mit Roland Barthes und Charles Fourier. Der Gesellschaftstheoretiker Fourier (1772-1837) gilt als der Erfinder des Begriffs Feminismus, vertrat die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens und entwickelte gesellschaftliche Modelle auf Basis von Genossenschaftlichkeit und freier Liebe, die er „Phalansterien“ nannte. Nikolaj Gavrilovič Černyševskij setzte Fourier in seinem Roman „Was tun?“, der wiederum Lenin beeinflußte, ein Denkmal. Dieses „Was tun?“ übersetzen die gemeinschaftlichen Gehilfinnen in die für das Stück grundlegende Frage: „Wie will jemand seine Zeit verbringen?“

Laceys Arbeit entwickelt einen Sog, der inmitten der neuen Ambivalenz der Gegenwartschoreografie auf eine Übersetzung der progressiven Bewegung im Tanz der 90er Jahre (die auch en passant angesprochen wird) in neue Formate hinweist, die als Gegenpositionen zu dem sich aktuell wieder verdichtenden Spektaklismus im Tanz gelesen werden können.

Ein Anti-Avantgarde-Modell 

Mit einer spielerischen, subversiven Leichtigkeit in einem unbarmherzigen Gerüst aus politischem Bewußtsein, wie es sich schon in Anne Jurens und Alice Chauchats „J'aime“, sämtlichen Arbeiten Laceys nach „This is an epic“, aber auch bei Xavier le Roys „Sacre du printemps“ oder Jonathan Burrows’ Stücken mit Matteo Fargion ankündigt. „Les Assistantes“ bringen etwas auf den Punkt, das bereits seit Jahren in der Gegenwartschoreografie erkennbar ist und mit dieser Arbeit benennbarer wird. Es wäre das erste Anti-Avantgarde-Modell in der Geschichte der Neuen Choreografie, und sein Potential ist von der trägen Diskursmaschine bisher kaum erkannt oder benannt worden. Denn es verteilt sein Gewicht auf eine ganze Anzahl ikonischer Arbeiten von Künstlerinnen wie - über die Genannten hinaus - Krõõt Juurak bis Latifa Laâbissi, deufert+plischke, Eva Meyer-Keller und Patrícia Portela bis hin zur neuen rumänischen und jungen türkischen Choreografie.

Mit diesen „Gehilfinnen“ beginnt sich das ausklingende Jahrzehnt in ersten Ansätzen zu schreiben. Nicht ohne Beispiel. Denn auch die legendären Neunziger gaben sich in aller Konsequenz erst in ihren letzten beiden Jahren in ihrer ganzen Bedeutung zu erkennen. Mit Foucaults Idee der Heterochronie läßt sich die neue Bewegung möglicherweise auch verorten und führt zu einem ganz spezifischen Modell, das sich nun innerhalb der komplexen Struktur der Gegenwartschoreografie herauszuschälen beginnt.


(27.7.2008)