Die leeren Pakete

Drucken

WIE SICH DIE KULTURPOLITIK REFORMIEREN MUSS


Diskurs ist doch immer ein Ansporn. Er bedeutet erst einmal einen Dialog auf der Grundlage von Argumenten. Nach Auffassung von Jürgen Habermas ist Diskurs spezifischer eine Form der Kommunikation, in der diese selbst mitsamt den Geltungsansprüchen der Beteiligten zum Teil eines Themas wird: im Idealfall als herrschaftsfreier Diskurs. Der Geltungsanspruch eines Politikers ist ein anderer als der Geltungsanspruch eines Kritikers. Denn Politiker setzen Behauptungen und Sprechakte in die Gesellschaft, und Kritiker schauen nach, was sich hinter diesen verbirgt und wie sie sich auswirken.

Der Vorteil für Kritiker, die sich mit Performance – in der Kunst, in der Gesellschaft oder in deren Politik – auseinandersetzen, ist, dass sie die Verpackungen miterfassen, in die Kommunikationsinhalte gehüllt sind, damit diese auch gut ankommen. Typisches Beispiel dafür sind die leeren Weihnachtspackerln in den Auslagen zur Adventszeit: alle Passanten wissen, dass da nichts drin ist und dass die Versprechungen der Auslage ebenso leer sind wie diese Pakete. Aber das angenehme Assoziationen anregende Arrangement soll sie in Stimmung bringen, und es hat eine „gute Performance“, wenn die Passanten dadurch zu Kunden werden.

In der Performance von Politik ist das etwas anders. Hier wissen die „Passanten“, das Publikum, die potenziellen Wählerinnen und Wähler nicht von vornherein, ob in der Botschaft „von oben“ ein Inhalt steckt oder nicht. Ob also die Politik etwas mitzuteilen hat oder ob sie sich nur selbst verkaufen will. Und mit welchen Absichten sie etwas mitteilt oder zu verkaufen trachtet. Was KritikerInnen so unbeliebt macht, ist, dass sie das Geschenkpapier untersuchen und die darunter verborgenen Dinge einmal auspacken, um sie zu durchleuchten.

Zusammenhänge verstehen

Denn das müssen die BürgerInnen erfahren: Was in einer verpackten Botschaft tatsächlich steckt. Jede Verpackung ist aber auch Teil des Inhalts. Sie ist also keine neutrale Oberfläche, und ihr Äußeres sagt schon viel über das Darunter aus, man muss nur versuchen, die beiden in ihren Zusammenhängen zu verstehen.

Auf corpus sind zwei Texte zur aktuellen Kulturpolitik zu lesen. Einer ist eine Kritik an dem Symposion „Wien denkt weiter“ im Odeon, und ein weiterer, der im Vorfeld dieser Kommunikationsveranstaltung publiziert wurde, stellt unter dem Titel „Unsoziale Kulturpolitik“ eine scharfe Kritik am Inhalt der Kulturpolitik und ihren sozialen Implikationen dar. Stadtrat Mailath-Pokorny hat diesen Text offenkundig gelesen, weil er in einer Randbemerkung während seines Gesprächs mit Diedrich Diederichsen daraus zitierte: aus jener Passage, in der bezweifelt wird, dass es in der Wissenschaft sogenannte „Orchideenfächer“ gibt.

Reagiert hat er in diesem Brief aber – erst einmal? – nur auf den Text über das Symposion, über das Event, über die aufschlussreiche Verpackung. Und dort war wieder nicht die Rede von der sozialen Zukunft der freien KünstlerInnen, auch nicht nach dem dezenten Anstoß Diederichsens mit seiner Aussage, dass Wien „eine teure Stadt“ sei. Sicherlich hat die Politik keine Freude mit dem Thema, weil es ein über Jahre verschlepptes „Problem“ ist. Aber noch einmal: Es gibt keine Kultur ohne Kulturschaffende. Warum muss also der Großteil der freien KünstlerInnen ihr Dasein in prekären Lebensumständen fristen?

Ausschluss der KünstlerInnen

Warum wird in dem im Vorfeld des Kongresses publizierten „Thesenpapier“ nicht an jene gedacht, die die Basis für dieses Weiterdenken überhaupt erst schaffen? Vielleicht, weil sich unter dessen 32 AutorInnen nur ein hauptberuflich Kunstschaffender befindet? Dieses Unverhältnis besagt, dass KünstlerInnen während der Überlegungen für dieses Papier so gut wie ausgeschlossen waren. Und dass die soziale Frage eben nicht interessant war.

Die soziale Frage ist letztlich immer auch eine Geldfrage. Österreich hätte natürlich trotz Krise genug Geld, um seinen KünstlerInnen ein vernünftiges Sozialmodell zur Verfügung zu stellen. Man muss es nur aktivieren wollen. Bevor diese Frage geklärt ist, kann es der Kulturpolitik also keineswegs, wie in dem schludrig geschriebenen Papier angeführt, um „Kulturbauten, die die Stadt als Kulturstadt des 21. Jahrhunderts definieren“ gehen. Mit solchen sogenannten Kulturbauten blamieren sich bereits Hamburg mit seiner so schildbürgerlichen wie scheußlichen Elbphilharmonie und Berlin mit seinem lächerlichen und perversen Stadtschloss. Wien denkt da weiter, nicht wahr, liebe Kultur- und Sozialpolitik?

Stadtrat Mailath-Pokorny hat in seinem Brief an corpus das Nötige getan: unter anderem seine Moderatorin verteidigt, seine Beamten und KuratorInnen auch, dem Kritiker – was wäre das Leben ohne Würze – Häme, billige Polemik und mangelnde journalistische Sorgfalt vorgeworfen. Er verweist auf einen Text in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Theater heute“, in dem der „Falter“-Redakteur Wolfgang Kralicek die Wiener Off-Szene lobt. Und die Theaterreform auch. Kralicek tut das sehr gut und zu Recht, doch er bezieht sich auf die Anfänge der Theaterreform, auf die Zeit ihres ersten Kuratoriums – das übrigens auch die Gründung von corpus initiiert hat – und die positiven Auswirkungen dieser ersten Jahre. Über die jüngeren Entwicklungen der Theaterreform schweigt der Autor.

Kulturpolitik, die sich selbst nicht versteht

Und zu corpus. Wir nehmen gerne zur Kenntnis, dass die Stadt uns noch 2011 mit 30.000 Euro fördert und streichen ebenso gern hervor, dass das Kulturamt nicht dieselbe eiskalte Brutalität der Abteilung V/2 des BMUKK besitzt, die corpus im laufenden Geschäftsjahr 2010 die Förderung verwehrt hat. Dass die Kulturabteilung der Stadt Wien ein 8 bis 9 Millionen Euro starkes Budget für Standort- und Strukturförderung hat, wissen wir allerdings auch. Darauf angesprochen, meinte unser Gesprächspartner Robert Dressler von der MA7 im Hinblick auf die drohenden Budgetkürzungen, dafür einzureichen hätte keinen Sinn, denn „das wird zuerst gestrichen!“

Das war despektierlich, lieber Herr Stadtrat. 30.000 Euro ist ein geringer Posten innerhalb eines 8-Millionen-Budget, das wissen Sie. Und Christopher Widauers salopp vorgetragener Verweis auf St. Pölten war ebenso respektos. Wir sind als Teil der Wiener Kulturszene gut genug im Gespräch mit MitbewerberInnen um Finanzierungen der öffentlichen Hand, um zu wissen, dass solcherlei Despektierlichkeit gegenüber Leistungen, die der Stadt ja nützen, keine Einzelerscheinungen sind. Zumal ein nicht unmaßgeblicher Teil der in corpus investierten Gelder in die KünstlerInnenschaft zurückfließen, was neben dem immateriellen Wert der Diskursbildung auch einen materiellen für die Szene generiert.

In unseren Gesprächen erfahren wir auch, um zum Thema ihrer unsozialen Kulturpolitik zurückzukommen, dass das Fehlen eines wirksamen Sozialmodells für freie KünstlerInnen aus dem darstellenden Bereich in Wien bereits zu ersten Härtefällen führt. Die Kulturpolitik wird, nicht nur in Wien, ihr System von Grund auf reformieren müssen, und zwar in folgenden, sehr konkreten Punkten:

1. Schaffung und Umsetzung eines Masterplans zur Familien- und Alterversorgung von freien KünstlerInnen als Kooperation von Kultur- und Sozialpolitik von Stadt und Bund.
2. Abschaffung des Bittstellerstatus von freien KünstlerInnen und administrative Vereinfachung der Verteilung von Mitteln.
3. Eine Redefinition des Status der Kulturpolitik innerhalb der Hierarchie der politischen Ressorts: denn gerade in einer migrantischen Gesellschaft werden Integrations-, Bildungs-, Gesundheits- bis hin zur Beschäftigungs- und Wirtschaftspolitik ohne Kenntnis von kulturellen Implikationen scheitern. Was Politiker wie H.C. Strache freuen dürfte.
4. Die Anerkennung der Leistungen von Kulturschaffenden und insbesondere von KünstlerInnen im Generieren von Logiken jenseits eingefahrener Gewissheiten. Diese alteritären Logiken sind an sich schon politisch. Sie müssen nur Eingang in den praktischen politischen Diskurs finden.

Kulturpolitik hat noch nicht wirklich begonnen zu verstehen, welche Rolle ihr in den gesellschaftlichen Veränderungen der Gegenwart zukommt. Daher wird corpus so lange mit ihr streiten und Antworten begehren, bis sie sich selbst respektiert. Wenn das anspornend wirkt, umso besser. Und die Einladung, weiter zu streiten, ist angenommen.
(Helmut Ploebst)


(24.6.2010)