CLEMENT LAYES’ SOLO "ALLEGE"
Von Astrid Peterle
Anleitung zum Gießen einer Topfpflanze: Man nehme in stehender Position ein kleines Wasserglas und stelle es auf seinen Kopf, indem man den Kopf quer hält und das Glas über dem Ohr auf dem Schädel balanciert. Mit der linken Hand hebe man die Topfpflanze auf, das Glas weiterhin auf dem Kopf balancierend, und mit der rechten Hand greife man nach einer Wasserflasche. Die Topfpflanze halte man in vertikaler Verlängerung des Wasserglases ca. 30 cm darunter, auf Höhe der Brust. Dann gieße man Wasser in das Glas, bis dieses übergeht und das Wasser nach unten auf die Topfpflanze rinnt.
Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht: die Verkomplizierung als Erleichterung, Entlastung. Clement Layes’ Performance Allege (etwas erleichtern, entlasten) könnte als Propagierung eines neuen Lebensmottos und damit durchaus politisch verstanden werden. Der Alltag wird zwar nicht leichter, dafür aber umso befreiter. Zum Teufel mit den Konventionen – wer sagt, dass man nicht den ganzen Tag mit einem Glas am Kopf herumgehen oder Topfpflanzen als Babies und Gießkannen als Begehren bezeichnen sollte? Auch wenn Layes mit seiner Performance nicht tatsächlich eine neue Lebensweise initiieren will (wie wäre es mit Komplizierismus als Ablösung des trendigen Vegetarismus?), so animiert sie dennoch, über den Zwang der Konvention in alltäglichen Handlungen und dem Handeln in der künstlerischen Praxis nachzudenken.
In den ersten beiden Dritteln der Performance gelingt es Layes, das Publikum auf stille Weise zum Lachen zu bringen. Dies ist an und für sich schon beinahe ein politischer Akt im zeitgenössischen Tanz, denn nur selten wagen es ChoreographInnen, sich ins heitere Fach zu begeben. Die Grenze zur Lächerlichkeit ist schmal, und nur wenige verstehen die Kunst der feinen Ironie. Unübersehbar ist Layes’ Ausbildung an der Zirkusschule in Lyon, wenn er für mehr als eine halbe Stunde ein Wasserglas auf seinem Kopf oder in seinem Nacken balanciert und dabei abenteuerlich-unsinnige Handlungsabläufe vollführt. Das Motiv seiner Handlungen ist die Umverteilung von Wasser von A nach B beziehungsweise zum Zweck der Bewässerung einer Topfpflanze, die in ihrer Miniaturhaftigkeit kaum mehr als ein Zitat ihrer Gattung ist.
Subversion ohne Gewalt
Hier bereits ist die Frage unvermeidbar, durch welche Gesetzmäßigkeiten Handlungen zu Konventionen gerinnen, Rationalität als Maß aller Dinge festgelegt wird. Layes unterläuft Konventionen, und er tut dies bei aller Vortäuschung handwerklicher Abläufe mit einer gewissen Dekadenz: Das Wasser wird nicht pedantisch transportiert, sondern unterschwellig lustvoll verpritschelt. Im letzten Drittel von Allege findet Layes plötzlich zur Sprache, als er das Glas nonchalant vom Kopf nimmt und erklärt, dass es sich dabei um „the mechanic“ handelt. In Folge bekommen alle Objekte auf der Bühne einen Namen, den sie für gewöhnlich nicht tragen, und das Leben entfaltet sich in ganz neuen Zusammenhängen. Aus einem Wischlappen aka dem Traum und einem Wasserkocher/der Technologie und dem Scheinwerferlicht/der Aufmerksamkeit wird das Kino. Und ein Kino ohne Aufmerksamkeit ergibt bei Layes: Entertainment.
Layes entwirft einen Raum des Möglichen, in dem alles anders sein darf als es eigentlich ist. Die Subversion der Handlungen und Zweckgebundenheit der Objekte kommt ohne gewaltsame Praktiken aus, vollzieht sich im Stillen des Alltäglichen, im Sichwidersetzen gegen das Eingefahrene, gegen unausgesprochen-schwelende Erwartungen. Michel de Certeau verfolgte in seiner „Kunst des Handelns“ die Spuren jener Praktiken von Individuen und Gruppen, die mit den Mechanismen der Disziplinierung spielen und sich nur anpassen, um sie gegen sich selber zu wenden. [*]
Eine Subversion der Handlungen durch Verfehlung ihrer konventionellen Sinnhaftigkeit auf Layes’sche Art und Weise ist zwar vor allem im Möglichkeitsraum der Kunst vollziehbar, aber erscheint als Denkexperiment dennoch wirksam. Die Verkomplizierung des Lebens als Potential – wenn auch als ein dekadentes, das nur in jener (Kunst-)Gesellschaft denkbar ist, in der die Prekarität und Existenzgefährdung zwar stetig und bedrohlich durch die verschlossenen Hintertüren der Subventionsgeber, aber doch auf gänzlich andere Weise auf die Subjekten einschlagen als die nackte Existenzkeule auf die Menschen in von Hunger geplagten Kontinenten.
Fußnote: [*] De Certeau, Michel: Kunst des Handelns. Berlin 1988 (erstmals L’intervention du quotidien. Vol. 1 Arts de faire. Paris 1980), S. 16.
(26.8.2011)
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