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Die Narrenkappe als perfekte Tarnung

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DAS NEUE STÜCK „DAS PURPURNE MUTTERMAL" VON RENÉ POLLESCH IM WIENER AKADEMIETHEATER

Von Judith Helmer

„The Court Jester" („Der Hofnarr") heißt der Danny Kaye-Film von 1956, aus dem René Pollesch den Titel seines jüngsten Stückes, „Das purpurne Muttermal", entlehnt hat. Ein eben solches kennzeichnet darin nämlich den rechtmäßigen König Englands, ein Baby. Dieses soll von einer Rebellengruppe beschützt werden, aber im Kampf für das vermeintlich Gute gerät so einiges auf sehr amüsante Weise durcheinander. Danny Kaye als Rebell spielt einen Hofnarren - die perfekte Tarnung, um sich bei Hof einzuschleichen und das Herz der unglücklichen Prinzessin zu erobern. Wäre da nicht die Hexe Griselda, die per Fingerschnipp aus dem stürmischen Liebhaber einen schwächlichen Angsthasen macht...

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Caroline Peters, Daniel Jesch und Martin Wuttke. Copyright: Reinhard Werner, Burgtheater

Was das mit Pollesch zu tun hat? Auch der deutsche Theatermacher hat sich einmal mehr die Narrenkappe aufgesetzt und tief in die Requisiten- und Kostümkiste gegriffen, um im Wiener Akademietheater die Bedingungen des Theaters an sich rebellisch zu unterlaufen und das Herrschaftssystem der „menschlich heterosexuellen Welt" virtuos zu unterlaufen. Seine Figuren reflektieren im turbulenten Verwirrspiel zwischen repräsentationstheatergerechter Vorderbühne und zum Filmset umfunktionierter Hinterbühne die Nötigung des Einzelnen durch die Gesellschaft, sich „auf die Konstruktion der anderen einzulassen, um verstanden zu werden". Das Bedürfnis, eine Rolle zu spielen, wird als Grundrecht postuliert (ohne die Illusion durch das eigene Leben belegen zu müssen!), und zugleich treibt das ständige „als ob" manche an den Rand des Wahnsinns.

Dabei beweist der auf der Bühne aggressiv betriebene Kampf gegen die Illusion nur dessen hoffnungslose Aussichtslosigkeit. Da kann man die Mittel herzeigen, soviel man will (also die Souffleuse in die Szene setzen, das Filmteam herumlaufen lassen und die Schauspieler per Live-Kamera - übertragen in den goldenen Bilderrahmen des Ibsen-gerechten Kaminzimmers - in ihren Garderoben zeigen), der Vertrag mit dem Zuschauer funktioniert nach wie vor. Die Hexe Pollesch schnippt zwar unaufhörlich und zwingt das Publikum zum schnellen Switchen zwischen den Vorstellungen, aber die Vorstellung überhaupt aushebeln, das kann (und will) er nicht - und genau darum geht es ja.

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Caroline Peters, Sophie Rois und Martin Wuttke. Copyright: Reinhard Werner, Burgtheater
Die Form interessiere ihn nicht vordergründig, es gehe um die Kommunikation der Inhalte, postuliert Pollesch im Programmheftinterview mit dem Dramaturgen der Produktion, Andreas Beck. Damit stellt er sein Licht gewaltig unter den Scheffel. Denn es ist gerade die unauflösbare Verschränkung von Form und Inhalt, die das Pollesch-Theater so großartig machen. Und Form meint hier nicht nur die formalen Aufführungselemente, sondern auch die Form der Institution Theater und die Form des Mediums Theater im Abstrakten. Ausgehend von der eigenen Situation als Theatermacher und jener der Schauspieler entwickelt Pollesch eine Parabel, deren Konsequenz weit über die Selbstbespiegelung hinausgeht und auf komplex verspielte Weise etwas Gültiges über die Gesellschaft auszusagen vermag.

„Setz dich vor den Spiegel, das tut dir immer gut", rät Sophie Rois alias Hans Moser alias ein Schauspieler (weibliche Formen werden von Pollesch bei Rollenangaben bewusst vermieden, das Maskulinum steht wohl für das Neutrum) ihrem Bühnen- und fiktiven Lebenspartner Martin Wuttke alias Josef Tura alias ein Schauspieler. Doch was wird er im Spiegel erblicken? Ist doch das Leitmotiv des Stücks die Kontingenz, die prinzipielle Offenheit menschlicher Lebenserfahrungen und eine Kohärenz der Subjekte längst verloren. Die zwischenmenschlichen Probleme (zwischen den Figuren von Rois, Wuttke und Caroline Peters alias Eve Harrington alias ein Schauspieler alias ein Affe) resultieren daraus, dass „die melodramatischen Zusammenhänge" nicht mehr zu funktionieren scheinen, und der Beobachtung, dass „vielleicht nur das, was verlogen ist, wirklich perfekt sein kann." Dumm nur, dass das „blöde europäische Wahrheitsdenken immer alles verderben muss".

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Martin Wuttke,Sophie Rois und Caroline Peters. Copyright: Reinhard Werner, Burgtheater
So werden große lebensphilosophische Fragen gestellt, ohne dass dieses Stück sich selbst eine autoritäre Beantwortung derselben abverlangt - und das Publikum ist amüsiert. Und vielleicht ein bisschen weniger überfordert als von früheren Pollesch-Arbeiten, denn Theorieimpact und Anspielungsreichtum sind in dieser Kammerkomödie deutlich heruntergeschraubt. So geht es ihm wie dem Gefolge des falschen Königs in „Der Hofnarr": um der guten Unterhaltung willen lässt es den Rebellen nur zu gerne in die herrschaftlichen Hallen. Der Königshof schmückt sich stolz mit dessen bunten Federn - auch wenn ihm dabei ein Kind untergeschoben wird, das die bestehende Hierarchie als falsch entlarvt. Vielleicht ist es das gemeinsame Wissen um die nicht zerstörbare Lust am Spiel, an der Illusion, an den Geschichten, die im musealen Theater erzählt werden (denn alles, was nicht Gegenwartsdramatik ist, hat für Pollesch nichts mit dem Leben der Zuschauer und Schauspieler zu tun), die es für den amtierenden König risikolos machen, den rebellischen Narren einzulassen.

„Setz dich vor den Spiegel", scheint Pollesch dem Theater zu raten, „das tut dir immer gut." Damit hat er Recht. 

(27. 11. 2006)

Informationen und Karten: http://www.burgtheater.at