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"JETLAG" AUF PACT ZOLLVEREIN: KÜNSTLERISCHE & WISSENSCHAFTLICHE UNTERSUCHUNGEN DER ZEIT
Von Esther Boldt
Ein Kürbis hat zehn Stunden am Tag geöffnet: Seine Blüte öffnet sich um 7 Uhr und schließt sich um 17 Uhr. Ein Spiel dauert 90 Minuten. Und die obligatorische Pausenzigarette zwischen Vortrag und Performance vermisst fünf Minuten. Die Veranstaltungsreihe „JetLag - eine Programmreihe mit maßlosen Performances“ am Essener Zentrum für Choreografie und Performance, PACT Zollverein fragte nach der Messbarkeit von Zeit und stellte charmante Möglichkeiten ihrer Neuvermessung vor: In der Versuchsanordnung „Zeit messen“ des russischen Forschers und Künstlers Sergei Romashko etwa, der vier Probanden mit schwarzen Augenbinden versah und sie zehn Minuten schätzen ließ - die sie mit nickenden Köpfen und wippenden Füßen sekundenweise auszählten.
Die vier Veranstaltungen der von Stefan Hilterhaus (PACT Zollverein) und Joachim Gerstmeier (Siemens Arts Program) kuratierten Reihe erstreckten sich übers Jahr. Von Februar bis Oktober wurde der Zwischenzustand der hellwachen Erschöpfung zur Regel: In künstlerischen Arbeiten und wissenschaftlichen Beiträgen, die sich mit der Wahrnehmung von Zeit befassten, Zeitspannen über die handelsübliche Länge von Spielfilmen und Theaterabenden hinaus dehnten und einen anderen Umgang mit der Zeit einübten. Denn in „Durational Performances“ und artverwandten Arbeiten wird die Zeit selbst zum Gegenstand der Darstellung, sie wird so gekrümmt, verzerrt und gedehnt, dass sie als Faktor individueller und zugleich kollektiver Erfahrung kenntlich wird. Den Titelgebenden Jetlag deutet die Reihe positiv um, wenn die innere Uhr aus dem Takt kommt, die Zeit mit sirrenden Nerven aus den Fugen gerät und sich eine neue Wahrnehmung niederschlägt. Mit seiner klaren, geräumigen Architektur ist das Gebäude der ehemaligen Waschkaue, in dem PACT ansässig ist, und das es umgebende Gelände der stillgelegten Zeche Zollverein prädestiniert für solche Langzeit-Veranstaltungen: Zwischen Birkenwäldern, Schienensträngen und Fördertürmen lässt es sich aushalten, es ist ein guter Ort zum Zeitvertreib.
Sechs Stunden Speak Bitterness
Zwischen sechs und 28 Stunden umfassten die Veranstaltungen. Sie begannen mit einer sechsstündigen Version der Durational Performance „Speak Bitterness“ von Forced Entertainment. Ein vergleichsweise beschaulicher Auftakt, waren doch die Teile zwei bis vier jeweils vielgestaltige Parcours mit zahlreichen künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeiten, die in den Räumen der Waschkaue, aber auch in der benachbarten Kokerei und auf dem Außengelände der Zeche zu sehen waren. Verpassen war dabei Teil der Konzepts: Unmöglich, alles mitzunehmen. So schuf die Reihe auch einen sehr besonderen Ort für Begegnungen, produzierte eine andere Gesellschaftlichkeit und machte die Rezipienten zu Komplizen auf Zeit.
So zeigte der zweite „JetLag“ im Mai sechs künstlerische Arbeiten über 28 Stunden von Künstlern wie Nadia Lauro, Vlatka Horvat und Tehching Hsieh, jenem Künstler, der mit seinen One-Year-Performances Furore machte. Im Juli wurde zur Theorie gewechselt, bei einer siebenstündigen „Philosophischen Wanderung durch die Nacht“ untersuchten zehn Wissenschaftler und Künstler das Vergehen der Zeit als Erfahrung und Ereignis. Unter ihnen war der Philosoph Marcus Steinweg, die Philosophin Petra Gehring und der Literaturwissenschaftler und professionelle Provokateur Hans Ulrich Gumbrecht, der zu später Stunde über den Ereignischarakter des Sports, die Schönheit von Spielzügen im Fußball und das Zeitmaß von Balltricks und Querpässen sprach. Der letzte Abend zeigte unter dem Titel „Stretch - eine Begehung zu extremer Dauer in der Medienkunst“ Video- und Klanginstallationen, kuratiert von Inke Arns und Werner Nekes, der in einem etwas zerstreuten, aber kuriosen und überraschungsreichen Vortrag Teile seiner Sammlung von prä-kinematographischen Sehmaschinen und Bilderwelten vorstellte.
Eine stete Gegenwart
Ganz entgegen der Dauer, mit der sich die vier „JetLags“ befassen, bleiben von ihnen im Nachhinein eine Reihe von Momenten, zu einem Bilderbuch der Verzeitigungen, einem Stimmengewirr einander überlagernder Eindrücke, Zitate und Akkorde. Einerseits wurde deutlich, was Henri Bergson als durée und temps unterschied: Das Auseinandertreten von erlebter, erfahrener und objektiver, messbarer Zeit. Andererseits wurde das irreversible Vergehen spürbar, das sich in die Körper einschreibt wie die Erinnerungen in das Gedächtnis. Eine Art steter Gegenwart, die Filmrisse produziert, da ihr Vergehen selten durch Anfänge und Höhepunkte dramaturgisch markiert wird, sondern die Zeit hier vielmehr entgleitet, allmählich und unversehens. Ein Skript der Momente also wie diesen:
In der fünften Stunde der Bekenntnisse hängen ihr die Haare strähnig ins Gesicht, ihre Jacke hat Claire Marshall schon lange ausgezogen. Auch Tim Etchells’ Hemd ist zerknautscht, sein Haar zerrauft. Er liest Geständnisse vor, zu gleichen Teilen mit Süffisanz und Gleichgültigkeit. Sie fällt ihm ins Wort: „We were assholes!“ In der fünften Stunde von „Speak Bitterness“ sind auch die Zuschauer nicht mehr in Form, sie recken die erstarrten Glieder, nehmen noch einen Schluck Bier und harren der nächsten Beichte, der nächsten Pointe. Denn in ihrer schwarzhumorigen Beichtshow gestehen die Performer von Forced Entertainment einfach alles: Sie erklären sich schuldig an gebrochenen Herzen, an Kriegsverbrechen und der Finanzkrise, bezichtigen sich universaler wie vorgeblich privater Missetaten. Ein Katalog der Regelverletzungen, verlesen in einer simplen Ausgangssituation, die über den Zeitraum der Aufführung selbst aus der Ordnung gerät.
Als Ort der Körper und der realen Versammlung ist das Theater prädestiniert für die Untersuchung von Zeit, die „JetLag“ anstrebt. Die Reihe präsentierte sich als Feld der Möglichkeiten und Angebote, sie schafft Situationen und Ereignisse, in denen Begegnungen zustande kommen können. Zugleich setzt der offene Rahmen den Zuschauer frei: Im Gegensatz zu geschlossenen Aufführungen schaffen die geteilten Zeit-Räume eine Verbindung, die jederzeit temporär oder dauerhaft aufgekündigt werden kann. So war der bevorzugte Bewegungsmodus währen der vier „JetLags“ das Spazieren, die bevorzugte Wahrnehmung eine schweifende, nicht fokussiert, doch stets bereit für Überraschungen und Entdeckungen. Der Rezipient wird zum Flaneur, der sich zwischen Zerstreuung und Kontemplation treiben lässt und so spielerisch Erkenntnis vor dem Sinn generiert.
Morgens um neun ist die Nacht am tiefsten. Da fällt Julie Tolentino immer wieder in Sekundenschlaf, wird senkrecht gehalten von ihrem Tanzpartner. Seit zwölf Stunden tanzt sie bereits in ihrem kleinen, verspiegelten Ballsaal auf einem Tanzboden aus Gras, der im Foyer installiert ist und die Dynamik des ganzen Raumes verschiebt. Einzeln und barfuß kann der Zuschauer eintreten, mit Tolentino tanzen und dabei eine Geschichte erzählen: „A true story about two people“, so der Titel der performativen Installation. Und so bilden sich über 24 Stunden immer neue Komplizenschaften zwischen der Künstlerin und ihren wechselnden Tanzpartnern, die, zögerlich oder entschieden, zu ihr treten, sie bei den Händen fassen oder um die Taille, mit ihr sprechen oder schweigen. Und wenn ihr Tanzpartner nichts zu reden weiß, erzählt Tolentino, dann singt sie.
Der Moment wird zur Dauer
Wie Tag und Nacht geübte Zeitrhythmen sind, die durch Langstreckenflüge erschüttert werden, so strapazieren Durational Performances und andere künstlerische Arbeiten, die auf Dauer setzen, die trainierten Aufmerksamkeitsökonomien. Sie verwandeln den Moment schleichend in Dauer, machen ein „Angebot zur Kontemplation“, wie Christian Koch im Begleittext zu „LIDO“ schreibt.
Die Sonne steht steil und gleißend über dem Lido, über den Badenden, deren Körper zur Hälfte im Wasser verschwinden. Ihre Konturen verblassen langsam, ihre Leiber fransen aus, werden zu unscharfen Schemen. Jan-Peter E.R. Sonntags Installation ist ein Standbild als Video, eine Wahrnehmungsauflösung. Jeweils fünf Zuschauer sitzen in Liegestühlen vor einer Leinwand im Cinemascope-Format. Sonntag macht durch technische Bearbeitung ein Foto zum Film, verschafft dem Standbild einen Zeitraum, indem er ihm über zehn Minuten die Farbe entzieht. Kontraste verschärfen sich zunächst, dann verblassen sie, und dem Liegenden ist es, als würde ihm die Welt genommen, als dämmerte er dem Tod entgegen: Seinesgleichen geschieht. Gerahmt wird das „Zeitbild“, wie Koch es in Anlehnung an Gilles Deleuze nennt, von Wagners Tristan-Akkord, der zu Beginn ertönt, dann elektronisch verlängert wird zu einer Tonfläche, die den wandernden Blick des Betrachters begleitet. Und das Standbild schließt sich kurz mit einem Video, das Werner Nekes kurz zuvor zeigte, Christoph Schlingensiefs „Parsifal 2004-2006“: Die Aufnahme eines verwesenden Hasen mit flackerndem Fell und aufberstendem Fleisch, der in Zeitraffer eins mit der Landschaft wird.
Die Überforderungsmaschine Theater
Ähnlich wie in den Performances macht sich die zeitliche Streckung oder Stauchung auch bei den Video- und Klanginstallationen die Materialeigenschaften des jeweiligen Mediums zunutze, um die Selbstverständlichkeit der Wahrnehmung auszusetzen, Irritationen hervorzurufen und unverhoffte Begegnungen zu schaffen. Zeit wird zum Faktor der Verfremdung und Entfernung. Doch bei den „JetLags“ wurde Theater nicht als Entschleunigungsoase betrieben, sondern als Überforderungsmaschine. Während sie einerseits Kontemplation und Konzentration beförderten, waren die „JetLags“ zugleich Überforderungsprogramme, deren Angebot die Rezipierbarkeit überstieg, dem omnipräsenten Zeitmodus des Multitaskings verwandt, dieser stark frequentierten, häufig bejammerten Denk- und Bewegungsform, der in der Simultaneität mehrerer Handlungen und Wahrnehmungen darauf abzielt, möglichst effizient die Zeit totzuschlagen. Hier trifft sich das Multitasking mit dem Alleinstellungsmerkmal des Theaters, das prädestiniert scheint für die Untersuchung der Zeit: Bildet doch die gleichzeitige Produktion und Rezeption einen gemeinsam verlebten Zeit-Raum aus, in dem Künstler wie Zuschauer zusammen auf den Tod hinatmen. Und so waren auch die zahlreichen Beiträge, Videos, Installationen, Vorträge und Performances dann am stärksten, wenn sie die Bedingungen ihrer Produktion mitreflektierten und in der zeitlichen Verzerrung Theater und Theorie, Denken und Darstellung in einem offenen Prozess zusammen kamen.
So kreuzt Rolf Elberfeld, Experte für ostasiatische Philosophie, Video und Text. Er zeigt Performance des japanischen Tänzers Kazuo Ôno sowie des japanischen Performers Kubikukuri-san, die sich beide mit der Vergänglichkeit und Widerständigkeit des Körpers befassen. Und verbindet die Videobilder mit Texten über den „Stil des Welkens“ und die japanische Technik des Blumensteckens, Ikebana. Sicht- und hörbar entfalten sich zwischen Bild und Sprache Zeitkonzeptionen in der asiatischen Kunst, die nicht auf Ewigkeit zielen, sondern mit der Vergänglichkeit rechnen. Auch die Darmstädter Philosophin Petra Gehring setzt sich dem irreversibel Vergehenden aus. Sie hat „287 oder vielleicht auch 2287“ offene Probleme aus 2500 Jahren Zeitforschung gesammelt, von denen sie in einem lustvollen Denkprozess einige vorstellt. Denn: „Wir wissen immer noch nicht, was es mit der Zeit auf sich hat. Kann man die Zeit denken?" Ist die Zeit etwas, das der inneren Welt angehört oder doch der äußeren? Hans Ulrich Gumbrecht wird diese Frage mit Edmund Husserl beantworten: Da unser Bewusstsein zeitlich strukturiert ist und damit auch alles, was wir wahrnehmen, werden wir nie herausbekommen, wer zuerst da war, das Huhn oder das Ei.
So brachten die „JetLags“ stetig neue Denk- und Rezeptionsweisen der Zeit ins Spiel, schufen in Lectures, Performances, Filmen und Installationen außerordentliche Zeitzonen und Möglichkeitsräume für Begegnungen. Über die Monate lagern sich Zeitlichkeitsfetzen und Spuren von Problemstellungen an, von blanken Erfahrungen, simplen Fragen und komplexen Antworten. Auch wenn sie teilweise übervoll wirkten und das Programm des letzten Abends sehr durchwachsen war, war die Reihe eine grandiose Verdichtung und Erfahrung - und eine wohltuend mutige Konzeption angesichts zahlloser Festival- und Theaterprogramme, die allein auf Marktförmigkeit und leichte Verzehrbarkeit hin konzipiert werden.
(11.11.2009)
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