DAS CENTRUL NATIONAL AL DANSULUI IN BUKAREST UND DIE RUMÄNISCHE TANZSZENE
Von Silke Bake
„une impossibilité, une tristesse, une mauvaise volonté, une chute, une absence, un aveuglement, un non-vouloir, un non-pouvoir, une non-construction, une non-possibilité, une tête tranchée…“ (Vera Mantero)
Die Institution
„Eine Unmöglichkeit, eine Traurigkeit, eine Abwesenheit...“ – ein Zustand des Mangels, die Arbeit in einer fragilen Konstruktion, die nicht tatsächlich gewollt ist – Manteros Klageworte beschreiben den derzeitigen Zustand des Nationalen Tanzzentrums und des zeitgenössischen Tanzes in Bukarest ziemlich gut. Niemand weiß das besser als die beiden Leiter des Zentrums, Mihai Mihalcea und Vava Stefanescu, die diese Worte in dem zur rumänischen Tanzplattform erschienenen „manifesto“ abdruckten, um auf die Kurzsichtigkeit der Kulturpolitik aufmerksam zu machen.
Das Nationale Tanzzentrum (CNDB), „one of the most generous spaces for creation, debates and artistic reflection in Bucharest“ (Selbstdarstellung) ist seit seiner Gründung 2004 und mehr noch seit der Bestellung der beiden ChoreografInnen Mihai Mihalcea als Direktor und Vava Stefanescu als künstlerische Leiterin 2006 etwas Besonderes: in kaum einer Kunstinstitution halten Künstler selbst auch die administrative Verantwortung in den Händen, im CNDB genießen die Künstlerleiter noch dazu das Vertrauen der gesamten Szene, die mit ihnen am selben Strang zieht.
Nach jahrelangem Engagement für eine Institution, die sich der Förderung von zeitgenössischem Tanz verschreibt, bleibt der politische Wille jedoch unentschieden und die Existenz dieses jungen Ortes fragil: kurz vor der Plattform war es nur einem glücklichem Zufall geschuldet, dass das Zentrum vor dem kompletten Aus gerettet werden konnte. In einer Zeit der wirtschaftlichen Krise stellt der Erhalt dieses Zentrums in den Augen mancher Politiker keine dringende Notwendigkeit dar.
Das CNDB liegt in der Innenstadt Bukarests, im vierten und fünften Stock des Seitenflügels eines riesigen Komplexes, in welchem vor allem das Nationaltheater untergebracht ist. Um nach oben zu kommen, muss der Besucher an einem Wachmann ohne Uniform vorbei, der in dem verrauchten Eingangsbereich steht und müde darauf hinweist, dass einer der beiden Aufzüge wieder mal kaputt ist. Oben angekommen ist die erste Person, der man begegnet, ein etwas gelangweilter Portier, dessen Funktion sich auf den ersten Blick jedoch nicht sogleich erschließt. Dann durchmisst man den ersten einer Reihe von großen Räumen, einen Vorraum, der als Lobby genutzt wird. In einen anderen Saal hat man Fernsehgeräte und Sofas gestellt, er dient als Medien- und Gesprächsraum; ein Stockwerk höher liegen die beiden Studios des Tanzzentrums wie auch die Sala Ronda, das Studiotheater, in welchem die meisten Aufführungen stattfinden. Die Temperaturen hier wie im ganzen Haus sind zu jeder Jahreszeit hoch, im Sommer brennt die Hitze von oben durchs Dach, im Winter bläst die unregulierbare Zentralheizung des Gebäudes trockene Heizungsluft in alle Räume. Kühlung verschafft dann nur der Steinboden, der, zwar mit dünnem Tanzboden belegt, doch nicht so richtig für Tanzzwecke geeignet scheint.
Das Haus steht den Künstlern zum Arbeiten und zur jeder Art von Austausch Tag und Nacht offen. Die rumänische Tanzszene und das Tanzzentrum haben zwar Raum, aber kein Geld, um Arbeitsprozesse mit nötigen, von außen kommenden Impulsen zu versorgen. Das CNDB hat nicht die Mittel, um regelmäßig andere Künstler, Theoretiker, Dramaturgen etc. einzuladen, die ihre Arbeiten vorstellen und ihr Wissen einbringen. Daher bemüht sich das CNDB um Umwegfinanzierungen und initiiert mit anderen europäischen Partnern Austauschnetzwerke. So sind sie einer der drei Partner des EU-Netzwerks Europe in Motion. Darin bieten sie gemeinsam mit Spring Dance in Holland und Dance 4 in England Austausch für Choreografen durch Arbeitsaufenthalte mit Mentoren an. Oder sie nahmen Teil an dem vom Tanzquartier Wien unterstützten und durch die Allianz Stiftung geförderten Projekt zur künstlerischen Aufarbeitung der Geschichte des Zeitgenössischen Tanzes in Osteuropa - what to affirm, what to perform.
So wichtig die künstlerischen Impulse dieser EU-Projekte auch sind, sie finden nur vereinzelt statt und leisten keine Unterstützung hinsichtlich der durchgehenden, alltäglichen Arbeit des Zentrums und der ChoreografInnen. Dieser Situation begegnen die Beteiligten mit Generosität und Zusammenarbeit. Es ist daher nur logisch, dass das Programm der rumänischen Tanzplattform, welche das CNDB im September 2009 ausgerichtet hat, von den beteiligten Künstlern selbst bestimmt wurde. Mihai Mihalcea und Vava Stefanescu haben ihren KollegInnen, den erfahrenen wie den jüngeren, zwar Vorschläge gemacht, aber letztlich die Freiheit gelassen, selbst zu entscheiden, welche Stücke, Prozesse, Konzepte sie zeigen möchten. Im Rekurs auf diese Plattform lässt sich der zeiutgenössische rumänische Tanz gut charakterisieren.
Die Tanzszene
Paul Dunca, mit 26 Jahren einer der jüngsten unter den ChoreografInnen, arbeitet für Tanz-, Theater- und Filmproduktionen, wirkt in Musik-Videos mit und macht Projekte in sozial schwachen Stadtteilen. Er ist Mitglied der Ofensiva Genereozitatii, der es um die Relevanz und den Zugang von Kunst und künstlerischer Bildung „für jeden“ geht. Wenn er spricht, entwaffnet er durch Humor und Großzügigkeit und schlägt mit seiner offenen Art vertraute Gegenargumente mitunter aus der Hand.
In seinem Stück „We went with these bodies as far as we could“ sieht man den Spaß, den er und seine beiden PartnerInnen haben, wenn die drei Figuren auf der Bühne eine eben gegründete Musikband spielen. Gleichzeitig treibt ihn auch hier das ernsthafte Interesse an sozialen und politischen Ungerechtigkeiten an: zwei Männer und eine Frau stellen ehemals minderjährige Leistungssportlerinnen dar. Auf gespielt naive Weise plaudern diese von ihren Erfahrungen, ihren Beziehungen zu ihren Trainern, ihren Schwangerschaftsabbrüchen (die temporäre Hormonproduktion sollte die sportliche Leistung erhöhen, wollte das rumänische Leistungsturnen gewusst haben) oder ihren Ersatzteilen aus Metall im eigenen Körper. Die dazugehörigen Unfälle spielen sie sich gegenseitig vor. Den drei Performern geht es dabei weniger um ausgearbeitete Pointen oder virtuos gespielte Stürze. Das Stück lebt von seiner Ungeprobtheit: während des Betrachtens schwankt der Zuschauer zwischen Bedauern um die offensichtliche Schluderigkeit und der Erkenntnis, dass das vermeintlich Amateurhafte vor pathetisch-theatralem, gut gemeintem Polittheater bewahrt.
Unfertiges oder scheinbar nur Hingeworfenes tauchte als ästhetisches Prinzip der Bühne während der Plattform immer wieder auf. In „out of love for this beautiful title“ macht die ebenfalls Mitte 20-jährige Iuliana Stoianescu Ernst mit einem hemmungslosen Optimismus: mit „Everything is perfect“ will sie Publikum sowie die gesamte Szene umarmen, tänzelt über die Bühne, erzählt, singt und arrangiert verschiedene Requisiten, bestehend aus der Ausstattung des Theaters, zu einem Bühnenbild. Sie lässt Gute-Laune-Popsongs laufen, und der Zuschauer zweifelt daran, ob er wirklich das nötige Handwerkszeug zum Verständnis dessen hat, was sich da auf der Bühne vor ihm abspielt. Am Schluss steht Stoianescu auf einer leicht chaotisch aussehenden Bühne, sagt: „Look! - the stage is enough!“ und bedankt sich freundlich beim Publikum für das Gespräch.
Iuliana Stoianescu ist ein Mitglied der Cooperativa Performativa, einem Verbund aus fünf KünstlerInnen – neben Stoianescu sind das Maria Baroncea, Eduard Gabia, Florin Flueras, Alexandra Pirici –, von welchen jede/r eine eigene Arbeit bei der Plattform vorstellt.
Als künstlerische Kooperative stehen sie in einem ständigen Austausch, auch wenn sie ihre Stücke selbständig entwickeln. Sie proben zur gleichen Zeit im selben Raum und stellen ihr Material jedem Mitglied zur Verfügung. Sie wollen die Position des Künstlers, des Autors eines Kunstwerks und des Performers auf der Bühne befragen, das Verhältnis von Performance und Kunst zum Publikum, zur Gesellschaft reflektieren und nutzen die Tanzplattform, um ihren Verbund vorzustellen. Dies passiert nicht angekündigt, sondern die direkte Kommunikation steht dabei im Vordergrund, das Gespräch zwischen den Veranstaltungen oder auf der Bühne mit den Zuschauern.
Auftritt Maria Baroncea. In ihren eigenen Klamotten wirkt sie in „Fantasy show made out of trash“, als bleibe sie sie selbst und spricht Sätze, die nur auf Geschichten verweisen – „Is it the heart, a piece of meat, that’s covering the soul“. Sie spielt (Love-) Songs vom Band und setzt sich selbstironisch in Bezug zu Situationen, die sie durch scheinbar bloß gefundene Utensilien eines Theaters und seiner Technik schafft.
Manuel Pelmus unternimmt in seiner Soloperformance „Preview“ in völliger Dunkelheit eine grundsätzliche Reflektion über das Theater und lässt das Publikum diese imaginieren. Ana Catalina Gubandru sucht die Aufmerksamkeit der Zuschauer durch Stille zu sensibilisieren, ihre Erwartungen zu neutralisieren und baut in der Folge in „I don’t know, I’ve never been here before“ eine behutsamen Beziehung zu ihnen auf. In der hochkonzentrierten Performance „Lulu’s room“ bringt sich Mihaela Dancs in einem hypnotisch wirkendem Performancezustand, in dem sie Texte aus Hollywoodfilmen kettenartig aus sich herausfließen lässt. Der Zuschauer entdeckt sich erst als assistierenden Co-Autor in Ion Dumitrescus Performance-Installation „The way how things go“, um sich dann als Darsteller wieder zu finden und als Voyeur gegenüber seiner Zuschauerkollegen zu enden. Die drei Performer in Vava Stefanescus „Quartet for a microphone“ erreichen über eine Stunde hinweg auf aller engsten Raum einen völlig neuen Körper- und Performancezustand und versetzen die Zuschauer damit zum Schluss in eine kribbelige, neugierige Aufmerksamkeit.
Florin Flueras ist beredter, wenn er in „a brave search of the ultimate reality“ eigene Texte und Reflektionen über das Theater, die er ähnlich in seinen zahlreichen Blogs im Internet veröffentlichte, auf die Bühne stellt. Sein Theater ist eine Denkmaschine, ein Zettelkasten, übersetzt in ein Archiv aus darstellerischen Haltungen, Posen und Figuren aus verschiedenen Genres und Zeiten. Seine Alltagskleidung, sein lapidares Auftreten, die salopp wirkende Komposition, das Ausprobieren verschiedener Stimmen und Figuren täuscht leicht über die konzeptionelle und politische Reife seiner Arbeit hinweg: „no territorialization: to share the artistic approaches, points of view, strategies and processes instead of protecting our ‚originality’ and our artistic territory“, heißt es im Blog der Cooperativa Performativa.
Was ist dieses künstlerische Hoheitsgebiet, von dem hier die Rede ist? In diesen Statements spiegeln sich radikalisiert eine politische Einstellung und die kollegiale Haltung der gesamten rumänischen Tanzszene. Der mangelnden politischen Unterstützung und Zuversicht gegenüber dem Zeitgenössischen Tanz wird nicht nachgegeben, sondern ein – politisch – grundsätzlich anderes Denkkonzept entgegengehalten. Man bedient keine Erwartungen, biedert sich nicht an, um Akzeptanz zu erreichen; Wettbewerb und Leistungsschau gehören nicht in die Werkzeugkiste dieses zeitgenössischen Tanzes. Viele existierende Erwartungen an Tanz- und Performancestücke werden nicht erfüllt. Der tiefe Zweifel an jeder Art von repräsentativer Darstellung wird dabei von einem permanenten Hinterfragen getragen, die keine grundsätzliche Entscheidung und keinen Schritt auf der Bühne, in der Arbeit (und im Leben) als selbstverständlich gegeben sein lassen. Unklar ist hier noch, wohin dieser Zweifel trägt. Sieht man auf das Ganze dieser Szene, so unterwandert diese geballte Energie gewohnte Betrachtungs- und Wirkungsweisen.
Links: CNDB, National Dance Center http://www.cndb.ro Europe in Motion http://www.springdance.nl/activities.php?contentID=5 Cooperativa Performativa http://cooperativaperformativa.blogspot.com Florin Flureas http://qi-chi.blogspot.com/
(17.5.2010)
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