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Die SchÀrfung des Blicks

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MIT SEINEM EPISCHEN MUSICAL "LIFE AND TIMES" BESCHERT DAS NATURE THEATER OF OKLAHOMA DEM BURGTHEATER-ERÖFFNUNGSREIGEN EINEN HÖHEPUNKT

Von Judith Helmer 


THINK BIGGER, postuliert - doppelt unterstrichen - Kelly Copper vom Nature Theater of Oklahoma im Programmhefttext zu „Life and Times - Episode 1“ und wird dem eigenen Anspruch mit diesem gigantomanisch-minimalistischen, enthusiasmierenden Musical gleich äußerst eindrucksvoll gerecht. Mit der Uraufführung im Kasino am Schwarzenbergplatz zeigte die New Yorker Off-Off-Off-Broadway-Gruppe von Copper und Pavol Liska, wie sie aus einer vermeintlich banalen Idee ein theatrales Ereignis zu inszenieren im Stande ist.

Das Konzept ist schnell erklärt: Die Musikerin Katie F. erzählt in einem insgesamt 16-stündigen Telefoninterview von jenen Ereignissen ihres Lebens, an die sie sich erinnert. Ungekürzt wird diese Erzählung das Libretto zu dem Musical „Life and Times“, wobei die erste Episode nach gut drei Stunden gerade einmal im sechsten Lebensjahr der Protagonistin angelangt ist. Weitere Episoden sollen folgen, bis schließlich in 24 Stunden das gesamte Interview vertont und vertanzt sein wird.

Mit aufgezeichneten Telefongesprächen als Textbasis hatte die New Yorker Gruppe schon in „No Dice“ (2007) gearbeitet. Damals kamen die Erzählungen über MP3-Spieler und Kopfhörer in die Ohren der Schauspieler, die sie live mitsprachen. In „Life and Times“ wird nun die ungeschliffene Alltagssprache mit all ihren Aussetzern, Versprechern und gedanklichen Sprüngen noch radikaler inszeniert, nämlich vertont.

Poppige Leni-Gymnastik

Robert M. Johanson hat zu den Erinnerungen eine meist kindlich-fröhliche Musik komponiert, in der die schrummelnde Minigitarre und das Akkorde liefernde Klavier von hübschen Flöten- oder Glockenspielmelodien oder sentimentale Cellolinien ergänzt wird. Triefend vor Sentimentalität darf sie sein, einladend zum Mitwippen und als Ohrwurm Mitnachhausenehmen - in einem Gospelgottesdienst klingt es ähnlich. Übertrieben unterhaltsam. Der glatte Sound und die ungehobelte Sprache mit der losen Erzähldramaturgie des Extemporierten reiben sich dabei auf das Herrlichste, und der Eindruck von Power-Entertainment an der Grenze zum Horror stellt sich schnell ein.

Aus voller Kehle singen die zu Musicaldarstellern gewordenen Schauspieler jeweils abwechselnd, meist solistisch auf die Melodielinien den kompletten Telefontext, gerne durch harmonisch summende Zweit- und Drittstimmen ergänzt. Sie geben sichtbar ihre ganze Energie, um dieser Herausforderung gerecht zu werden. Denn Copper und Liska lassen sie ganz schön nackt dastehen: die Bühne ist eine einfache weiße Fläche, die gerade noch über ein paar als Showtreppe zu verwendende Stufen und läppische Bodenklappen verfügt. Ein Lichtwechsel ist technisch gesehen schon das höchste der Gefühle an Unterstützung für die Darbietung. Dazu sind Musiker wie Darsteller in Uniformen, wie sie auch in einer Fluglinie oder Bäckerei Verwendung finden könnten, gekleidet. Auch getanzt wird uniform: einfache Elemente kehren immer wieder, und alle müssen möglichst permanent im Takt in den Knien wippen. In den Ensembleszenen werden symmetrische Bewegungen aus Massengymnastikvorführungen samt Ringen und Bällen verwendet - die poppige Version einer Leni-Riefenstahl-Ästhetik.

Diese stringente Einfachheit in Text, Musik, Bühnenbild und Tanz ist nicht Schwäche, sondern ein Mittel, um die Stärken der Spieler herauszufordern. Im Moment der Aufführung befinden diese Spieler sich nicht in der Sicherheit eines auf reibungsloses Funktionieren durchgeprobten Stückes, sondern in einem Zustand permanenter Überforderung. Sie kämpfen wie Sportler vor den Augen der Zuschauer einen Wettkampf um die Erfüllung der gestellten Aufgaben. Sie strudeln dabei, kommen ins Schwitzen und ermüden gegen Ende des Stücks zusehends. Und schaffen damit ein intensives Ereignis. Wiederum ist Reibung der Energielieferant für diesen Motor: Die feste, geschlossene Form des Musicals, das Perfektion fordert, reibt sich beständig mit der Möglichkeit des Ausrutschens, Fallens und Scheiterns.

Der Anspruch liegt im Auge des Betrachters

Wie in den Arbeiten des Nature Theater of Oklahoma üblich, schließt Anspruch Unterhaltung nicht aus und umgekehrt. Das Leichte wird schwierig für das Publikum durch seine schiere Dauer, die den Einzelnen herausfordert, sich aus dem minimalistischen Angebot das eigene Erlebnis zu denken. Die Biografie von Katie F. eignet sich deshalb so gut als Grundlage, weil sie aus ganz gewöhnlichen Erinnerungen besteht, die - mit ausgetauschten Namen und Orten - jede/r mit dem eigenen Leben in Verbindung bringen kann. Auch war ja während des Telefongesprächs der Zweck der Aufzeichnung bekannt. Man kann also auch mitverfolgen, wie sich jemand selber darstellt und seine Erinnerungen und Selbstsicht präsentiert - jedoch nicht ausgearbeitet wie in einer niedergeschriebenen Biografie, sondern immer noch in der Form der spontanen Erzählung. Da eine auf Zuspitzungen hingearbeitete Dramaturgie fehlt, und das Erinnern schon in sich auch das Vergessen und damit die Unvollständigkeit trägt, könnte man ja getrost immer wieder aus der Erzählung aussteigen, und doch ziehen die Anekdoten zwischen Allgemeingültigkeit und Persönlichkeit die Zuhörer in ihren Bann.

Reizvoll zu beobachten sind auch die Unterschiede im Spielstil zwischen den Frauen (Anne Gridley, Sibyl Kempson und Julie LaMendola), die allesamt vom Nature Theater kommen, und den drei Herren (Fabian Krüger, Markus Meyer und Moritz Vierboom), die aus dem Burgtheaterensemble dazugestoßen sind. Überhaupt unterstreicht die Uniformität der Kostüme und Bewegungen, der fliegende Wechsel der Erzählung zwischen allen Darstellern gerade die Differenzen und Eigenheiten. Handwerklich ist das Stück sicher gebaut, vor allem in den ersten zwei Akten vor der Pause. Ein Baukastensystem lässt zu gerade etablierten Formen immer wieder neue stoßen, die erneut Spannung erzeugen.

In einer derart schlichten Anlage reichen kleine Veränderungen, um das Gefüge neu zu gewichten. Also keine leicht zu verdauende Unterhaltungsshow, „...not be another television“, wie Copper in einem Manifest für ein neues Anti-Theater (auch im Programmheft zu lesen) fordert, sondern eine Situation, die den Zuschauer herausfordert: „to engage more fully with their own lives“ und „increase perception...“. Wer mit „Life and Times“ gestartet ist, kann mit geschärftem Blick in die neue Theatersaison aufbrechen wie mit frisch polierten Brillengläsern.


(9.9.2009)