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BARBARA KRAUS MIT DER URAUFFÜHRUNG VON "IF SILENCE COULD SPEAK AND SOMEONE WOULD LISTEN" IM TANZQUARTIER WIEN
Von Helmut Ploebst
Über die aparte Annahme, daß sich das einzige existierende Jenseits in unser aller Köpfen befinden könnte, darf gelächelt werden. Woher dieses Lächeln aber kommt, bleibt schwer zu sagen - weil niemand gänzlich für sich oder für andere erreichbar ist. Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser ständigen partiellen Absenz können wir in eine soziale Existenz treten. Wie diese konstruiert ist, das liegt nicht in beruhigendem Dunkel, sondern in einem irritierenden Halbschatten. In diesem werken Psychologen, Soziologen, Priester, Philosophen und auch Neurowissenschaftler, daß es eine Lust ist - und zwar auch eine des Gebrauchs: weil sich in der gut belieferten Shopping-Mall der Ideen jede(r) die Wahrheit aussucht, deren Werbung sie/ihn am besten anspricht.
Mit der Kunst ist das ein wenig anders. In ihrem Kommunikationssystem wird mit einer anarchischen Mischung aus Dies- und Jenseitigem, mit Fuzzy Logics und Paradoxa, Auflehnung und Unterwerfung, Halbwissen und luzider Hellsichtigkeit gehandelt, sodaß alle, die da nach der Wahrheit suchen, gleich in ein Paralleluniversum geraten, von dem nicht wirklich gesagt werden kann, ob es nicht das „richtige“ wäre und der ganze Glaubensacker rundum das „verkehrte“.
Das Ich ist ein Anderer
Wenn also beispielsweise jemand in der Kunst „Ich“ sagt, wie die österreichische Choreografin Barbara Kraus, dann steht dieses Ich grundsätzlich mit für „das Andere“ (zum einen das innere, zum anderen das äußere - wobei hier die Grenzen zwischen Veräußerung und Verinnerlichung durchaus verschwimmen). Denn Kraus ist sich so fremd wie wir es uns alle sind. Aber sie ist sich nah genug, das zuzugeben und ausreichend couragiert, mit dieser Fremdheit offensiv zu arbeiten. So auch wieder in ihrer jüngsten Arbeit „If silence could speak and someone would listen“, die nun am Tanzquartier Wien uraufgeführt wurde.
Das Publikum erhält Funkkopfhörer, und es läßt sich auf der Bühne in kuschelweiche rote Säcke fallen, die für jeweils zwei Personen Platz bieten. Wer die Kopfhörer jetzt schon aufsetzt, hört Wasserrauschen. Und was das Rauschen verspricht, wird in dieser als Hörspiel getarnten Choreografie auch wirklich eingelöst. Kraus hatte Gäste eingeladen, sich mit ihr auf Reisen an Orte ihrer Erinnerungen zu begeben, darunter ihre Schwestern Christina und Katharina, die Choreografen Philipp Gehmacher und Mihai Mihalcea, die Kuratorinnen Angela Glechner und Silke Bake, die Künstler Jack Hauser und Fritz Ostermayer und die Theoretikerin Krassimira Kruschkova.
Ein Song wie ein fliegender Teppich
Aus dem Rauschen lösen sich Stimmen, Umgebungsgeräusche, ein Auto fährt vor. Die Zuhörer fahren los. Zufällige Begegnungen, laut gesagte Überlegungen und persönliche Erinnerungen sickern über akustische Szenen ins Ohr, vermischen sich mit den Gedächtnisinhalten des Lauschenden. Es geht also in die Vergangenheit der Künstlerin, aber eigentlich viel mehr in die Geschichten der Gäste, deren Namen nie gesagt werden, weil sie schließlich mit Kraus eine kollektive Entität bilden.
Die Klangfarben von insgesamt 18 Stimmen und die Stimmungpalette der Anmerkungen, Rückblicke, Anekdoten und Berichte verdichten sich zu einer Komposition, die über eineinhalb Stunden hin wie ein Song und zugleich eine dokumentarisch-poetische Choreografie in die Körper der Hörer eindringt und sie wie ein fliegender Teppich dorthin trägt, wo die Welt verhalten ist, zur Verschwiegenheit neigt.
Dabei gelingt es Barbara Kraus, der Hörstückdramaturgin Ricarda Denzer und dem Textdramaturgen Wolfgang Dangl, auf all die spekulativen Lüsternheiten, die zu Musts für kritische Kunst wurden, sobald diese in ihre Dekadenzphase eintrat, zu verzichten. Schließlich sind die Mittel des einst Rebellischen längst zu kanonisierten und elitären Ritualen eines zweiten Establishments geworden, das heute nach durchaus bürgerlichen Parametern selbstverliebt auf die Bullaugen ihrer mittlerweile rechtsdrehenden Nostalgiewaschmaschinen zu starren pflegt.
Kritik ohne Boulevard
„If silence could speak and someone would listen“ dagegen ist eine Arbeit für alle. Es geht darin nicht um private Befindlichkeiten, sondern um das Politische am Biografischen, performativ gefaßt in einer poetischen Konstruktion. Alle darin getätigten Äußerungen bleiben solche und zwingen ihre Träger nicht zu Entblätterungen. Kraus und ihre Gäste begegnen einander mit Neugierde und Respekt, da wird weder nach Schmuddelkisten gesucht noch etwas ausgekotzt. Im Gegenteil. In diesem Gast-Spiel stellt sich die Einladung als sinnliches Anti-Spektakel dar, das aufklärerisch ist, ohne boulevardeske Didaktik in die Kunst zu räumen.
Wer sich ohne solche Exerzitien des Expliziten schwer tut, muß sich an dieses Stück erst gewöhnen. Denn hier kommt Kritik bereits als Haltung daher. Diese hat irritierenderweise eine von A bis Z exzellente Form, und sie schmeckt nach Selbstbewußtsein. In dem Sinn kommt Kraus sozusagen einem Peter Kubelka näher als einem Otto Mühl. So ist sie ganz im Heute, mitten in einer als Ermöglichung stattfindenden Utopie. In „If silence could speak and someone would listen“ gelingt sogar eine Teilhabe des Publikums, ohne es in die peinliche Lage zu versetzen, selbst Geschichten aus der eigenen Biografie vortragen zu müssen. Denn das Hörspiel gewährt genügend Zeit, um zu eigenen Assoziationen abzudriften, und eine Rückkehr ist aufgrund der geschickten Collage jederzeit möglich. Für eine gesteigerte Aufmerksamkeit hingegen sind zuweilen Äußerungen übereinandergelegt, die den Behauptungscharakter des Ausgesprochenen wieder relativieren.
Tanz der Worte
Zusätzlich erlebt das Publikum den Theaterraum neu. Im Liegen auf der Bühne bietet sich dem Blick die nüchterne Konstruktion des Grid mit seinen Streben und Scheinwerfern, Kabeln und Geräten als Analogie zu der nüchternen und hochkomplexen, polylogischen Hörspielstruktur. Deren emotionale Farbe findet ihre Entsprechung in Victor Durans wunderbarer Lichtkomposition an den beiden Seitwänden der Bühne. Das Hörspiel ist eine Liveperformance, an die sich eine Live-Lesung (Bake, Hauser, Kraus und Ostermayer) anschließt, und als letzter Teil, nach dem Applaus tritt Ostermayer vor, und macht Werbung für die Hörspiel-CD und den Verkauf der Liegepölster am Ende der Aufführungsreihe. Damit kommen alle Beteiligten nach dem Teppichflug in zwei Schritten wieder auf den Boden. Es wird daran erinnert, daß die Situation eine performative ist, und es wird möglich, eine Erinnerung erwerben, ein „Notat“ und eine „Couch“, und kann diese Situation zu Hause noch einmal Revue passieren lassen.
Nach ihrem großartigen, wilden Projekt „Fuck all that shit!“ 2006 hat Barbara Kraus in der Wahl ihrer Mittel nun einen antipodischen Standpunkt gewählt, und hier übertrifft sie sich selbst. „If silence could speak and someone would listen“ ist ganz sicher eine hoch inspirierende Markierung in der Gegenwartschoreografie.
(28.9.2007)
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