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Die Wahrheit ist nackt

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DORIS UHLICH HAT "MEHR ALS GENUG" IM WIENER BRUT. EINE DRITTE ERSTAUFFÜHRUNG.

Von Elke Krasny


Sie deklamiert. Sie zitiert. Sie telefoniert. Sie sitzt. Sie entledigt sich ihrer Kleidungsstücke. Sie hüllt sich in eine weiße Puderwolke. Sie schlägt sich auf die Brust. Sie zieht in den Bann. Sie zieht sich wieder an. Sie ist nicht alleine. Sie hat sich eine Kollegin als Verstärkung auf die Bühne geholt. Sie lässt andere zu Wort kommen. Sie navigiert gekonnt durch Zitate und Verweise, durch Zeiten und Stile, durch Moden und Referenzen, durch Codes und Normen, durch Privates und Öffentliches. Die Post-Postmoderne scheut weder Barock noch Piaf. Sie schaut ihrer eigenen Zeit ins Gesicht und verwandelt sie in Talk & Show.

„Mehr als genug“ ist der Titel von Doris Uhlichs jüngster Performance im brut Konzerthaus. 2009 sind dieser Wiener Erstaufführung bereits eine Lyoner und eine Pariser Version vorangegangen. Post-postmoderne Talk-Show trifft wahre Körper, wahre Körper treffen Baudelaires Hymne an die Schönheit aus den Blumen des Bösen, die Schönheit trifft Tale, Tänzerin der Company Rosas, Thomas in der Therme trifft auf Edith Piafs „Je ne regrette rien“, ZuschauerInnenauge trifft Peter Paul Rubens' Das Pelzchen im Programmheft, Doris Uhlich trifft Otto Lechners Anrufbeantworter... In einer dezidiert episodischen Dramaturgie wandern Zeiten und Assoziationen, Begriffe und Körper und schaffen es dabei mühelos, den Spannungsbogen sehr leicht zu halten und sich der Unterhaltung nicht zu versagen.

Übersetzte Unterhaltungsregister

Die Kunst der gepflegten Unterhaltung, frei und ohne Tyrannei, war ein barockes Gesellschaftsspiel. In ihren „Conversations sur divers sujets“ schrieb Madeleine de Scudéry, französische Schriftstellerin, die mit dem Format des episodisch locker gestrickten heroisch-galanten Romans und der geistreichen Konversation Furore machte, dass in einem Gespräch alle zu Wort kommen können sollen. Tyrannei solle es in einer Konversation nicht geben. Gegen die Tyrannei von Konvention setzt Uhlich im Konversationsformat auf das gekonnte Ausspielen des Gesprächigen und des locker Verbundenen. Was dem einen die Haare, ist der anderen die Schlankheit, was den einen Baudelaire, ist den anderen die Talk-Show: und dazwischen die Performerin, die alle Register des Unterhaltens gekonnt in wandernde, durchaus in Bedrängnis bringende, das Private veröffentlichende Fragestellungen übersetzt und aufs insistierende Nachfragen dabei nicht vergisst.

Merkwürdig, schiefrund, nicht der Norm entsprechend bedeutete das Wort barock ursprünglich. Die Barockzeit mit ihrem Drang zur Fülle bietet den Ausgangsstoff, so steht es im Programmheft zu „mehr als genug“. Die niederländische Kulturtheoretikerin Mieke Bal entwickelte die Vorstellung der travelling concepts. Wie Worte auswandern, einwandern, Bedeutungen ändern, Sinn neu besetzen, so wandert auch Uhlichs Performance - die Dramaturgie lag bei Andrea Salzmann - als episodischer Transformator zwischen Merkwürdigkeiten und Konventionen, zwischen Individualismus und Norm, zwischen Lust und Überschreitung. Barocco wanderte aus dem Portugiesischen, wo es ursprünglich seltsam geformte Perlen bezeichnete, in die französische Sprache aus. Dort wurden künstlerische Erzeugnisse, die mit den hegemonialen Geschmacksvorlieben nicht in Einklang zu bringen waren, pejorativ als baroque bezeichnet. Erst allmählich, ab Mitte des 19. Jahrhunderts, folgte der barocke Aufstieg zur Epochenbezeichnung. Übersetzungen und Veränderungen, Zuschreibungen und Geschmacksvorlieben, queren und kreuzen die Überfülle von „mehr als genug“.

Ausgestattet mit einem Arsenal von Zeichen und Zeiten, von goldenen Hochhacksandaletten bis zur kunstvollen Toupetfrisur, vom schwarzen Pelz bis zu gewöhnlichen Jeans, lädt Uhlich ihr medienroutiniertes Publikum zu einer ebenso sprühenden wie beklemmenden Konversationslust ein. Sie ruft an. Ihre Gesprächspartnerinnen heben ab, oder werden eingespielt, oder haben die Box an. Wenn sie abheben, dann werden ihre Stimmen über ein aus den 1980er Jahren vertrautes Tastentelefon auf die Bühne geholt. Das medientrainierte Hineintelefonieren, das der Öffentlichkeit seit den Zeiten von Mitmachradio und Mitmachfernsehen vertraut ist, wird zum performancegeübten Hinaustelefonieren in die wirkliche Welt, die mit Körperfragen und Schönheitsdebatten konfrontiert wird.

Schlankheitskult und Haarverlust

Was ist schön? Wer ist schön? Wer definiert, was und wer schön ist? Für die Rosas-Tänzerin Tale Dolven resultiert im Live-Telefonat die Schönheit aus dem Zusammenwirken aller Mittel, aus denen ein Stück besteht. Die einstige Wiener Starballerina Susanne Kirnbauer, die sich gerade auf Kreuzfahrt befindet, wird mit ernüchternden Schlankheitsobsessionen und Reflexionen zu ihrer Zusammenarbeit mit Doris Uhlich in deren Stück „Spitze" eingespielt. Sich selbst in der Videoaufnahme von „Spitze" zu sehen, weigert sich Kirnbauer konsequent, da sie mit ihrem eigenen Alterungsprozess tanzend nicht konfrontiert werden möchte. Der Musiker Otto Lechner hob trotz dreimaligen Anrufsversuchs nicht ab, und der Architekt Thomas Sturm sprach aus der Therme über seinen frühen Haarverlust.

Zwischen Individualitätsdiktat und Schönheitsnorm mäandern die Konversationen. Die live geführten Telefonate treiben die barocke Dramaturgie voran, die wirklichen Körper von Doris Uhlich und Virginie Roy-Nigl, die sich auf der Bühne zeigen, markieren ihre Differenzen und ihre eigenen Arten. Die Disziplinierungslogiken und Anpassungssüchte sind groß, die Begehrlichkeit nach der Individualität ebenso, die weißen Haare sind gezählt, ihre Tage auch. Womit die Zuschauerinnen und Zuschauer den Raum der Performance verlassen, ist ihre mitgebrachte Wirklichkeit, die sie nun schönheitsüberprüft und merkwürdig erweitert erneut betrachten können.


Noch zu sehen am 20.1. und in zwei Zusatzvorstellungen am 22. und 25.1., 20.00, im brut Konzerthaus.


(19.1.2010)