NICOLE BEUTLERS "1:SONGS" IM WIENER BRUT ODER: DAS LYRISCHE POTENZIAL VON THEATERTEXTEN
Von Judith Staudinger
Warme, leise pulsierende Musik empfängt die Besucher von Nicole Beutlers als Konzert getarnte Performance 1: Songs. Ein stark verschwommenes Schwarz-Weiß-Bild, projiziert auf die Rückwand der Bühne, wird so langsam schärfer gestellt, dass man unsicher werden kann, ob man sich diese Fokussierung nicht nur einbildet und sich die Sinne an die Situation gewöhnt haben. Dieser Prozess, wie von Augen, die sich langsam anpassen und auch im Dunkeln zu sehen vermögen oder wie von einem Betrachter, der erst durch das Einnehmen einer neuen, entfernteren Perspektive ein aus vielen Einzelpunkten zusammengesetztes Bild auszumachen vermag, ist auch ein dramaturgischer Schlüssel zu 1: Songs.
Sanja Mitrović singt und performt die von Gary Shepherd vertonten Textpassagen aus großen, meist schon klassischen Stücken der Theaterweltliteratur. Es sind singuläre Dramen, starke Emotionen, Fragilität oder wilde Rage, die aus den einzelnen Songs sprechen. Doch erst in der Zusammenschau dieses Liederkreises, in seiner Entwicklung von sanfter Einleitung über einen zornigen Mittelteil und humorvollen Zwischenwurf hin zu einem herzerweichenden Hilfeschrei als Schlusspunkt wird so etwas wie ein Gesamtbild der Darstellung von weiblicher Tragödie im Theater seit Sophokles über Johann Wolfgang von Goethe und Georg Büchner, Heiner Müller bis hin zu Sarah Kane erahnbar.
Fünf nebeneinander aufgereihte Mikrophone wecken die Erwartung, gleich mehrere Sängerinnen würden dem Publikum gegenübertreten. Aber es ist Mitrović alleine, die von einer Rolle in die nächste schlüpft. Ihre eigene Haltung als Performerin auf dieser Bühne wird nur kurz gestreift, mit einem lapidaren „Good Evening“ nach den ersten Songs und einem „Thank You“ vor der Zugabe – sie ist die Sängerin dieses Konzerts, die Frau, die hinter den Rollen verschwindet, ohne eine Position zu den einzelnen Bildern oder dem Gesamtbild einzunehmen.
„Mein Ruh ist hin, mein Herz ist schwer“
So bleibt es dem Zuschauer überlassen, in die jeweils sich auftuenden Welten der Songs einzusteigen. Kurze Einblendungen der Namen der Figuren wie Marie, Gretchen, Jane, Ophelia, Sarah, Antigone, Charlie oder Medea geben die nötigen Hinweise, um die Lyrics der Songs zuordnen zu können. Wer nicht sattelfest in der Theaterliteraturgeschichte ist, hat es schwer, denn die Texte wirken ohne diese Assoziationen eher wie Slogans: „Warum ruft er nicht an?“ – „Ich will alles vom Leben.“ – „Wir alle denken zu viel und fühlen zu wenig.“ Beutler vertraut auf die Kraft der Lieder und die einnehmenden Präsenz von Mitrović.
Nur selten verlässt diese ihre Sängerinnenposition am Mikrophon, dann aber findet sie starke körperliche Ausdrucksformen. So ist der Höhepunkt des Stücks eine Zaubernummer: Mitrović lässt sich selber verschwinden – und das unter den Augen der zu höchster Konzentration aufgeforderten Zuschauer. Sie verschwindet tatsächlich. Der heftig schlagende Puls scheint sie aufzunehmen, Besitz von ihrem Körper zu ergreifen und ihren eigenen Willen auszuschalten. Es sind Sarah Kanes drastische Texte, die diese Passage evozieren.
Im Hintergrundvideo ist das unscharfe Bild unterdessen zum langsam, stockend abgespulten Film geworden. Eine Frau löst sich aus einer Masse, rennt fliehend davon, fällt dann (tödlich getroffen?) zu Boden und bleibt liegen. Diese Situation, verortet in der Zeit des Nationalsozialismus, legt sich als stets präsente zusätzliche Ebene unter und zum Teil auch über das Bühnengeschehen. Ihr erdrückender emotionaler Gehalt wirkt als – musikalisch gesprochen – Basslinie in alle Obertöne der Songs hinein. Aus dem unscharfen Gebilde wird ein Schreckensszenario. Das ist auch der Nachhall dieses Konzerts, das den Zuhörer zum genauen Hinhören zwingt, zum Hinschauen und Mitfühlen, Umschalten und Neuordnen. Tragische dramatische Figuren, deren Leid meist von Männern verursacht ist, und nur vereinzelt ein Moment der Leichtigkeit, so setzt Beutler das Bild der Frau in der Theatergeschichte zusammen.
(15.1.2011)
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