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URBANISMUS UND PERFORMANCE: AUFBRUCH IN DIE NÄHE EINER WIENER STRASSE
Von Elke Krasny
In neoliberal beschwingten Zeiten zählt die individuelle Leistung. Nach den von Identitätspolitiken zerfurchten 80er Jahren hat sich das Messbare mit der Unverwechselbarkeit gepaart. Was herausgekommen ist, ist das flotte Doppelpack von Performance und Identität. Das Glück liegt auf der Straße. Und jeder hat seines Glückes Schmied zu sein. Was bedeuten diese Individualitätsparameter für eine ganz normale mitteleuropäische Straße? Eine Straße leistet sich ein Bild von sich selbst. Auf vielen Ebenen muss die Individualität der Straße mit ihrer Identität zusammenschwingen. Die Bilder, die Menschen, die die Orte, die Erzählungen, die Vorstellungen: sie alle spielen mit in der ganz normalen Alltagschoreografie städtischer Wahrnehmung, gepaart aus Schauen und Vorbeieilen.
Welche Straßen stecken in dieser Straße? Wie viele Kilometer hat die Lerchenfelder Straße, wenn man nicht von der „Zweier-Linie“ bis zum Gürtel misst, sondern in alle Richtungen möglicher Herkünfte von Menschen, die hier und heute ihre Geschäfte treiben? Prinzipiell unendlich viele - also eine starke Performance, was Herkünfte und Wegstrecken anbelangt. Im Jänner 2009 sind Angela Heide und ich zu einer Recherche in die Nähe aufgebrochen. Angela Heide hatte zuvor viele Jahre lang in der Kaiserstraße, sozusagen um die Ecke, stadtdramaturgisch gearbeitet. Ich selber wohne seit einigen Jahren in der „Lerchenfelder“, wie ich sie liebevoll abkürzend nenne, da das Ausfüllen jedes Formulars mit einem Straßennamen dieser Länge zur Herausforderung wird. Als Anwohnerin hatte ich mein stadtforschendes Auge auf die nähere Umgebung geworfen. Da war etwas, das mich nicht losließ. Es hatte zu tun mit Distanzen und Nähen, mit Verhältnissen zwischen Makro und Mikro. Heide spricht von der Stadt als Archiv. Die Interessen trafen aufeinander. Gemeinsam begaben wir uns hinein in die Welt, die sich öffnet, wenn man die Fernen in der Nähe ernst zu nehmen beginnt.
Sie gilt als komatös
Mit dem gängigen Muster von Schauen und Vorbeieilen hatten wir gebrochen. Stadtforschend überwanden wir die Scheu, betraten die Lokale der Erdgeschoßzone - mit ein paar Ausreißern in den fünften oder sechsten Stock hinauf unters Dach, wo auch gearbeitet wird - und suchten ins Gespräch zu kommen. „Wo kommen Sie her?“ Das ist in einem Land wie Österreich keine einfache Frage. Da tun sich die tiefen Furchen einer jüngsten Zeitgeschichte auf, die aus den Herkünften das Kapital politischer Stimmungsmache zieht, um mit Ausgrenzung eine Verortung der Sicherheit zu betreiben. Dennoch, Stadtforschung heute muss sich auch den Heterogenitäten und Widersprüchen der Stadt stellen. Sie kann nicht entlang der gängigen Trampelpfade eingeübter Wahrnehmungsparcours entlang schlendern. Also, nicht nur das Wo, sondern auch das Woher. Betrachtet man eine Straße wie ein dreidimensional zu entfaltendes Konzept, dann verbindet sich die globalisierte Welt mit dem Mikrokosmos vor der Haustür. Die Herkünfte von Menschen bestimmen das urbane Wissen, die Identitäten einer heutigen Straße.
Der Lerchenfelder Straße eilt kein guter Ruf voraus. Sie gilt als komatös. Doch schon seit einiger Zeit ist sie, aus der Nähe betrachtet, viel besser als ihr Ruf. Aber der Ruf hat eine nicht zu unterschätzende performative Macht. Er evoziert die Bilder, beschwört die Seinszustände, bringt die Zuschreibungen hervor, die daran hindern, in Lokalaugenschein zu treten. Also zurück in die Straße, die Türen geöffnet und nachgefragt, woher die Menschen an der Straße kommen, wie heute ihr Verhältnis zu ihr ist. Auch wenn einige der Geschäftstreibenden, die hier schon sehr, sehr lange sind, an die 40 Jahre sogar, dieser Frage nichts Gutes abgewinnen können und über Persönliches nicht zu sprechen gewillt sind, so ist der Tenor der meisten Unterhaltungen doch ein anderer. Die Straße ist ein noch viel dichterer, überraschenderer Mikrokosmos der Globalisierung als zuvor vermutet. Und, die Verhältnisse zur Straße und zueinander sind so, wie es der Zeitgeist nahelegt, im Bewusstsein um eine „Community“, die aus Zufallsnachbarn besteht, jenseits jeglicher Essentialismusvorstellungen, und in denen Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer um ihren Individualismus genauestens Bescheid wissen.
Die erste Liebe
Floridsdorf, Samarkand, Moskau, Rudolfsheim-Fünfhaus, Ostrava, Lissabon, Luanda, Kabul, Wolfsberg, Togo, Pressbaum, Blistrup, Kritzendorf, Bozen, Grein, Mailand, Derby, Amstetten, Salzburg, Florida, Ottakring, Bartlesvilla/Oklahoma... - das ist ein Beginn einer dynamischen Kartografie der Stadt, die Orte aus den Befragungen der Geschäftstreibenden heraus im Netz der Biografie als Welterfahrung aufspannt. Doch es ist nicht die Entfernung, die die Narrative unterscheidet. Die Unterschiede liegen vielmehr in Wahrnehmungen und Zuschreibungen. „Ich war voller Tatendrang und habe mich mit jugendlicher Unbeschwertheit selbständig gemacht.“ - „Man braucht Lust und Ausdauer.“ - „Vor 19 Jahren habe ich das Geschäft übernommen, seit damals habe ich jeden Tag aufgesperrt.“ - „Die Selbstständigkeit ist wichtig. Wir haben beschlossen, wir machen uns selbstständig.“ - „Dieses Geschäft in der Lerchenfelderstraße war meine erste Liebe. Ich wollte ein ganz kleines Geschäft. Ich mache jeden Tag etwas. Das macht mich glücklich. Ich muss noch viel machen. Ich kaufe die Steine selbst ein: in Thailand, in Indien, in Pakistan.“ - „Hier ist es wie ein Tanzboden, Tanzen lernt man auch vorher zu Hause.“
Fürs Geschäftemachen muss man sich vorbereiten. In der Straße steckt ein hohes Potenzial an Wissen: Viele der Geschäftsleute haben vorher etwas gelernt, etwas studiert. Betriebswirtschaft oder Philosophie, Biologie oder Kunstgeschichte, Erfahrungen im Einzelhandel oder Elektrotechnik - dies alles bildet einen Hintergrund, auf dem das Handeln beruht, einen Hintergrund, der in vielen Fällen ein unsichtbares Fundament bildet. Einen Weg gegangen zu sein, der in die Selbstständigkeit geführt hat, in die Selbstbestimmtheit eines Arbeitens als Geschäftsfrau, Geschäftsmann, Designerin, Dienstleistende, das ist ein Moment des Verbindenden in den Beschreibungen. Man ist aufgebrochen. Das Moment des Aufbruchs zu bewahren im Akt des täglichen Aufsperrens an einer Straße, deren Performance nicht nach Höchstleistung riecht, um sie zu dem zu machen, was sie an Potenzial in sich birgt, das ist die Kunst der Ausdauer und der Identifikation. So entstehen Identitäten eines Ortes. Sie sprechen aus denjenigen, die die Straße heute sind. Man kennt einander, man begegnet einander. Man spricht von Nachbarschaft, von Gemeinschaft, doch mit der „romantischen Vorstellung von Hilfe und Unterstützung“ habe das nichts zu tun.
Jon McKenzies Auslassung
Die Tausende Kilometer Straße verbinden Lebensläufe und Welterfahrungen, die durch Transnationalität und Stationen gekennzeichnet sind. Viele haben sich durch die Welt bewegt. Verbindungen sind unterbrochen, Relationen müssen immer neu verhandelt werden. „In den 19 Jahren, seit ich hier bin, war ich nie zu Hause.“ Die einen konnten die längste Zeit nicht nach Hause, weil ihr Status als Staatenloser ihnen das Reisen in ihr Ursprungsland unmöglich machte. Die anderen können nicht an ihren Geburtsort, weil die gefährliche politische Situation dies unmöglich macht. „Das ist für mich etwas Sonderbares. Wenn man zum Beispiel in Lissabon geboren wurde, dann kann man immer wieder in die Stadt der Geburt fahren, aber aufgrund der politischen Ereignisse nicht in seine Geburtsstadt zurück zu können, das ist schon etwas Eigenartiges. Erinnern kann ich mich auch nicht mehr - geblieben sind mir nur die Dias meiner Eltern.“ Die nächsten reisen zwar in ihr Herkunftsland, aber „Heimkommen ist nicht Urlaub machen“. Die übernächsten leben an zwei Orten und pendeln täglich, 40 Minuten in die eine Richtung, 40 Minuten in die andere. „Das ist meine zweite Heimat. Ich verbringe die meiste Zeit hier.“
Jon McKenzie sieht in der Performance das entscheidende Macht-Wissen-Dispositiv der Gegenwart. „Performance wird für das 20. und 21. Jahrhundert das gewesen sein, was Disziplin für das 18. und 19. Jahrhundert war.“ Ökonomisch, sozial, politisch, ökologisch, kulturell liest er die Performance. Warum nicht auch urban? Straßen werden an ihrem Können gemessen. Ihr Können liegt auch in dem Ruf, der ihnen vorauseilt. Zwischen feudalem Adelspalais und Rotlichtbar, zwischen Kinderspielplatz und Gambling entfaltet sich die Lerchenfelder Straße als Verbindung zwischen den historischen Bewegungen von Innenstadt und Vorort. Urbanitätsindikatoren auf der Skala der Straßen-Performance scheinen einfach: Coffee to go, Sonnenstudio, Buchhandlungen, internationale Call-Shops... Das eigene Vorurteilsbarometer lässt sich an diesen Indikatoren ebenfalls ablesen. Neuerdings werden ganze Stadtviertel gebrandet. Architektin Kerstin Höger spricht von Brandhubs. Branding im urbanen Großmaßstab also. „Mit Projekten wie dem Daimler Chrysler Quartier und Sony Center Berlin, VW Erlebnis Welt in Wolfsburg und Migros WESTSide in Bern, werden die Implikationen von Brandhubs offensichtlich: sie zeigen sich in Transformationen des Stadtraums sowie im Image der Global Players.“
Branding ist nicht die Antwort
In den performativen Hierarchien einer Stadt rangieren die Brandhubs im Leistungsgefälle ganz weit oben. Doch wie es um ihren Sympathiefaktor bestellt ist, das ist eine andere Sache. Zurück in die Lerchenfelder Straße. Was sie sympathisch macht, ist ihre Ungebrandetheit, ihre Ungeplantheit, ihre Zufälligkeit des globalen Nebeneinander, ihre Unbeabsichtigtheit. In dieser stecken Potenziale von Verknüpfungen und Beziehungen: 100 Jahre Eissalon, 100 Jahre Spielzeuggeschäft, 4 Generationen Nähmaschinen, 3 Generationen Zuckerlgeschäft, also Traditionsanker. Naturkosmetik, handgefertigter Schmuck, aus ökologischen Materialien gefertigte Mode, Maßschneiderei, handgenähte Mode, also Dinge für den Körper. Irisch, persisch, vietnamesisch, dalmatinisch, italienisch, also Dinge für den Magen. Kinderbücher, Bücher über den Bezirk, philosophische Bücher, Krimis, Militaria, englische Bücher, Belletristik, Bücher zum halben Preis, also Dinge fürs Lesen. Es ließen sich schon Themencluster finden im Ungebrandeten.
Zieht man das Woher in Betracht, bei der Forschung in der Stadt, dann kann das Wohin am Horizont auftauchen. Branding ist nicht die Antwort. Planung kann nicht die Strategie sein. Mögliche Verbindungen liegen an diesen übersehenen Straßen in der Stadt. Sie zu pflegen, ist wichtig. Es zu übertreiben, ist entsetzlich. „Im Ort liegt ein Mehrwert“, sagt eine, die an der Lerchenfelder Straße arbeitet. Schon seit 20 Jahren.
www.lerchenfelderstrasse.at
Die Ausstellung „Aufbruch in die Nähe. Wien Lerchenfelder Straße“ ist im Rahmen des Projekts „Lebendige Lerchenfelder Straße“ von 1. Oktober bis 15. November 2009 in der Lerchenfelder Straße 141, 1070 Wien zu sehen. Kuratorinnen: Angela Heide & Elke Krasny; Gestaltung + Fotografie: Alexander Schuh.
(3.10.2009)
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