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Die Wirklichkeit unmöglich machen

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ANNA MENDELSSOHN MIT "CRY ME A RIVER". EINE URAUFFÜHRUNG IM TANZQUARTIER WIEN

Von Klaus Waiß


In ihrer ersten Solo-Arbeit „Cry Me A River“, uraufgeführt am Tanzquartier Wien, begibt sich die Tänzerin und Schauspielerin Anna Mendelssohn an den Klimakonferenztisch: dies im Versuch, einen politischen Monolog zu finden, der sowohl Fragen zur Lösung des Klimaproblems aufwirft als auch metadimensionale Reflexionen des individuellen Eindringens in die Heterogenität der Klimadebatten enthält. Zur Bewältigung dieses unmöglichen Abenteuers ist das Stück in Form einer Textmontage konzipiert, in der ein weites Spektrum an Diskursen über die Klimaerwärmung versammelt wird: Texte, Vorträge, Monologe und Interviews von unterschiedlichen Personen und Rollenbildern korrespondieren mit den Gedanken der Performerin, wodurch ein eigener performativ-politischer Monolog entsteht. In diesem verbirgt sich vielleicht ein Gestus sowohl des Wiedereinfrierens als auch des Wiederauflösens von Eiskappen, Gefühlen, Bildern und so weiter. Wer sich jedenfalls verausgabend auflöst, ist die Performerin – sowohl im vielstimmigen Monolog als auch in Tränen.

Die „Konferenz“ beginnt mit der Erzählung eines Zusammentreffens mit einem Inuit: wir erfahren von seinem Leben in der arktischen Zone, von der Schönheit des arktischen Eises, von der Auffassung, dass das arktische Eis sogar das Leben und das Gedächtnis figuriert. Spannend wird der Monolog bei einem Zitat von Stephen Hawking, der den Menschen als „chemical scum“ bezeichnet hat, und bei einer Anmerkung der Performerin über die ungeheure Komplexität der Welt und der dadurch scheinbar unmöglichen universalen Lösungsfindung für das „ideale“ Klima.

Die Pasta al dente kochen

Nachdem wir noch etwas hören über die beeindruckende Schönheit der Stille, die in der Arktis herrscht, folgt plötzlich eine Pause. Der Blick der Performerin gleitet durchs Publikum, um sich dann (Hawkings „chemical scum“ vielleicht noch memorierend) mittels chemischen Bio-Engineerings – in Form eines Tränenstiftes, den sie unter ihren Augen aufträgt – Tränen fließen zu lassen. „At some point I began to cry“, sagt sie, und reflektiert Klischees: Sind es bloß oberflächliche, romantische Tränen oder „echte“ Tränen, welche aus ihrem Innersten kommen und vielleicht authentisch wären? Wie steht es um die assoziative Relation von Tränen und Auftauen, von gefrierenden Gefühlen – von Kälte und von Wärme? Und wie steht es um unsere Einfühlungsrituale?

In „Cry Me A River“ wird nur mithilfe von Tränenstiften geweint, um aufzutauen und in Tränen ausbrechen zu können – analog zu den Eiskappen – in welche wir uns einfühlen könnten. Vielleicht wäre es in Zukunft möglich, auch für den Zuschauer zu sorgen; das heißt: auch ihm vor Beginn der Vorstellung Tränenstifte anzubieten, mit deren Hilfe alle in Tränen ausbrechen könnten, um den empathischen Tränenfluss zu sichern? Wie steht es um unsere Sensibilität? Sind wir vielleicht an einem Punkt angelangt, an dem uns die Gefühle abhanden gekommen sind, ihre Codierungs-Ursprünge und Sinnkomplexe fremd geworden sind, und Emotionen nur noch chemisch erzeugt werden können?

Im weiteren Konferenzverlauf, den Anna Mendelssohn sehr souverän und präzise in ihrem Spiel beherrscht, ist auch eine kurze – auch als Aufheiterung gedachte – Tanzsequenz zu sehen, als improvisierte, getanzte Evolution. Und es folgen unzählige andere Zitate, persönliche Reflexionen, Urteile, Prognosen – etwa die Analogie zu einem Fußballspiel, welches ohne Entscheidungsfindung irgendwann im Modus des sudden death endet – und sogar eine Liste von einundzwanzig Vorschlägen zum Sparen von Ressourcen und zur Rettung des Klimas: so etwa, die Pasta nur noch al dente zu kochen.

Raum des Nicht-Wissens

In „Cry Me A River“ tritt das Spektakel vielleicht in Gestalt des Politischen an den Tisch dieser Klimakonferenz; seine inhärente Theatralität und die diskursiven Formationen werden so bis an die oszillierenden Grenzen seiner Semantiken getrieben, wo sich Sinn nur noch in seinem Entzug in Form der Begehrenskomplexe der einzelnen Stimmen (im Stück verweben sich die Stimmen von Politikern, Theoretikern, Wissenschaftern, Aktivisten, Architekten, Dichtern, Discobesitzern et cetera) manifestieren oder vielmehr zeigen kann: im Modus seiner Demaskierung. Dekuvriert werden so seine verborgenen Regeln, Techniken, Logiken, Rhetoriken, Sicherheiten, Bekenntnisse, Kredite und so weiter. Dies jedoch als sehr vorsichtige Annäherung, ohne ironische oder setzende Schlüsse und Wahrheiten zu erbringen: vielmehr als kartographische Konfrontation mit der komplexen Struktur der sich anbiedernden Klimadiskurse.

Vielleicht könnte dieses überbordende Moment im Sinne der ästhetisch-politischen Praxis „die Wirklichkeit unmöglich zu machen“, so Heiner Müller, gelesen werden: als Blick auf das Unauflösbare und Unscharfe – auf die fragilen Voraussetzungen der Diskurse der Figuren am Konferenztisch. Mittels der Textmontage entstehen unauflösbare Vermengungen und Durchkreuzungen, in welchen am Ende eine Erfahrung der Leere evoziert wird: ein Raum des Nicht-Wissens, in dem sich das Wissen über das Klima anagrammatisch durchkreuzt und sein Theater (seine Theatralität) streicht – in einem sich verausgabenden coup de théâtre – ein Ereignis-Vakuum öffnet und berührt, bis der Rede (dem Logos) die Luft ausgeht und ein liebkosendes Streicheln jeden Streich (und jeden semantischen Wert) ersetzt, was vielleicht die Poesie des Stückes ausmacht.

Am Ende ist der Konferenz jedoch immer noch nicht die Luft ausgegangen, dafür aber der Strom: Mitten in der Rede eines Kapitalisten tritt abrupt Stille und völlige Dunkelheit ein – vielleicht als Index auf den Weltuntergang, welcher die finsteren und bodenlosen Abgründe der Konferenz-Diskurse durch seine eigene finale Finsternis ersetzt.


(28.5.2010)