WARUM CORPUS AN EINER ZEITMASCHINE BAUT Über Ereignisse dann zu berichten und zu reflektieren, wenn sie stattfinden, ist Aufgabe aller Medien. Das bleibt richtig und wichtig. Aus einem bestimmten zeitlichen Abstand heraus Ereignisse zu analysieren und zu kontextualisieren, fällt in einen Aufgabenbereich, der HistorikerInnen zugeteilt wird. Über die Bedeutung der Aktualität in Bezug auf das Ereignis und das Ereignis in Bezug zu seiner Reflexion und Historisierung nachzudenken, das wäre eine Aufgabe der Philosophie.
Wenn Nietzsche in „Der Wille zur Macht“ feststellte, daß es keine Tatsachen gebe, sondern nur Interpretationen, dann geht - wenn eine Performance als „Ereignis“, das tatsächlich stattgefunden hat, gesehen wird - das ephemere Stück im Augenblick seiner Realisierung verloren. Es wird zur „Interpretation“ oder zum Inhalt von Wahrnehmung, deren Speicherung und Verarbeitung. Das Ereignis verläßt also den Zeitpunkt und Ort seines Geschehenseins und verteilt sich. Dabei wird es transformiert und geht entweder in eine kollektive Erinnerung über oder nicht.
Da corpus ein Medium der Vergegenwärtigung ist, dem nicht nur ein lineares oder zyklisches Zeitverständnis zugrunde liegt, sondern auch ein polyvektorielles, kann die Redaktion sich anderer Logiken bedienen als herkömmliche Medien. Mit polyvektoriellem Zeitverständnis ist hier die Konstruktion von Zeit aus verschiedenen Zeitformungen gemeint: denn die Zeit verhält sich relativ zu den gesellschaftlichen, kulturellen und historischen Umständen, in denen sie erfahren wird. Jede Vergegenwärtigung ist ein Akt, der das Ereignis als Wahrnehmungsinhalt aus seiner Pünktlichkeit holt und in ein Muster aus Spuren verlegt, die dieses Ereignis hinterläßt. Unter Umständen schon hinterließ, bevor es sich überhaupt zugetragen hat, wenn die Vorzeichen eines Ereignisses diesem zugerechnet werden.
Wie ein Ereignis zum Ereignis wird
So kann etwa Julius Deutschbauer, wenn er will, über seine „Ungesehenen Aufführungen“ bereits vor der Premiere schreiben, weil er sich auf das Informationsmaterial bezieht, das vorab erreichbar gemacht wird, um auf das herannahende Ereignis aufmerksam zu machen. Die Vorankündigung einer Arbeit beruht auf Informationen, die jene ausgeben, die das Ereignis (hier: die Performance) zu seinem Stattfinden führen. Genauso ist es möglich, eine gewisse Zeit verstreichen zu lassen, bevor ein Ereignis vergegenwärtigt wird. In Reflexionen historischer Ereignisse ist das üblich.
Nichts scheint in der Kunst stärker vergangen zu sein als eine Spielsaison nach ihrem Ablauf. Aber erst durch den Abstand, den Rückblick gewinnt manches Ereignis den Charakter eines solchen, weil sein Echo bereits erkenn- und meßbar ist: Warum erinnert man sich an manche Erlebnisse besser als an andere, und wie sehr könnte das an der Quelle dieser Erlebnisse gelegen haben?
Diese Fragen werden selten, und wenn, dann nur von eingefleischten ExpertInnen gestellt. Sie sind aber wichtig für uns alle, und daher beginnt corpus, eine „Zeitmaschine“ zu bauen, in der alle möglichen Zeitverschiebungen zwischen Ereignis und Vergegenwärtigung ausprobiert werden. Wir beginnen mit einer sensibel komponierten Auswahl von Texten, legen und folgen Spuren, begeben uns in einen offenen Prozeß und werden sehen, was am Ende herauskommt. Im besten Fall werden wir ein wenig mehr darüber wissen, wie sich Performances als Wahrnehmungsinhalte über die Zeit hin entwickeln. (ploe)
Zur Zeitmaschine 1.1.
(16.9.2009)
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