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Die Zukunft des Tanzes?

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LAURENT CHÉTOUANE MIT "HORIZON(S)" IM TANZQUARTIER WIEN

Von Astrid Peterle




Schön war’s – diese lapidare Aussage fällt der an Dekonstruktions-Choreographie gewöhnten Kritikerin nicht leicht. Laurent Chétouane, der französische Shooting Star in Theater und Tanz mit Wohnsitz in Berlin, brachte im Tanzquartier Wien sein neues Stück zur Uraufführung. Und er entlässt die Betrachterin verwirrt, denn horizon(s) bricht nicht nur mit der Erwartungshaltung seines Publikums, gemessen an seinen bisherigen Choreographien, sondern bewegt sich auch mit einer Leichtigkeit und „Schönheit“, wie sie zur Zeit eher selten von den progressiven VertreterInnen des europäischen Tanzfeldes heraufbeschworen werden.

Chétouane, von der Theaterregie herkommend, lotete in seinen ersten Choreographien, den Tanzstücken #1–4, die Grenzen zwischen Theater und Tanz aus. Zuvor agierten die SchauspielerInnen in seinen gefeierten Theaterarbeiten meist regungslos. Für seine Choreographien arbeitete Chétouane mit Texten von Heiner Müller bis Hölderlin und Goethe und ließ seine TänzerInnen die Möglichkeiten eines Miteinanders in Bewegung erforschen. Seine Auseinandersetzung mit Theater und Tanz ist konzeptuell geprägt, weshalb es auch nicht verwundert, wenn Roland Barthes als Verweis auftaucht oder aber Deleuze und Lacan, wie jetzt im Fall von horizon(s). Laut Programmtext widmet sich Chétouane darin „der Frage nach der künftigen Bewegung, nach dem Zukünftigen des Tanzes in all seiner Geschichtlichkeit und Potentialität“. Wie sieht nun die Zukunft des Tanzes für Chétouane aus?

Eine scheinbare Gewissheit

Drei TänzerInnen, Anna MacRae, Sigal Zouk und Matthieu Burner, warten, bis die ZuschauerInnen zur Ruhe kommen. In der großen, vollkommen leeren Black Box der Halle G des Tanzquartiers fixiert Sigal Zouk das Publikum und beginnt mit einem Solo, das als Variation über die 1. Ballettposition bezeichnet werden könnte. Der Klang eines Klaviers und einer Violine (Musik: Leo Schmidthals) unterstreichen Zouks spielerisches Herantasten an die tänzerische Bewegung. Es ist das erste Mal, dass Chétouane mit Musik arbeitet; er setzt sie, vor allem im ersten Drittel des Abends, „klassisch“ als untermauernde Begleitung ein. Die drei TänzerInnen kreisen umeinander, nähern sich einander immer wieder an, ohne aber in eine naheliegende Ménage à trois zu verfallen, zumindest nicht im üblichen Sinn. Die Erwartung des Publikums wird hinsichtlich der Beziehungstragödie, die auf eine solche Konstellation meist folgt, enttäuscht.

Chétouanes Choreographie lässt die Psychologie außen vor. Die Bewegungen der TänzerInnen sind durchlässig, leicht, mühelos. Immer wieder schleichen sich Zitate aus dem Ballett ein. Dann wieder, für einige Momente, lassen die TänzerInnen ihr Profi-Sein hinter sich, um amateurhaft über die Bühne zu hopsen, unbeschwert von Konventionen, kindgleich, schnurspringend und Affen imitierend. Bevor das Geschehen ins unerträglich Romantische kippt, sich vor dem geistigen Auge der Betrachterin grüne, nebelverhangene Wiesen in Schottland auftun, über die sich die TänzerInnen schwerelos bewegen, setzt der Bruch ein, die Tänzerinnen knallen erstmals zu Boden. Doch Chétouane bricht die Choreographie nur zaghaft – auch im weiteren Verlauf bleibt der Grundtenor Sanftheit und Leichtigkeit. Wenn die TänzerInnen in horizon(s) die Arme in die Luft strecken, die Augen mit ihren Händen verdecken, gründen diese Gesten nicht in einer inneren Erschütterung, einem existenzialistischen Erzittern, wie etwa zum Beispiel bei Philipp Gehmacher (mit dem Chétouane für sein Tanzstück #3 zusammengearbeitet hat).

In horizon(s) agieren die TänzerInnen aus einer scheinbaren Gewissheit, ohne aber an hippieske Glückseligkeit zu Dritt zu erinnern. Liegt hier die Zukunft des Tanzes – im (erneuten) Zulassen der Schönheit, der Leichtigkeit, des Mühelosen? Ist die Zeit des Wohlfühl-Minimalismus angebrochen? Es ist der Verdienst von horizon(s), diesen Horizont zu eröffnen. Antworten bleiben aber aus – vielleicht, weil am Ende doch alles Ironie war?


(22.4.2011)