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Dieser neue Mensch?

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EINE AVANTGARDE-INVESTIGATION VON LIGNA IM TANZQUARTIER WIEN

Von Helmut Ploebst


Als der Halleysche Komet 1986 wiederkam, war schon alles überstanden und das 20. Jahrhundert so gut wie vorbei. Im Jahr 1910 war man noch ausgesprochen beunruhigt gewesen, als das Himmelsgeschoss dicht an der Erde vorbeizog. Die folgenden großen Impacts waren allerdings sehr irdisch - von den kommenden zwei Weltkriegen ahnte man vor 100 Jahren noch nichts. Die Welt befand sich zwar irgendwie im Aufbruch, es rumorte unter den diversen Oberflächen (und in Wien gab es am 11. Mai 1910 ein kleineres Erdbeben).

Die Idee von einem „neuen Menschen“ lag damals in der Luft, die Sehnsucht nach Veränderung stieg, die Zeit der ersten Avantgarde des 20. Jahrhunderts war angebrochen. Der „neue Mensch“ wurde in zwei politischen Ausrichtungen entwickelt: in einer elitistisch-rassistischen und in einer sozial-konstruktivistischen. Eine solche Avantgarde-Idee existiert zur Zeit zwar nicht, aber das neoliberale System hat zwei Operatoren zur Umwandlung des Menschen in Arbeit: die digitale Kommunikation und die gentechnische Invasion.

Es wird zwar immer wieder ausgesprochen, aber doch noch nicht ganz verstanden. Seit mehr als 20 Jahren - seit dem vermeintlichen „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama, 1992) - herrscht eine Revolution, deren Ziel es ist, einen vollständig optimierten Menschen zu produzieren. Diese Revolution hat keine politischen Symbolfiguren und keine Zentren, und sie wird von miteinander vernetzten autopoietischen Systemen vorangetrieben, deren Träger allesamt im expansiven Utilitarismus des politischen Kapitalismus verankert sind.

Von Goebbels zum Fordismus

Wenn die Hamburger Performancegruppe Ligna also heute ein „performatives Hörspiel“ mit dem Titel „Der neue Mensch. Vier Übungen in utopischen Bewegungen“ inszeniert, dann tut sie das in einem globalen Kontext, der dabei ist, den neuen Menschen als optimiertes Subjekt in verschiedenen Kontrollgesellschaften umzusetzen. Ergibt sich die spannende Frage, ob in den aufklärerischen Ideen jener, die im frühen 20. Jahrhundert den „neuen Menschen“ entwarfen, ein Gegenmodell zum heutigen optimierten Menschen enthalten ist.

Das Ligna-Stück ist avantgardistisch im Ansatz: ein Theater, in dem nur die ZuschauerInnen performen. Sie folgen Handlungsanweisungen, die ihnen über Kopfhörer vermittelt werden, in einer Choreografie von vier miteinander kommunizierenden Gruppen. Jeder Gruppe ist ein eigener Ablauf zugeordnet, in dem sie sich mit Übungen beschäftigt, die von Wsewolod Meyerhold, Rudolf von Laban, Bertolt Brecht und Charles Chaplin abgeleitet sind. Eine raffinierte Mischung, und ausgerechnet der Tanzmensch Laban sollte dem Nationalsozialismus in die Falle gehen und als Kulturvasall unter Goebbels dienen, bis er bei diesem in Ungnade fiel, Hitlerdeutschland nolens volens verlassen mußte und sich dann in England der fordistischen Bewegungsoptimierung von Fabrikarbeitern widmete.

Meyerhold verlangte nach einer Tilgung unnötiger, unbewußter und unkontrollierter Bewegungen, Laban an der Eliminierung von „Schattenbewegungen“ im Tanz. Brecht sagte: „In der Nachahmung kann die Geste fremd werden, also begriffen.“ Damit, und das interessiert Ligna offensichtlich, kann diese Geste auch verändert werden. Chaplin, der die Befremdlichkeit der Hitlerschen Gestikulationen so hervorragend sichtbar machen konnte, steht für die Verweigerung gegenüber den idealistischen Konzepten des neuen Menschen ebenso wie gegenüber jenen des optimierten Arbeiters.

Schattenbewegung als Widerstandsmetapher

Und da tut sich nun eine diskursive Verbindung zur Gegenwart auf, die im Ligna-Stück nie direkt angesprochen wird. Der konstruktivistische Maschinenmensch, der fordistisch optimierte Arbeiter, der Tänzer ohne Schattenbewegung, der gläserne Mensch im Nationalsozialismus, der gläserne Mensch im digitalen Kontrollsystem und die neoliberale, durchentertainte Fitness-Konsum-Ameise bilden ein zusammenhängendes System, dem Brecht und Chaplin entgegenzustehen scheinen. Chaplin rationalisiert mit seinem Tramp die Schattenbewegung zu einer Widerstandsmetapher, und Brechts Idee von der Erkenntnis durch Ver- beziehungsweise Entfremdung hat dazu durchaus Parallelen.

Die Konstruktion des neuen Menschen in der Gegenwart ist von einer sozialen Umformung begleitet, die mit jener der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert insofern vergleichbar ist, daß sie diese noch übertrifft. Die Technologie entwickelt sich schnell, aber ihre Geschwindigkeit ist durchaus zu verkraften. in diesem Prozeß macht es durchaus Sinn, sich erneut mit den Avantgarden von einst zu beschäftigen, weil sie etwas kommunizieren, das in der Gegenwart ganz dringlich geworden ist: daß etwas Großes durchaus angegriffen werden kann, daß es möglich ist, jedweden Establishments Gegenentwürfe ins Getriebe zu werfen. Die Avantgarden zeigen allerdings auch, wie es nicht geht, wie ambivalent Oppositionen werden können, wenn sie die - etwa totalitäre - Muster ihrer Gegner imitieren.

„Der neue Mensch. Vier Übungen in utopischen Bewegungen“ ist ein Spiel, aus dem Schlüsse gezogen werden können - eine Arbeit, die Ligna nicht für das Publikum, das mitspielt, erledigt. Und damit aber gerade den neuen oppositionellen Menschen herausfordert, der sich dem Modell des neoliberalen Sachzwangroboters entgegenstellen will. Das beinhaltet unter Umständen auch, daß man sich im Stück einmal den Handlungsanweisungen dieser perfekt konstuierten Choreografie entzieht, bloß zuschaut und über den Fluß der Sätze nachdenkt, die über die Kopfhörer gefunkt werden. Erst in diesen Pausen wird das Erlebnis dieser Arbeit komplett.

(7.2.2010)