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Differenz und Nagetier

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FRITZ OSTERMAYERS MÄUSERETTUNG ZUM SAISONAUFTAKT 2007 IM TANZQUARTIER WIEN

Von Judith Helmer und Norma Jean Sedlmayr


Alles Lebendige ist irgendwann einmal mausetot - vielleicht war es diese sinnliche Formulierung, die den Wiener Radiomacher Fritz Ostermayer, stadtbekannt für seine performative Affinität zu Bestattungsinstituten und Leichenhallen, auf dieses niedliche Tierchen kommen ließ. Als Grundmotiv hüpfte diese nämlich durch seine erste Choreografie „Rettet die Mäuse oder Conducting Kafka While Whistling Against Interpretation“, die die Saison 2007 im Wiener Tanzquartier mit dem heftigem, ja, tänzerischen Augenzwinkern eröffnete.

Zitat: „Wenn sich (...) herausstellen sollte, daß der Mensch sich nicht retten lassen will, dann verlagern wir unsere empathischen Anstrengungen halt auf die Fauna und schreien laut: ,Rettet die Mäuse!‘“ Die Fauna. Projiziert wird Borges' chinesische Enzyklopädie mit der von Foucault am Beginn von „Die Ordnung der Dinge“ zitierten Taxonomie der Tiere (a. bis n.), die uns, so der französische Philosoph, „an die Grenze unseres Denkens“ führt. Doch wenn wir an den Tod denken, befinden wir uns an derselben Grenze, und so hat Ostermayer den Schritt von den Pompfüneberei auf die Tanzbühne gemacht, taxierend und taxonomisch, also protochoreografisch.

Freiwillige Feuerwehr

Ostermayer, als Radiomacher Meister der Überleitungen, verknüpft Verknüpftes zu peinlich realen Fiktionen. Und er hat Kollaborateure. „Soap&Skin“, eine trotzig-kindliche Sängerin aus dem Asyl der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, trottet im Mausezottelkostüm als Franz Kafkas Josefine über die Bühne. Sie bricht mit ihrer Stimme erst dem Publikum das Herz und dann noch ihr eigenes Klischee, um am Ende diesen Bruch wieder zurückzunehmen. Frans Poelstra entsteigt im Pyjama (später gibt es eine wunderbare Pyjamavermehrung) einem Sarg, und Alfred Schefberger lässt seine Haare von Christoph Grissemann zum Tanzen bringen. Die Tänzerinnen Sabina Holzer und Virginie Roy-Nigl nehmen Schwimmreifen mit in ihre Bewegungsbadewannen. Die österreichischen Choreografen Barbara Kraus und Chris Haring liefern „Choreografiespenden“ ab (faustisch: die Freiwillige Feuerwehr Schattendorf im Einsatz unter dem Motto „Tanz muss Leben retten“), und sogar drei Hunde dürfen tanzen wider den tierischen Ernst jedweder Diskurspriester, die in diesem Stück, in wienerischem Diskurshochbarock, aufs Glatteis - wo der Esel ja gerne tanzt - geführt werden.

Der Schabernack des sich selbst als solchen bezeichnenden Scharlatans Ostermayer lebt von und mit den Insidern der (Wiener) Tanzszene, gerade weil er hier nur Zaungast ist. Im Wort Scharlatan umrahmt ja der Satan den Charl(es), also K a r l, den man sich in Wien macht, wenn über etwas gespöttelt wird. Tanzquartier-Intendantin Sigrid Gareis wird beelzebübisch liebevoll als „Gareisin“ tituliert und Yvonne Rainer als „Schutzpatronin der Pölster, Steppdecken und Tuchenten“ - just in dem Moment tanzt Frans Poelstra (!) mit einem Deckenturban über die Bühne. Und auch, warum überhaupt ein Radiomacher im Tanzquartier sein erstes Bühnenstück aufführt, wird rekapituliert: „Aber liebe Frau Gareis“, sagte demnach der von dieser um ein Stück Gebetene. „Sie wissen doch, wie sehr mir Tanz und alles damit Zusammenhängende am Arsch vorbei geht.“ „Genau deshalb“, habe die Leiterin des TQW geantwortet. „Frau Gareis, ich habe doch Null Ahnung von Choreographie und dem ganzen Scheiss“, sei als Einwand gekommen. „Genau deshalb“, die erneute Antwort.

Heiliger Bimbam! 

Da brach so manches Tänzerherz im Publikum. Umsonst. Denn das Tanzen ist ja größer als der Tanz, was sich auf diesen wieder entspannend niederschlägt. Und so präsentierte Ostermayer seinen „Finger-am-Abzug-Tanz“ und „Kopf-in-der-Schlinge-Tanz“ - dokumentarisch als Fotobeispiele. Mausefallen überall. Und als die letzte, übergroße, ja „weltgrößte“ Mausefalle des Abends - gebaut von Hans Schabus und fishy - mit lautem Krachen sich selbst zerstörend zugeschnappte, wusste man: die Idee war gut. Soviel Selbstironie in der Programmierung gab es schon lange nicht mehr, und dieser Mut wurde belohnt. In Wien, wo das Mittelmaß gerne in den Himmel gehoben und das richtig Überragende noch lieber kleingetrampelt wird, hing ein glitzernd-kantischer Dada-Stern über dem Tanzquartier, richtig plaziert vom „Hl. Bimbam“, dem „Schutzpatron der Alarmglocken und Sirenen“. Aus dem Publikum tönten „Danke!"-Rufe durch den Applaus.

(14.9.2007)