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Dinge verkühlen sich nicht

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MIKI MALÖR SAMMELT IM WIENER KOSMOSTHEATER NACH 25 BÜHNENJAHREN OBJEKTE, DIE DAS THEATER REPRÄSENTIEREN

Von Helmut Ploebst


Was ist die Wiener Regisseurin Miki Malör in ihrer neuen Arbeit „100 Objects to Represent Theatre“, die gerade im Wiener Kosmostheater uraufgeführt worden ist? Sie ist Objekt Nummer 5. Eine undankbare Rolle, vor allem dann, wenn Nummer 5 sich gegen Ende des Stücks mit Nummer 95 - einem Telefon - auseinandersetzen und so tun muß, als spräche sie mit ihrer Mutter.

Hundert theaterliche Objekte treten in einem Zeitrahmen von zwei Stunden auf, dargereicht von David Ender, Anne Frütel, Gerda Schorsch, Red White, Malör selbst und dem Regisseur Miguel Ángel Gaspar. Eingeteilt in fünf Ordnungsabteilungen und versehen mit Zuschreibungen zu manchmal sehr lustigen Kategorien.

Das Objekt Körper ist, abgesehen von dem schwarzen Backdrop und einem Zählgerät (Nummer 3), das einzige, das durchgehend anwesend ist: „Wo ein Körper ist, kann kein anderer Körper sein.“ Malör ist das Objekt Körper, das kein Objekt ist, aber zu einem gemacht wird oder werden kann, und das Objekt Malörkörper nimmt sich wörtlich und repräsentiert das Malheur seiner Objektwerdung im Angesehenwerden als ausgestellte Weiblichkeit.

Stoizismus der Sachen

Am Ende der Uraufführung ist dieses Objekt fix und fertig, es hat ein Umraumtemperaturproblem (gr. problema: das Vorgelegte). Das Theater ist dem Körper zu kühl. Den richtigen Objekten, also den Sachen wie der Mülltonne, dem Bett oder der Kulisse, kann das nicht passieren, denn den Dingen eignet ein Stoizismus gegenüber allem, was mit ihnen geschieht. Sie sind die eigentlichen Subjekte, sie unterwerfen sich ihrem Gebrauch, während der Körper sich dem doch eher „entgegenwirft“ (lat. obicere).

Das Interessante an den Dingen ist, daß sie, sobald sie ins Theater gesetzt sind, zu Objekten werden, die das Theater dann auch repräsentieren. Aus einer anderen Perspektive könnte gesagt werden, daß es ganz bestimmte Dinge gibt, denen auch außerhalb eines Theaters eine Theatralität zugeschrieben werden kann. Das Rednerpult, das Mikrophon, jede Art von Bekleidung oder Schminke, das sind Utensilien, die der Performance des Körpers außerhalb des Theaters dienen und dort eine Theatralität gewinnen.

Malör und die ihren haben ein interessantes Problem aufgeworfen, indem sie beide Perspektiven vermischten. Hinter der dargebrachten Systematisierung in dem Stück steht auch eine große Unlust an der Systematisierung, weil ihr eine Eingrenzung innewohnt, die oft als wenig unterhaltsam empfunden wird. Zu Unrecht vielleicht.

Malheur in Wald und Wiese

Das Theater ist ein komplexes Phänomen, vor allem das zeitgenössische. Es wäre eine interessante Sache gewesen zu klären, welches Theater die „100 Objects to Represent Theatre“ wirklich meinen. Jenes zum Beispiel von Christoph Marthaler oder das von Peter Stein? Das von Bertold Brecht oder das von Samuel Beckett? Das von Augusto Boal oder das von Jerzy Grotowsky? Das von Rimini Protokoll oder das von Thomas Bernhard? Goethe oder Grillparzer? Griechisch (alt) oder Ontological Hysteric (nicht so alt)?

Ha, das wäre lustig gewesen - eine objektive Vergleichsführung von Richard Foreman und Alvis Hermanis! Oder von Brecht und Beckett. Miki Malör hat sich einer solchen Herausforderung nicht gestellt, sondern lieber Wald und Wiese durchstreift und ist dabei natürlich bis hin zum Globus und zum Mond gekommen - schließlich fand die Aufführung ja auch im Wiener „Kosmostheater“ statt (das einmal ein „Kosmos Kino" war). Ein Objekt war auch das Messer, „Kategorie Kritik“. Diese bösen, bösen KritikerInnen. Als Schattenspiel sehen wir die blechkübelbekrönte Drama Queen Malör, wie sie von zwei düsteren Dolchern assassiniert wird.

Wie dann noch sagen, daß diese Untersuchung an den Objekten zwar klug und charmant, zart kritisch (!) und amüsant war, daß dieser Sammlung aber doch ein Fokus fehlte, um nicht zu sagen, eine Spitze oder eine Schärfe. Miki Malör feiert noch dazu ihr 25. Bühnenjubiläum. Ein/e KritikerIn kann ihr natürlich dazu gratulieren und mitteilen, daß diese Theatermacherin aus der freien Wiener Szene nicht wegzudenken ist. Aber er/sie würde damit auch ein wenig seine/ihre Kompetenzen überschreiten.

Grillparzers Fluch

Kritikerinnen und Kritiker müssen sich darauf verlassen, daß die Gratulationsjobs von anderen erledigt werden. Sie können ihre Wertschätzung aber anders ausdrücken. Vor allem dadurch, daß sie ernstzunehmende Arbeiten von KünstlerInnen auch wirklich ernst nehmen. Eben durch das Mittel der Kritik. Das Theater der Miki Malör in den kommenden, sagen wir, 25 Jahren könnte sich zum Beispiel von der Selbstinszenierung von Miki Malör und dem mentalen Lokalkolorit, der dem österreichischen freien Theater oft nicht gut tut, entfernen. Die Drama Queen kann das. Sie müßte es sich nur erlauben.

Sie sollte den von Grillparzer formulierten Fluch der Österreicher - ich stehle dieses Zitat aus einem Text zu den Uni-Streiks von Anton Pelinka in „Die Zeit" (46, 2009) -, der lautet, „auf halben Wegen und zu halber Tat mit halben Mitteln zauderhaft zu streben“, überwinden. Bleibt zu hoffen, daß Miki Malör sich in dem zu kalten „Kosmos“-Theater nicht verkühlt hat.


(6.11.2009)