Donaufestival 07/2: about protection

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einige sprachpolitische überlegungen anlässlich vielfacher „unprotected game s"

von christine standfest 

rückschau: beschreibung und wunschprojektion 2006
„das donaufestival ist neben allem vor allem ein fest. es ist ein ebenso verschwenderisches und passioniertes wie notwendiges spiel, eine kommunikation in allen medien und durch die körper hindurch, ein ,supergau der genrecodes‘ (zierhofer), ein erlebens-modell: luxus und experiment und notwendigkeit in dieser gesellschaft der krise der unterscheidungen, die ihr hiesiges demokratisches funktionieren trotz alledem durch politiken der angst, durch institutionalisierung, kapital, geschlechterverhältnisse, logik des mangels, nur getarnt als grenzenloser konsum, gewalt und feindschaft regelt.
die hier zugegeben gefeierte dynamik trifft sich natürlich nicht zufällig mit entwicklungen im zeitgenössischen theater oder der performance. bei aller formalen, inhaltlichen oder formathaften unterschiedlichkeit haben die eingeladenen gruppen - die laut tomas zierhofer vielmehr nach dem prinzip „band" agieren denn als heilige trias autor-regisseur-schauspieler-oder-tänzer - gemeinsam, die dinge, medien, codes und verkehrsformen, die unseren alltag ausmachen, zu affirmieren und zu gebrauchen, zu perforieren, zu entkleiden, zu verkehren, aufzublasen, auszuscheiden, schlicht: über die rampe zu schmeißen. die zuschauer zu affizieren, nicht durch kontemplation, sondern durch durchaus physisches involvieren in orientierungs- und erkenntnisvorgänge. aber keine angst, es geht nicht um „mitmachtheater", hier herrscht nicht das erlebnismodell club med. es geht um thematisch vermittelte sinnlichkeit, es geht um das erproben von nähen und distanzen zueinander, der akteurinnen, musikerinnen, zuschauerinnen, im diskurs und beim bewegen, um erproben anderer verkehrsformen, konfrontation mit unbekanntem und um eine neue art des aussagens: um die multiple organisierung von „statements", direkt, jenseits ewiger wahrheiten."
[1]

das donaufestival also, das 2007 zum dritten mal unter der künstlerischen leitung von thomas zierhofer-kin im niederösterreichischen krems, einem ebenso malerischen wie kunst-ambionierten städtchen am fusse der wachau, stattfand, ist sicherlich einer der profiliertesten versuche, zeitgenössische performance und medienkunst, elektronische, pop- und  das, was einmal undergroundmusik hieß, zusammen zu spannen oder zumindest zeitgleich unter einem programmatisch-kuratorischen motto zu präsentieren. 2005 wurde dieses vollkommen neue donaufestivalformat unter der ägide und finanziert von der niederösterreichischen övp- landesregierung mit dem titel „ausweitung der kampfzone" überaus erfolgreich erprobt und präsentierte - häufig erstmals in österreich - gruppen wie nico and the navigators oder gob squad, im jahr darauf auch die big art group aus new york oder das la carniceria teatro von rodrigo garcia, andrew bartenev, die in wien etablierten superamas und heuer toxic dreams, und immer wieder gerne auch showcase beat le mot. musikalisch wurde das festival 2005 eingeläutet mit den chicks on speed und alec empire; im letzten jahr kuratierte mike patton von faith no more die eröffnungstage; dieses jahr übernahmen david tibet und throbbing gristle die kuratierung einzelner tage. [2]

dieses jahr nun: „unprotected game s". und jenseits einer kritik oder auch nur beschreibung einzelner acts sollten hier das oben kolportierte möglichkeitsfeld einer konzentrierten ästhetischen oder (kultur-)politischen relevanz untersucht, kollisionen aus und von „performance" oder „theater", „diskurs" und „konzert" und ihre medialen differenzen und überlagerungen aufgesucht und wechselseitige potenzierungen überprüft werden. was aber auftrat, war - nicht unbedingt im singulären - aber doch im eindruck einer art gesamtschau, quasi gestalthaft, ein vollständig ideologisiertes geschehen, das vor dem hintergrund seiner programmatisch-neoexpressionistischen sprachpolitik jegliche  - ja, emanzipation - durchstreicht und sich noch der konservativsten politik gerade durch proklamierte überschreitung anschmiegt.

der vorgang ist weniger künstlerisch als kunststrategisch von bedeutung. entwickelt und „performt" wird ein festivalformat, das in seiner zusammensetzung der genres und der beteiligten sicher einzigartig ist; auch und v.a. durch seine teils von künstlern kuratierten, teils über auftragsarbeiten programmierten raren, produktiven und gut dotierten konstellationen von menschen, praktiken, zeitschichten und kräften. [3] dieser versuch eines in sich verdichteten, über unterschiedlichste arbeitskonstellationen der produzierenden geschichteten und auf zwei wochenenden konzentrierten formats setzt sich zunächst vielversprechend ab vom irgendwie thematisch zuammengehaltenen best-of-show-off anderer festivals; proklamiert und programmiert werden interesse, haltung und untersuchungsgegenstand, in diesem jahr mit dem schwerpunkt einer art rückblick auf geschichte und protagonisten der dark side of pop. im programmheft wird denn auch nicht gespart mit „höchstgradig politisch aufgeladenem" usw.

„unprotected game s" also sollten stattfinden, ganz in der tradition jenes „9/11 der popkultur", die laut vorwort im jahr 1942 durch bumm bumm bambis getötetes muttertier ihre unschuld verloren habe. und fortan sind „wir" eingespannt, vielmehr vom vorwort hineingeschrieben, in ein phantasmatisches wir, in einen unschuldsvoll delirierenden schuldzusammenhang von keinen tätern - oder auch ganz umgekehrt - aber auf jeden fall irgendwie aufgerufen zur mittäterschaft in sachen suche nach dem echten oder ganz anderen leben, das, versprochen!, von den versammelten protagonisten aus geschichte und gegenwart der (pop)kultur - genau: veranschaulicht und bisweilen auch verkörpert werden soll.

das „verwirrspiel" oder die „gratwanderung" zwischen realem und virtuellen, die präsentation von technologischem und medialem state of the art oder auch das ganz ohne anspruch auf veränderung formulierte spiel mit den regeln scheitert nicht in seinen einzelereignissen oder acts oder anekdoten, es scheitert an einem unpräzisen oder konventionellen gesamtsetting (theater im stadtsaal sound in der halle anspruchsvolles in der minoritenkirche, bisschen interaktives im parkhotel und in der lounge und ein ausfall in den stadtraum bei blast theory), im verhältnis zu seiner ideologie („wir wir wir"). unprotected game s behauptet das spiel mit den regeln der gesellschaft und unterschlägt dabei, dass es doch die regeln der kunst als popkultur verhandelt, worin, plakativ gesagt, nichts ungeschützt ist - im gegenteil, und darin besteht womöglich ja auch der sinn der sache.

so wird das festival mit seinem appell ans freiwillige „freiwild" (a.k.a. zahlende besucher) zum fein abgegrenzten zoo mit kleinem freigehege, in dem dieses sich auch genauso bewegt: statt streicheltiere gibt es pain-station und zwischen den acts wird flaniert zwischen messehalle, stadtsaal und parkhotel auf der suche nach den löwen. popkulturkonsum verbal hochgepitched zum extremsport, bei dem allerdings die rezeption sich zeigt (ausnahmen gibt es) als kontemplativ-analytisches connaisseurstum (altersgruppe über 35) oder rastlose suche nach dem versprochenen schmerz: schönheit - gefahr! das ist eh ok, nur, in „unprotected game s" verhandelt werden sollen laut programmheft und programmatik mancher eingeladener immerhin doch gewalt, herrschaft und widerstand, ob als propaganda, künstlerische qualität, destruktion, verschwendung oder subversion; als kollektiv oder als star.

im situativen und diskursiven rahmen des festivals schlägt ästhetisch-habituelle aushandlung gesellschaftlicher und medialer gewaltverhältnisse und oder spielregeln allerdings um in ihre dethematisierung durch zwangsvergemeinschaftung im erhaben-wabernden diskurs, die sich doch nicht anders als individuell-konsumierend oder -urteilend artikulieren kann. „unprotected" als schweres zeichen im titel wirkte [4] dergestalt als sprachspiel und inszenierte als leitmotiv der wahrnehmung nicht eine befragung oder ein spiel mit regeln, sondern eine erstaunlich quantifizierendes abfragen des authentizitätsgrads der acts und die suche nach dem echten (schmerz, meinung, attitude), das von den künstlerinnen zu repräsentieren oder als exotisch-anderes womöglich auch erfolgreich zu leben ist. und das kennen wir schon, da trifft sich das 21. mit dem 19. jahrhundert und die festivalinszenierung mit der politik.

interessant bleibt, praktisch gesehen, was ein derartig verdichtet, genre-versammelnd und „gestalthaft" auftretendes festivalformat für die jeweilige künstlerische praxis eröffnet oder verstellt - und wie darin eine logik des zusammenhangs entstehen könnte, der die real existierende dialektik von zwangsvergemeinschaftung und -verbesonderung tatsächlich - ja, attackiert.

für nächstes jahr sind jedenfalls zukunft und gegenwart bereits angekündigt!


fussnoten:

[1] C.S., (aus tba, nullnummer 2006, festivalbeilage)

[2] vgl. www.donaufestival.at

[3] vgl. im einzelnen genauer dazu die website, besonders david tibet projekt, throbbing gristle, jamie lidell/workshop, zeitkratzer oder zur information die godcasts von eSeL und gepard.

[4] wenn es überhaupt wahrgenommen wurde; viele der besucher rezipieren das programm auch als angebot, die theatergruppe oder die band zu sehen, die wien so oder sonst nicht bietet. und das ist auch tatsächlich eine der qualitäten des festivals, nicht zuletzt auf der ebene der soundqualitäten.


(14.5.2007)