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Doubles und ihre Körper |
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Wir haben uns sehr über unser zahlreich erschienenes Publikum bei der Präsentation in den Tanzquartier Wien / Studios am Donnerstag, 27. Januar 2011 gefreut!
Eine corpusInstallation, in der Sabina Holzer, Janez Jansa, Maja Murnik, Helmut Ploebst und Martina Ruhsam alle corpusTexte auf Slowenisch, Deutsch und Englisch lasen. DJ: David Ender; VJ: Jack Hauser

maska corpus: Doubles and Their Bodies Volume XXV, Nummer 135-136 Mit Texten von Krassimira Kruschkova, Boyan Manchev, Rabih Mroué, Helmut Ploebst und Marcus Steinweg In englischer und slowenischer Sprache
„Menschen haben keine Körper, sie sind Körper. Die fiktiven Dichotomien Leib-Seele und Körper-Geist beruhen auf Jahrtausende alten sakralen und profanen Herrschaftsideologien, die sämtlich auf Monopole des Körperdiskurses abziel(t)en und im Zuge dieser Bestrebungen Körper-Doubles erfunden haben. Diese Doubles wurden erfolgreich mit Ideologemen versetzt, die dazu dien(t)en, das Selbstverständnis des Körpers-als-Mensch (Seinskörper) zu demontieren und es disziplinierenden Konzepten zu unterwerfen.
Dem sterblichen Körper muß(te) der Eigenwert geraubt werden, um ihn als einzelnen oder im Kollektiv zur Durchsetzung von Machtbestrebungen mißbrauchen zu können. Die geraubten und versetzten Doubles, projiziert auf den Seinskörper, bild(et)en diskursive Hüllen, die ihn zum Verschwinden brachten. So konnten legistische Systeme entstehen, die den Körper als Instrument für Kriege und kapitalistische Ausbeutung zurichteten, die ihn zum Abschuß und zur Versklavung freigaben, die ,hoch-‘ und ,minderwertige‘ Körper erfanden, ihn auf seine Werkzeugfunktionen reduzierten, ihn als ,Hülle‘ (für die ,Seele‘ oder den „Geist‘) verächtlich machten. Diese sakralen und profanen Herrschaftsideologien und ihre legistischen Wahnsinnskonstrukte werden ,Kulturen‘ genannt.
Jeder oppositionelle Diskurs muß, um überhaupt in die kulturellen Kommunikationsfelder von ,Kulturen‘ eindringen zu können, abermals Doubles konzipieren, die zum Teil mit jenen der archaischen Herrschaftsdoubles verschmelzen. Es ist sinnlos, sich auf die Suche nach dem vorkulturellen Seinskörper zu machen, in Rückwärtsgewandtheit nach einem ,ursprünglichen‘ oder ,authentischen‘ Körper zu suchen. Denn ein solcher Körper existiert nicht. Sehr wohl hingegen kann der kulturelle Körper der Gegenwart, dieses Double, untersucht werden, um es zu erodieren, die ,Hülle‘ aufzureißen und etwas darunter Liegendes sichtbar zu machen.
Der allererste Themenschwerpunkt auf corpus, ,Der verstellte Körper‘ (2006), zielte bereits mitten in diese politischen Problematiken. Als das slowenische Magazin maska uns zur Kollaboration einlud, wurde Martina Ruhsam – sie ist Mitglied des corpusKollektivs – mit der Aufgabe betraut, in den ,Magazinen‘ von corpus nach geeigneten Texten zur Republikation in einem Printmedium zu forschen. Ohne inhaltliche Vorgaben oder Direktiven. Fünf Essays aus unterschiedlichen Zusammenhängen wurden so frei ausgewählt und nach ihren gemeinsamen Mustern untersucht. Erstaunlicherweise ergab die Analyse der inneren Zusammenhänge dieser Texte einen neuen körperdiskursiven gemeinsamen Nenner, den Ruhsam in ihrem Vorwort in dem neuen maska-Heft präzise beschreibt. Das corpusKollektiv hat Ruhsams Auswahl ohne Ausnahme unterstützt.“ (Helmut Ploebst)
Unter den AutorInnen dieser gemeinsamen Ausgabe von maska und corpus befinden sich zwei der avanciertesten Philosophen der gegenwärtigen jungen Generation: Boyan Manchev und Marcus Steinweg. Beide haben viel Erfahrung in der Kooperation mit Kunstschaffenden aus dem zeitgenössischen Tanz und Repräsentanten eines neuen, „riskanten“ Denkens. Die Wiener Tanztheoretikerin und Tanzquartier-Theoriekuratorin Krassimira Kruschkova ist mit Manchev durch ihre gemeinsame Herkunft aus Bulgarien ebenso verbunden wie durch konkrete Verwandtschaften in der Auffassung der Verhältnissen zwischen Kunst und Gesellschaft. Der libanesische Künstler Rabih Mroué hat naheliegend guten Grund, den politischen Diskurs in genau dieser Verhältnislage zu verschärfen. Und Helmut Ploebst, der mit Steinweg eine „westliche“ Provenienz vertritt, beschäftigt sich seit Jahren mit körperpolitischen Problemstellungen in Relation zum zeitgenössischen Tanz.
So ergibt sich ein transkultureller Kontext zwischen dem „Süden“, dem „Osten“ und dem „Westen“, ohne dass dieser vorsätzlich bemüht werden musste. Die Reflexion von Kunst und Gesellschaftlichkeit gleich welcher Herkunft betrifft uns alle, gleich welcher Herkunft. Wir wissen, dass alle Ursprungszusammenhänge so wichtig sind wie die Migrationen und Übertragungen in neue, andere Zusammenhänge. Da wir aus unseren Forschungen (zuletzt in dem corpusBuch „Versehen. Tanz in allen Medien“, München: epodium 2011, herausgegeben von Helmut Ploebst und Nicole Haitzinger) lesen, dass es Territorialitäten in der Kunst ebenso gibt wie auf der Ebene der Geopolitik, mit – was zuweilen überrascht – durchaus ähnlichen Erscheinungsbildern, befassen wir uns offensiv mit diesen einander oft überlappenden Diskursfeldern.
Was maska und corpus neben einem gemeinsamen Interesse an performativen Künsten und ihrer Diskursivierung miteinander verbindet, ist der Wille, den aktuellen nekrophilen Strömen destruktiver Gesellschaftsorganisation gleich welcher ideologischer Basis eine oppositionelle Zukunftshaltigkeit einzuschreiben. Und dazu das Bewusstsein, dass die Diskursenergien aus künstlerischer Produktion und deren Reflexion bereits seit längerer Zeit untrennbar miteinander verbunden sind, bei aller kritischer Haltung gegenüber den aus dieser Energie resultierenden Praktiken. (corpusRedaktion)
(23.1.2011)
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