DV8: Can we talk about this?

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TRANSAKTUALITÄT #2: KRISE DES WESTENS



Kennzeichen einer „Strömung“ (im Unterschied zum kurzlebigeren „Trend“) in den Bereichen von Politik, Wissenschaft oder Kunst ist die Bündelung von Diskursen über eine Konstellation von Schlüsselbegriffen. So eine Strömung verwandelt sich dann in einen „Mainstream“, wenn diese Konstellation zum dominanten Regelwerk innerhalb eines bestimmten Kontexts wird. Sobald ein solcher Mainstream sich über eine Struktur von Geboten und Verboten derart verfestigt, dass Devianzen reflexartig sanktioniert werden, wird er zur ausschließenden Ideologie.

Die britische Company DV8 Physical Theatre hat mit Can we talk about this? ein Stück produziert, in dem sie sich gegen Verfestigung und Ausschlussoperationen wendet. Und zwar auch als Diskursangebot an jenen Teil der Liberalen und Linken, der auf seinem rechten Auge blind zu bleiben beharrt, das Vorhandensein desselben bis zum Letzten leugnet und es zustande gebracht hat, ihre gesamte Gegengewichtsposition gegenüber dem Neoliberalismus und gefährlichen, rechten Mainstreams [1] einzubüßen.

In Can we talk about this? wird dementsprechend ein funktionales Defizit der Linken, der Liberalen, der Demokraten angesprochen, und das ist die Ausblendung aller Faktoren, die das eigene Mainstreaming überfordern. Dieses Defizit verhindert unter anderem eine aktive Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass auch lokal minoritäre, unterdrückte Gruppen „asymmetrisch“ sein können, das heißt, Opfer eines ausschließenden Systems und zugleich Träger respektive Multiplikatoren von reaktionären Ideologien.

In das rechtsextreme politische Spektrum passt unter vielem Anderen aktuell das Faktum nicht, dass etwa bekennende Muslime genauso frei denkende und empfindende, demokratiefördernde Mitglieder einer offenen Gesellschaft sein können wie Anhänger jeder anderen Religion. [2] Ganz klar, weil jeder nationalistisch-puristischen Rechten eine freie, pluralistische Gesellschaft prinzipiell ein Dorn im Auge ist. Eine wirksame Opposition dagegen wird sich vor allem mit neuen Kommunikationsstrategien realisieren lassen, die die Linke nur entwickeln könnte, wenn sie sich vereinigt und ihrer eigenen Vielfalt gegenüber Toleranz entwickelt.

Kommunikation mit Gleichwertigen

DV8 und sein künstlerischer Leiter Lloyd Newson haben sich schon einmal aus der alten Schule der vereinfachenden Selbstversicherung verabschiedet. Zugleich beeinspruchen sie auch eine andere, jüngere Schule, die sich jeglichen konkret politischen Statements gegenüber ablehnend verhält, weil sie meint, sich dadurch zum Teil des zu opponierenden Systems zu machen. Dieser Teil der postmodernen Strömung hat das Problem, dass sie sich durch ihre Stimmenthaltung zur indirekten Stütze des rechten Mainstreams macht.

Can we talk about this? ist nicht ein Plädoyer dafür, unverhandelbare Positionen gegenüber der Rechten wieder aufzudröseln, sondern der Entwurf für eine differenzierte politische Auseinandersetzung, die Nationalisten sowie Rassisten den Wind aus so manchem Segel nehmen kann. Einige Beispiele aus dem Stück: Es war nicht richtig, sich gegenüber der Verfolgung von Salman Rushdie indifferent zu verhalten, oder gar zu denken, dass Theo van Gogh selbst Schuld an seiner Ermordung hatte, oder Ayaan Hirsi Ali ihre Kritik an Teilen des Islam zum Vorwurf zu machen und sie ins diskursive Out abzuschieben.

Toleranz kann vor den eigenen Reihen nicht halt machen, und ideologischer Totalitarismus ist nirgends zu tolerieren, auch nicht in den Reihen von Unterdrückten. Das bedeutet nicht, dass von der unbedingten Notwendigkeit abgelassen werden soll, der Abschiebepolitik und Fremdenfeindlichkeit, allen Arten von Rassismus, Misogynie und Homophobie und was sonst noch im politischen Verbrechenskatalog der Rechten steht, die Stirn zu bieten. Im Gegenteil. Es bedeutet, die Opposition dagegen zu erweitern, zu differenzieren und zu radikalisieren. Es bedeutet auch – und so habe ich das Stück von DV8 gelesen –, mit Minoritäten als komplexen politischen Konfigurationen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Sie also nicht nur über einen letztlich diskriminierenden Opferdiskurs wahrzunehmen, sondern endlich als vollwertige Mitgliedschaften in der Gesellschaft zu verstehen.

In einer heute postdemokratischen Gesellschaft allerdings, die zwar für die Prinzipien der Meinungs- und Pressefreiheit einzutreten vorgibt, diese Prinzipien aber – wie auch corpus zu spüren bekommt – selbst immer wieder torpediert. Ebenso wie die Menschenrechte, die auch in den Demokratien des Westens immer wieder missachtet werden.

Anschlag auf ein Satiremagazin

Der Brandanschlag auf das linke französische Satiremagazin Charlie Hebdo in der Nacht auf den 2. November 2011 muss, obwohl zahlreiche Indizien darauf hinweisen, nicht von gewaltbereiten Verteidigern der Ehre des Islam ausgeübt worden sein. Vielleicht soll die bisher unaufgeklärte Tat ja auch nur Muslimen in die Schuhe geschoben werden. In jedem Fall hatte die Redaktion im Sinn der publizistischen Freiheit das Recht, ihre Beilage zum Ausgang der tunesischen Wahlen mit dem Titel „Charia Hebdo“ zu publizieren, wie auch 2005 die konservative dänische Jyllands-Posten ihre Mohammed-Karikaturen im Sinn der Pressefreiheit ganz legitim veröffentlicht hat.

Wer auch immer die Redaktionsräume von Charlie Hebdo zerstört hat, das Stück von DV8 gewinnt durch dieses Verbrechen an Brisanz. Von ganz unterschiedlichen politischen Seiten wird im Westen unter fadenscheinigen Vorwänden seit Jahren an der direkten oder indirekten Beschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit gearbeitet. Und die Europäische Union war bisher nicht imstande, klare und wirksame Direktiven gegen die Zensur etwa in Italien und Ungarn zu setzen.

DV8 hat durchaus Recht damit, sich auf jene poltischen Tendenzen im Feld der islamischen Glaubensgemeinschaft zu konzentrieren, die sich gewaltsam gegen das Recht auf Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit wenden. Aber diese Thematisierung lenkt gerade dazu hin, sich den Blüten der Verbotssehnsucht in den westlichen Postdemokratien zuzuwenden. Wenn, wie aktuell in einem Artikel der Wiener Stadtzeitung Falter dargestellt, nicht mehr unterschieden wird zwischen der Darstellung des nackten Körpers eines Kindes und einem kinderpornografischen Bild, dann bedeutet das erst einmal eine ideologische Verfestigung im eingangs genannten Sinn. Das generelle Verbot der Publikation eines Bildes, das einen nackten Kinderkörper zeigt, wie von der australischen Organisation Bravehearts gefordert, ist dann bereits definitiv Zensur.

Dass der Falter die Diskussion an Egon Schieles Mädchenbildern aufzäumt, ist interessant. Tatsächlich kann ein historisches Kunstwerk als kulturelle Archivalie angesehen werden oder als kontextlose Vergegenwärtigung. Als solche wurde dann auch eines dieser Bilder groß ins Blatt gestellt – mit einem schwarzen Balken über dem bloßen Genital. Das bedeutet, dass ein publizistisches Medium (die Zeitung) ein dokumentarisches Medium (das Foto von Schieles Original) und damit mittelbar ein künstlerisches Medium (das Bild selbst) exemplarisch zensiert.

Industrieller und ideologischer Missbrauch

Leider lässt der Text eine Auseinandersetzung mit der historischen und immer noch ausgeübten Stigmatisierung des menschlichen Körpers vor allem in seiner Sexualität durch christlich fundamentalistische Ideologien aus. Und damit auch deren brutale Herrschaftsansprüche über die Definition dieses Körpers, die das Sexuelle tabuisiert und die Gewalt am Körper zur Konfektionsware der Unterhaltungsindustrie macht. Denn sobald ein Kind über Spielzeug bis hin zu Computergames mit dieser Gewaltverherrlichung in Berührung kommt, wird es medial und industriell vergewaltigt. Sobald es mit der perversen christlichen Sexualmoral in Berührung kommt, wird es ideologisch (oder wie die entsprechende Missbrauchsgeschichte in den christlichen Kirchen zeigt, ganz real) vergewaltigt.

Keine Frage: Sexuelle Vergewaltigung im Allgemeinen und Kinderpornografie in ihrer Herstellung und Konsumtion im Besonderen gehören zu den schlimmsten denkbaren Verbrechen. Die künstlerische und dokumentarische Darstellung von nackten Körpern, auch kindlichen, ist aber davon so prinzipiell wie scharf zu unterscheiden. Im Kampf gegen spekulative Ausbeutung des sexuellen Mißbrauchs von Körpern braucht es deswegen besondere Methoden der Differenzierung.

Was den Muslimen das Bilderverbot des Propheten ist, scheint nun das bereits reale Bilderverbot des Kinderkörpers im christlichen wie weltlichen Westen zu werden. Hoch an der Zeit also, dass sich der letztere verstärkt mit seiner kulturellen Krise auseinandersetzt, die in Can we talk about this? von DV8 ganz konkret angesprochen wird. (ploe)


Fußnoten:
[1] Mit so hässlichen, konkret politischen Konsequenzen wie dem Berlusconismus in Italien oder dem Orbánismus in Ungarn.
[2] Systemisch-ethisch gedacht, sind die reaktionären Ideologeme von Muslimen sogar demokratiefördernd, weil sie Perspektiven „von außen“ liefern, die den bigotten, postkolonialen und pseudoliberalen Westen auf eine Art herausfordern, die mehr Diskursarbeit erfordert als die stereotyp geführte Opposition gegen die „eigenen“ Reaktionäre in Form der klassischen westlichen Rechten.


(Aufführung vom 21. 10. 2011 im Tanzquartier Wien; Text 11./12. 11. 2011)