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FRAKCIJA #55: "CURATING PERFORMING ARTS"
von fshuu tchak zuiin
ein kluges heft haben die herausgeberInnen der zagreber zeitschrift frakcija im dezember 2010 produziert. es steht unter dem titel curating performing arts – about programmers and curators. schlüsselfiguren aus der szene der kunstschaffenden und kunstpräsentierenden aus theater, choreografie und bildender kunst haben dafür texte verfasst und statements abgegeben. das ist eine im bereich zeitgenössischer tanz und progressivem theater längst fällig gewesene publizistische initiative, die in einer komplexen materie navigieren muss. denn kunst ist in der gegenwart neoliberaler realitätskonstruktion nur dann existent, wenn sie sich in eine kommunikationsdynamik einschreibt, in der das kunstwerk nicht weniger, aber auch nicht mehr als eine initiierende funktion hat.
die wirkungen von kunstwerken lassen sich in diesem serviceorientierten system am besten an den peripherien dieser dynamik ablesen, dort, wo sich das von der „kulturpolitik“ ins abseits regierte kunstfeld mit dem politischen feld reibt. an den äußersten rändern der kunstkommunikation, wo es entweder knirscht und kracht oder bestens geölt, hochkompatibel schnurrt und schmatzt, ereignet sich die vergesellschaftung der systemischen alterität, die wir kunst nennen, im verhältnis zu allen anderen kommunikationsfeldern.
die im heftinneren weiter ausdifferenzierte unterscheidung zwischen „programmers“ und „curators“ im untertitel ist im prinzip freundlich gemeint. frakcija beschränkt sich auf einen inneren zirkel von kunstpräsentierenden in der darstellenden kunst, auf jene player auf dem markt, die sich mit unterschiedlichen strategien vor allem um kunst und künstlerInnen und nicht primär um das prestige ihrer öffentlich oder privat finanzierten kulturunternehmen sorgen.
es ist ein schlachtfeld
aus gutem grund. denn wer annimmt, dass sich der diskurs über die verhältnisse innerhalb des kunstfeldes einfach abbilden lassen, lebt in einer traumwelt. also ist die eingrenzung, für die sich die herausgeberInnen der kuratierungs-ausgabe von frakcija (das sind florian malzacher, ko-kurator des steirischen herbst, und die künstlerinnen tea tupajic und petra zanki) entschieden haben, nützlich, weil so das eigentliche konfliktpotenzial im thema überschaubar gehalten werden kann. andererseits wurde aber auf beiträge von theater- oder tanzkritikerInnen verzichtet, die ja zu institutionen und kunstschaffenden äquidistanz halten sollen und daher andere perspektiven hätten entwickeln können als die doch eher aufeinander angewiesenen partner programmgestalter-, künstler- und theoretikerInnen.
wie in dem heft anklingt, lässt sich das kunstfeld sehr gut als konfliktfeld darstellen. in wirklichkeit ist es allerdings vielmehr ein schlachtfeld, in dem veranstalter wie künstler von ihren subventionsgebern oder sponsoren unter druck gesetzt, bedroht und gegängelt werden. in dem derselbe machtmissbrauch stattfindet wie nicht selten auch unter künstlerInnen in den hierarchieorientierten formen der darstellenden kunst. auf diesem schlachtfeld führen inkompetente jurien, arrogante programmgestalter und mediokre künstler mit ignoranten beamten und desinteressierten politikern einen gespenstischen kampf gegen die weiterentwicklung der zeitgenössischen kunst.
gingen die 68-er gegen das autoritäre regime der post-war-bourgeoisie auf die barrikaden, so sind ist heute das in den eighties formierte establishment, in dem sich die politische rechte und eine gewendete linke einen wettbewerb darüber liefern, wer die bessere form des neoliberalismus zu praktizieren instande ist. der „kommende aufstand“ gegen dieses system formiert sich seit jahren. in einem solchen politischen kontext macht die ständige gefahr des umkippens des kunstfeldes in ein service, das alle geschmäcker gleichermaßen affirmativ bedient, den umgang mit kunst so spannend, wild und großartig. die herausforderung gilt für die gesamtpopulation dieses sozialen feldes und gerade auch für jene bewohnerInnen, die mit den reizen einer boboistischen existenz flirten.
die verlagerung der kunst
wie kunst in einer post-demokratischen gegenwart davor bewahrt werden kann, zu einer „post-kunst“ zu werden, ist eine frage, die uns im kultursektor in den kommenden jahren so beschäftigen wird wie der klimawandel im politiksektor. selbstverständlich muss im gesamten kommunikationsfeld kunst radikal und prinzipiell umgedacht werden, wie das mårten spångberg am deutlichsten formuliert, und frakcija richtet diesen appell an jene, die die produktion und veröffentlichung von unangepasster kunst möglich machen und moderieren.
es gibt einen wichtigen grund dafür, dass dies nicht schon früher geschehen ist: die nicht unberechtigte befürchtung, dass den vermittlern zu viel aufmerksamkeit auf kosten der kunstschaffenden zukommen könnte. die beiträge im frakcija-heft führen diese diskussion aus unterschiedlichen blickwinkeln vor und sie balancieren relativ exakt auf dem grat einer übergangssituation. noch einmal führt florian malzacher den staus quo und seine implikationen vor, schlagen elke van campenhout und christine peters strategien in die zukunft vor, die sich an heutigen bedingungen orientieren.
aber die kunst hat sich bereits verlagert, und viele künstlerInnen üben ihre praxis bereits an dieser verlagerung. die zukunftsorientierten präsentierenden und diskursbildenden institutionen werden daher ihre strukturen anpassen und dieser entformung der kunst rechnung zu tragen haben. die wenigen sich mit dieser funktion identifizierenden theater, festivals und medien werden mit neuen kunstdefinitionen operieren müssen und die interdependenz von performance und afformance komplizenhaft begleiten und mit anstiften. künstlerInnen, die sich zähneknirschend an den neoliberalen professionalisierungszwang angepasst haben, sehen heute neue möglichkeiten, die sich mit der protestkultur der gegenwart aufmachen. sie müssen ermutigt werden, diese möglichkeiten auch wahrzunehmen. pointiert gesagt: die modelle janez jansa und voina werden die modelle ultima vez oder superamas nicht ablösen, aber sie fordern sie heraus, ihre bisherige identität preiszugeben.
umkehr der künstlerischen praxis
all das ist in dem großen diskursvorschlag von frakcija vorhanden, und nicht durchgehend nur zwischen den zeilen. großartig die fotoserie „empty stages“ von tim etchells und hugo glendinning: menschenleere performance spaces, die nicht verlassen sind, sondern im augenblick eines übergangs verharren, die gequattet werden wollen und wie konspirative räume und container der ermächtigung erscheinen.
es zeichnet sich eine umkehr in der künstlerischen praxis ab. war es bisher gängige übung, dass der „alltag“ in die geschützten kunsträume induziert wurde, so zieht nun die protestkultur in ihrer performance die kunst wie letzthin in stuttgart schritt für schritt aus ihren bunkern. und das nicht in form von popeligem straßentheater und domestizierter „kunst im öffentlichen raum“. wie das zu kuratieren ist, und wie die rollen von kunstinstitutionen in dieser – oder einer ähnlichen – neuen situation sein werden, das hängt von der selbstdefinition jener, die kunst ermöglichen wollen, ab.
dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, ist aus den beiträgen von frakcija unisono abzulesen. vor allem spångberg geht noch einen schritt weiter und fordert definitiv alle am kunstprozess beteiligten heraus, in die zukunft, wie sie sich heute abzeichnet, aktiv hinein zu arbeiten und lieb gewordene gewissheiten und das sich arrangieren mit der neoliberalen unterdrückungspragmatik aufzugeben.
ende des bittsteller-status
künstlerInnen und kuratorInnen sitzen auf der ebene, die hier diskutiert wird, in einem boot. eine diskussion über kuratorische politik kann ohne kontextualisierung mit den jeweiligen kulturpolitischen und gesellschaftlichen bedingungen nur im kreis laufen. zur zeit sind viele veranstalterInnen vor allem mit dem zwang zur auslastungsquote und ähnlichen formalen ansprüchen der „kulturpolitik“ beschäftigt, und dieser druck gestaltet programme mit. die künstlerInnen erfahren dabei ähnliches, wenn sie etwa erleben, dass mit ihren anträgen und abrechnungen immer bürokratischer verfahren wird, dass es keine sozialpolitik für sie gibt und dass die sich im konkurs befindliche „kulturpolitik“ sie mit zunehmendem zynismus als bittsteller abkanzelt.
viele künstlerInnen werden überdies durch die diskursmaschine, die ihnen oft überzogene korrektheit und antiquierte artiquette abverlangt, ebenso unterdrückt wie durch die neoliberalen beziehungsweise konservativen populismusmaschinen der repräsentationskunstverwaltungen der öffentlichen hand oder mancher sponsoren.
die aufgaben der kuratierenden und jurien im progressiven zeitgenössischen feld sind daher klar: sie müssen so politisch sein wie nie zuvor und entscheiden können, was jenseits der artiquette zukunftsorientierte kunst ist. sie müssen den künstlerInnen faire produktions- und präsentationsbedingungen schaffen und lernen, dass veröffentlichung und vermittlung keinen gegensatz zur förderung der kunstschaffenden darstellen. und sie tragen eine große verantwortung in der selektion hinsichtlich der relevanz der arbeiten, die sie veröffentlichen und deren veröffentlichung sie kommunizieren: das publikum findet das unangepasste immer noch am stärksten – auch und gerade, wenn es sich dagegen stellt.
was das frakcija-heft schlussendlich auch vermittelt, ist, dass es eine ausgesprochene freundschaft zwischen den kunstschaffenden und ihren vermittlern gibt, dass diese freundschaft harte gegenseitige kritik aushalten muss und dass diese gegenseitige kritik und die entsprechenden differenzen nur dazu da sein können, kunst in gesellschaften wirken zu lassen, die derzeit in echten schwierigkeiten sind. was sie dort anrichtet, das sollte niemand vorab kontrollieren wollen.
bonus: tanzplan essen veranstaltet im pact zollverein vom 28.-30. januar ihre explorationen 11 unter dem titel „beyond curating – strategies of knowledge transfer in dance, performance and visual arts“. bei koenig books hat kitty scott gerade das buch raising frankenstein: curatorial education and its discontents publiziert. und im aktuellen kunstmagazin mousse formuliert dieter roelstraete in der zweiten von „ten fundamental questions on curating“ die frage: „how about pleasure?“ na also!
(7.1.2011)
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