Ein begehrlicher Energiestau |
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URAUFGEFÜHRT IM TANZQUARTIER WIEN: PAUL WENNINGERS "SEHNEN"
Von Astrid Peterle
In letzter Zeit kamen StammbesucherInnen des Tanzquartier Wien öfters in den Genuss von Ohropax. Auffällig ist dabei, dass auf den vor dem Eingang zum Saal verteilten Hörschutz meist eine Performance von mehreren Körpern folgte, die sich in losen Gruppenverbänden nahezu autistisch bewegten und untereinander keinen Kontakt hatten. So schien es zu Beginn auch in der Uraufführung des jüngsten Stücks des Wiener Choreographen Paul Wenninger. Sehnen baut auf Wenningers charakteristischer, minimalistisch-kraftvoller Bewegungssprache auf.
Das Setting (Leo Schatzl), das von zwei gegenüberliegenden ZuschauerInnen-Tribünen eingefasst wird, bietet den vier TänzerInnen (Adriana Cubides, Raúl Maia, Rotraud Kern und Paul Wenninger) eine kühle Bühne: Der Bewegungsraum ist auf ein durch eine gleißende Scheinwerferskulptur erhelltes weißes Rechteck beschränkt, über das mitunter projizierte Bildstörungen flimmern. Passend zum fiebrigen Sound-Rauschen, das von Peter Jakober und der Violinistin Tiziana Bertonicini von einem Tisch aus jenseits des Rechtecks produziert wird, scheinen die TänzerInnen in diesem digitalen Raum gefangen, auf sich und ihr Sehnen zurückgeworfen.
In diesem Teil der stringent durchkomponierten Choreographie steht der Titelbegriff Sehnen in seiner anatomischen Bedeutung im Vordergrund. Die zunächst kleinen, durch den Körper laufenden Bewegungen erwecken den Eindruck, dass die ProtagonistInnen sich in einem elektrisch aufgeladenen Spannungsfeld befinden und nicht entkommen können. Zwischen Bewegungsimpulsen und Ruhepausen bleiben die TänzerInnen trotz des Anscheins der Introspektion Hüllen aus Haut, Muskeln, Sehnen und Knochen, die für die BetrachterInnen und ihre MitakteurInnen zunächst keine Emotionen erkennen lassen.
Protect me from
Doch gerade so wie Sehnen als Verbindungselemente funktionieren, entsteht in der zweiten Phase der Choreographie ein Konnex zwischen den TänzerInnen. Abrupt nehmen sie den anderen physisch in Beschlag, sodass für die BeobachterIn nicht mehr ersichtlich ist, ob es sich um Umarmung oder Würgen handelt. Hier wird aus einem enormen Energiestau, der sich durch Sehnen und Begehren gesammelt hat, agiert, ohne dass aber Leidenschaft im erquicklichen Sinne involviert wäre.
Höhepunkt des Bewegung-gewordenen-Sehnens und körperlichen Vereinnahmens ist ein Duett von Cubides und Maia, in dem das Ringen um den/die Ersehnte in seiner zwischen Rohheit und Hingabe schwankenden Intensität besonders eindrücklich erscheint. Gegen Ende hin werden die AkteurInnen nahezu resignativ und erscheinen wieder mit ihrem eigenen Sehnen – im doppelten Sinne des Wortes – alleine. Einmal noch versucht Rotraud Kern aus dem alles überdeckenden Flirren der Musik auszubrechen, doch ihr Monolog bleibt von sämtlichen Anwesenden im Raum ungehört. Lediglich das warme Licht und die Ruhe ganz am Schluss der Performance spenden Trost.
Paul Wenninger ist eine intensive Choreographie gelungen, die den Pathos außen vor lässt und das Sehnen von seiner harten, auszehrenden und dennoch lebensnotwendigen Seite zeigt. Wie formulierte es einmal die Konzeptkünstlerin Jenny Holzer in einer ihrer Text-Installationen: „Protect me from what I want.“
(22.12.2011)
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