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Ein großes Kasperltheater

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FRANK CASTORF LEUCHTET MIT CÉLINES "NORDEN" BEI DEN WIENER FESTWOCHEN

Von Judith Helmer

Bruchstückhafte Berichte, große Sprünge im Erzählen einer kaum erkennbaren Handlung und Louis-Ferdinand Célines Zorn, der wüst aus der Sprache seines Romans „Norden" schreit - das sind Zutaten einer perfekt erscheinenden literarischen Vorlage für eine von Frank Castorfs Adaptionen für das Theater.

Oder besser gesagt für sein Theater, denn das grandiose Ensemble der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist als auf Hochtouren laufender Motor die nötige Kraft, die aus Castorfs wilder Collage ein monolithisches Theaterereignis zu machen vermag. So geschehen bei der Premiere im Rahmen der Wiener Festwochen am 7. Juni im Museumsquartier.

Schreiduelle und Exodus 

Mit der Gewalt eines Felsblocks, der mit kräftiger Hand teils grob, teils auch feiner behauen wurde, ereignete sich Castorfs jüngste Arbeit gegenüber ihren ge- bis überforderten Zuschauern. Bei der zweiten Salve, die mit Maschinenpistolen direkt in Richtung Zuschauerraum gefeuert wurde, vollzog sich der große Exodus. Was sich in der ersten halben Stunde bis dahin auf der Bühne an Schreiduellen und Verwüstungen vollzogen hatte, reichte einem beträchtlichen Teil des Publikums. Schließlich konnte die höchst fragmentierte, nur vage erkennbare Handlung die Ausbrüche kaum erklären.

Castorf hat sich mit Céline direkt ins Zentrum der Katastrophe - den zweiten Weltkrieg - begeben. Nicht mit der Distanz des objektivierenden Historikers oder auf moralische Erklärungen zielend, sondern getragen von der Verwirrung, der Angst und den Überlebensstrategien der handelnden Personen, blickt Castorf auf das Grauen eines in sich zusammenbrechenden Systems.

Stirb an einem andern Tag

Die sechzehn Schauspieler und Musiker wechseln, oft beinahe unmerklich, durch die Personage des Kriegsspiels: polnische, russische und französische Kriegsgefangene, Dorfbewohner, SS-Leute und Kollaborateure. Auch die Figur des Dichters Céline selbst bildet keine Konstante, denn diese Rolle wird zwischen den Darstellern herumgeschupft wie ein Spielball. Konstant präsentes, aber dabei bewegbares Bühnenbildelement ist ein massiver Eisenbahnwaggon, der als Möbellager, Partyraum und Rückzugsort dient. Er steht einmal in Baden-Baden, dann in Berlin oder Zornhof.

Als Popzitat von Madonna und James Bond prangt „die another day“ auf den die Bühne umgebenen, raumhohen LKW-Planen, und erst an einem anderen Tag zu sterben, ist auch das vereinende Interesse der allzeit wütenden Menschen. Bedroht durch willkürliche Erschießungen oder großflächige Bombenagriffe, in Angst vor Vergewaltigung oder Mord bilden sie die Verkörperungen einer totalen Zerstörung.

Alle Register

Es braucht seine Zeit, um sich auf die für das Theater so ungewöhnliche Perspektive der Nahsicht (statt der des Überblicks), einzustellen. Um das Verstehenwollen von der Narration abzuwenden und der Emotion hinzugeben. Denn darin ist Castrof werktreu: Auch Céline stellte die Gefühle vor die Worte. So macht es dann auch nichts, dass die herausgeschrienen Wörter so unverständlich bleiben, dafür aber Emotion im Übermaß transportieren.

„Grandguignolade“ hat Castorf die Form seiner Adaption genannt - in Anlehnung an Célines zweibändiges Werk „Guignols Band“. „Kasperliaden“ also. Interessantes dazu weiß aber auch die Zeitschrift „Traduire“ zu berichten: Das Wort „Guignolade“ ging erst im Jahr 2000 in die französischen Wörterbücher ein. Es hat seinen Ursprung in einer Satiresendung des Fernsehsenders Canal +, „Les Guignols de l'info“, was soviel heißt wie „die Nachrichtenkasperln“. Und diese sprachliche Brücke in die Gegenwart unserer Mediengesellschaft ist sicher nicht gegen Castorfs Intentionen. Scheint er doch gerade die nonkonforme Haltung Célines, sich zum „Kriegsberichterkasperl“ zu machen, zu bewundern. Und macht ein kraftstrotzendes, alle Register ziehendes Kasperltheater, dass sich eindrucksvoll den Erklärungsschemata jeder kriegerischen Handlung schreiend und schießend entgegenstellt - ohne gesicherten Posten für das Publikum.

 

(08. 07. 2007)

http://www.festwochen.at