CORPUS Suche


Ein Hund in der Zielgruppe

Drucken

DAS "THEATER IM BAHNHOF" ERÖFFNET DIE FACTORY SEASON 2008 IM TANZQUARTIER WIEN

Von Helmut Ploebst


Das ist auch eine Erfassungsstrategie: die Einteilung von Menschen nach Generationen. Die 68er-„Generation“ beispielsweise oder die „Generation“ der „Menschen um die dreißig“. Die letztere zu portraitieren hat die Figur der Filmemacherin in dem Theaterstück „Nicht einmal Hundescheiße. Eine minimalistische Bürgerchoreografie“ der Grazer Gruppe Theater im Bahnhof vor. Das ist so absurd wie gängig - hat sich doch gerade „Die Zeit" gerade einmal ausführlich darüber Gedanken gemacht, was denn aus der „Generation Golf“ geworden sei. Am besten kommen solche „Untersuchungen“, wenn sie mit der Formel „Wie tickt...?“ (die heutige Jugend, der Deutsche oder „Promi“ Sowieso etc.) aufgemacht ist. Das klingt irgendwie salopp nach Zielgruppe und soll sagen: Wie bin ich? Oder: Wie sind die? Derlei Erfassung ist für die Definition von Zielgruppen von essentieller Bedeutung. Bist du nicht in einem Schrebergarten verortbar, kannst du nur auf der Straße gelandet sein. Und wer will das schon: auf der Straße landen, kein Ziel sein.

Gelungene Sprache 

Für die Aufführung zum Auftakt der factory season des Tanzquartier Wien halten sich die Spielerinnen des Theaters im Bahnhof in einem kleinen, niedrig umzäunten Grünfleckchen vor einem etwas zurückgesetzten Haus an der Wiedener Hauptstraße auf. Das Publikum sitzt gegenüber im Gebäude der Technischen Universität und schaut durch eine Fensterfront zu, was die vier Frauen machen. Die Fenster bleiben geschlossen, der Sound kommt vom Band, die Darstellerinnen bewegen sich aufnahmegemäß oder leicht verschoben im Verhältnis zu dem, was durch die Lautsprecher klingt. Draußen rauscht der Verkehr, eilen die Passanten, und das Theater spielt ganz nahe am Alltag. Viele der Vorbeigänger bemerken es nicht einmal. Die Zielgruppe des Stücks ist keine Generation und hat gut lachen. Denn vor ihren Augen verwandelt sich das Straßenbild in ein Theaterbild - durch eine einfache Setzung von Konzept und Regie (Helmut Köpping).

Die schöne Forderung nach dem Auszug des Theaters aus dem Theater(gebäude) ist hier so blendend erfüllt, daß das Agieren des Quartetts im ersten Moment empfindlich stört. Da betritt eine Frau den Grünflecken, und es ist sofort zu bemerken, daß sie schauspielert. Die Passanten tun das nicht und sind damit eingangs wesentlich interessanter für den Blick des Publikums als Pia Hierzegger, Gabriela Hiti, Eva Maria Hofer und Martina Zinner, deren Spiel-Funktionen entschieden kenntlich gemacht werden. Das Theater im Bahnhof versteht das Schreiben und Umsetzen von Dialogen. Seine Sprache klingt wunderbar authentisch im Zustand des Aufgenommenwordenseins. Das Problem des zeitgenössischen, sich auf Deutsch artikulierenden Sprechtheaters ist ja gerade die Sprache, die sich nicht mehr fügen will, weil sie entweder zerschrieben oder verspielt wird oder (sich) nicht entspricht.

Stützen der Zielgruppe 

Nichts von dem passiert in diesem Stück. Schon bald versöhnt sich auch das Auge mit der konstruierten Szene, und dann wird es unterhaltend. Drei Frauen äußern sich. Eine zum Mord als Notwendigkeit der Evolution, die zweite zum Verhältnis zwischen Trophäe und Kapitalismus und die dritte über Flugangst. Und mit allen dreien singt die fiktive Filmemacherin je ein schönes Lied, jedes eine kleine Hymne an die Konsequenzen von Überzeugungen. Da alle Zielgruppen, wenn herausgefordert, eine gewisses Spektrum an Überzeugungen anzubieten bereit sind, fühlt sich das Publikum auch angesprochen. Denn die eigene Überzeugung ist so lange eine Lebensstütze, bis sie verändert wird oder einer anderen weicht, was leicht geschehen kann. Doch die Veränderung ist nicht das Thema in „Nicht einmal Hundescheiße“, sondern der menschliche Typus, der durch die Formulierung einer Überzeugung geschaffen wird.

Der Titel dieser gelungenen Arbeit, die bereits in Graz und Berlin zu sehen war, zielt angeblich auf den Ort, den Flecken Grün. Aber in Wirklichkeit schießt er auf die Charaktere und darauf, was sie repräsentieren sollen. „Woher kommen wir, wer sind wir, warum schießen wir nicht aufeinander“, heißt es im Refrain des ersten Liedes. Geschossen wird auf die Verhärtungen, wie sie über die Pragmatik der individuellen Lebenspraxis in allen irgendwo entstehen. „Leider kannst du uns nicht in die Sonne fliegen, denn wir haben ein technisches Problem.“ Das ist der Refrain des dritten und letzten Liedes. Das technische Problem ist auf gut Wienerisch ein Hund. Und worin einmal der Hund ist, in den Überzeugungen zum Beispiel, dort wohnt die eine oder andere Absturzursache.

Mit lustvoller Virtuosität handhabt das Theater im Bahnhof die Metapher, übersteigert sie, bis sie Sprünge bekommt - das ist der Verweis auf das Theaterhafte in der Behauptung, die das Stück aufstellt. In diesen Sprüngen - Brüchen wie Sätzen - relativiert sich die inhaltliche Ideologie des Stücks: Die Gruppe will sich ja nicht blamieren und selbst als Überzeugungstäter entblößen. Daß dies gelingt und die Haltung hinter diesem liebevoll gebauten Spiel trotzdem klar lesbar bleibt, ist eines seiner schönsten Aspekte.


(2.5.2008)