Ein Kongress mit Kästchen

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Wien, 16. Juni 2010. Es regnet in Strömen. Wer vom Stadtzentrum zum Odeon-Theater will, überquert den Donaukanal und geht an einem schiefen Glaskasten vorbei, in dem der News-Verlag residiert. Das Wochenmagazin News gilt als eines der wildesten Boulevardmedien Österreichs. So etwa zweihundert Meter weiter, im Odeon, findet „Der Kongress“ statt. „Der Kongress“ ist das Symposion einer Initiative des Wiener Kulturstadtrats Andreas Mailath-Pokorny mit dem Titel „Wien denkt weiter“.

Zwanzig Minuten vor Beginn. An der Eingangtür zum Kongress steht „Eintritt verboten“. Die nette junge Frau am Empfangstisch sitzt im Dunkeln. Drinnen, im Saal des Theaters, läuft Austropop-Musik, eine Errungenschaft der Eighties und heute reine Folklore. Das Publikum tröpfelt ein. Man kennt einander. Die Sitzreihen füllen sich mit Prominenz aus dem Wiener Kulturleben. Zwei Hunderln folgen ihrem Frauerl. Sie werden in der Folge sehr brav sein, keine Häufchen machen und nie bellen. Der Rest des Publikums auch nicht.

Man befindet sich ausgerechnet in jenem Theater, das zu Beginn der Theaterreform des Stadtrats ab 2003 ein Zankapfel gewesen ist. Das Odeon wurde damals als im Dornröschenschlaf liegend angesehen und sollte mit einer neuen, zeitgemäßen Leitung wiedererweckt werden. Das ist nicht gelungen, und das Odeon blieb mit ein wenig Kosmetik aufgepolstert, was es seit zwanzig Jahren ist: ein Ort ohne die Aura von Vitalität. Warum lädt der Kulturstadtrat dahin ein? Das muss etwas mit dem zartschimmeligen Austropop und seiner Zentralfriedhofs-Romantik zu tun haben, die mit dem morbiden Charme des Odeon perfekt hamonieren.

Eine Moderation vom Boulevard

Mailath-Pokorny tritt auf und hält eine freundliche Begrüßungsansprache („es geht mir tatsächlich um den Diskurs“) und stellt die Moderatorin dieses Kulturpolitik-Symposions vor: Corinna Milborn. Sie ist die stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift News. Einem Medium, das kaum Platz für Kultur- und Kunstberichterstattung erübrigt und diese wenigen Seiten überwiegend der Event- und Societykultur widmet. Absolute Grotte also. Doch gerade Milborn sagt im Verlauf ihrer Moderationsarbeit unter dem Stichwort Vermittlung von Kunst: „Das Feuilleton ist in Österreich ja nicht so wahnsinnig gut ausgeprägt. Wie kann man in der Rezeption mehr machen, damit das besser funktioniert? Sich ganz auf das Feuilleton zu verlassen, das wird eher nicht funktionieren.“

Die Verlagsgruppe News umfasst 15 Magazine. In allen diesen Printmedien – ausgenommen das Nachrichtenmagazin profil – gehört das Kulturfeuilleton gleichsam zum publizistischen No-Go. News wird allerdings immer wieder ein Naheverhältnis zur Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) nachgesagt, der auch Kulturstadtrat Mailath-Pokorny angehört. Warum lädt dieser die Vertreterin eines Mediums, in dem das Kulturfeuilleton tatsächlich „nicht so wahnsinnig gut ausgeprägt“ ist, als Moderatorin für seinen Kulturpolitik-Kongress?

Mailath Pokorny bezeichnet sich selbst als Pragmatiker. Eine pragmatische Antwort also: Kommenden Herbst werden in Wien Gemeinderatswahlen abgehalten. Eine inseratenintensive Zeit steht bevor. Eine Zeit, in der sich die SPÖ unbedingt die absolute Mehrheit im Gemeinderat sichern möchte. Eine Zeit, in der die Anzeigenschaltungen infolge der Finanzkrise wohl auch bei populären Medien wie News zurückgegangen sind. Corinna Milborn ist überdies – „Wollten sie noch etwas sagen, Herr Stadtrat?“ – eine sehr nette Moderatorin.

Zukunftsvision eines Rückziehers

Gespräch mit Diedrich Diederichsen, der seit 2006 an der Wiener Akademie der bildenden Künste unterrichtet. Milborn: „Was fällt ihnen mit dem Blick von außen kritisch an der Kulturstadt Wien auf?“ Diederichsen: „Also, der größte Nachteil von Wien gegenüber Berlin ist, dass es teurer ist.“ Milborn (überrascht): „Das hat mit Kulturpolitik zu tun?“ Diederichsen (ernst): „Das ist ein kulturpolitischer Faktor ersten Ranges, ja.“ In Berlin gebe es keine Kulturpolitik, weil die Stadt pleite sei und nur noch die Bestände verwalten könne.

Milborn (hat die Pointe nicht verstanden und eiert in Richtung Mailath-Pokorny, um auf den sicheren Boulevard zurückzufinden, den ihr der Intellektuelle Diederichsen unter den Füßen wegzuziehen droht): „Da geht es uns noch sehr viel besser. Herr Stadtrat, blicken sie manchmal neidisch nach Berlin, weil Berlin als so jung, innovativ, dynamisch gilt in der Kunst- und Kulturszene, und Wien dieses schöne, aber schwere Traditionslabel anhaftet?“ Mailath-Pokorny (souverän und zufrieden mit der Ahnungslosigkeit der Moderatorin): „Ja, wobei... man lebt ja nicht im Vergleich. Wien baut sehr stark – aber in Berlin geschieht das auch – auf Tradition. In Wien ist ja in den letzten zehn, fünfzehn Jahren, was Zeitgenössisches anbelangt, sehr viel geschehen. Berlin lebt sehr stark im Jetzt – ich weiß nicht, ob das ein Mythos ist – und Wien vielleicht nicht so. Und es wäre Aufgabe auch einer Stadtregierung und Kulturpolitik, das zu animieren.“

Warum sagt ein Stadtrat, der bereits seit gut drei Jahren daran gearbeitet hat, gerade das Zeitgenössische seiner eigenen Theaterreform zurückzuziehen, so etwas? Mailath-Pokorny hat noch in der Vorkrisenzeit die Nachwuchsförderung in Tanz und Theater wieder abgeschafft. Er hat ein progressives Off-Theater- und Tanzkuratorium durch ein „pragmatisches“ ersetzt. Und er hat erst im Vorjahr eine progressive und höchst erfolgreiche Tanzquartier-Intendantin demontiert. Doch, angesprochen darauf, wie er sich „die ideale Kulturstadt im Jahr 2020“ vorstelle, sagt er: „Wenn man den Weg der letzten zehn Jahre weitergeht, in denen sich sehr viel Neues entwickelt hat, wenn ich an das Tanzquartier denke, wodurch zusätzlich viel im Tanz und Performance belebt wurde, dann ist das der richtige Weg.“

Beim besten Willen, das passt nicht zusammen. Ein Politiker, der Errungenschaften lobt, die er selbst zurückgenommen hat, projiziert dieselben in die Zukunft? Noch schwerer zu verstehen ist ein Thema, das corpus direkt betrifft. Auch Mailath-Pokorny meint, dass es zunehmend „einen Bedeutungsverlust des klassischen Feuilletons“ gebe: „Damit geht eine allgemeingültige Urteilsebene in der Bewertung von Kunst verloren.“

Das ist der „richtige Weg“:

Im Vorfeld des Kongresses wurde via Website ein Thesenpapier verbreitet, in dem unter anderem festgestellt wird, dass die Kultur „auch von der Vermittlung, von der Kritik, von der medialen Rezeption und Rezension“ lebt. Im Weiteren heißt es: „Gerade aber im Bereich der Internetplattformen gibt es in Österreich (...) kaum signifikante, innovative Gründungen.“ Da ist den AutorInnen des Papiers etwas entgangen. Eine solche signifikante (weil lokal und international renommierte) Gründung ist gerade corpus im Bereich der zeitgenössischen Choreografie. Ein Internetportal, das es so auf dem gesamten Kontinent nicht noch einmal gibt: ein zeitgenössisches Medium, das mehr noch als Berlin im Jetzt lebt, Reflexion betreibt, die zeitgenössische Diskursbildung im Tanz aktiv mitgestaltet und eine partizipative Plattform, in der KünstlerInnen als AutorInnen und als Mitglieder des Redaktionskollektivs arbeiten.

Was ist von einem Stadtrat zu halten, der gerade versucht, ein innovatives Netz-Medium, das bisher mit geringsten Mitteln aus dem Budget der teuren Stadt Wien ein Maximum an Leistungen gebracht hat, abzuwickeln? Warum fordert ein Kulturpolitiker etwas, das er dabei ist, wegzustreichen? Dem corpusKollektiv wurde – offenbar im Auftrag des Kulturstadtrates – im März mitgeteilt, dass, nach einer letztmaligen Förderung im kommenden Jahr, 2012 der Ofen aus sein wird. In einem Gespräch mit den beiden städtischen Kulturbeamten Christopher Widauer und Robert Dressler interessierte dieselben überhaupt nicht, dass corpus bisher eine jährliche Steigerung seiner BesucherInnen um mehr als 20 Prozent verbuchen konnte. Einer der Ratschläge der Beamten: „Vielleicht bekommt ihr ja dann in St. Pölten Geld.“ Ist das bloß zynisch oder schon peinlich?

Als einziges Medium bringt corpus die österreichische Tanzszene in einen internationalen Diskurs und internationalen Tanz-Diskurs an österreichische RezipientInnen. Anstatt dieses Medium – das immerhin ein Produkt seiner eigenen Theaterreform ist – seinem Erfolg gemäß endlich mit einem adäquaten Betrag zu fördern, soll es im Widerspruch zur eigenen kulturpolitischen Programmatik wegrationalisiert werden. Und das, obwohl corpus im Alleingang NachwuchautorInnen für den schwierigen Bereich der Tanzpublizistik fördert, Kooperationen mit allen wichtigen österreichischen Tanzveranstaltern vorweisen kann und weit über den deutschen Sprachraum hinaus bis in die USA, Russland und sogar Japan rezipiert wird?

„Transkulturalität“ ohne MigrantInnen

Vielleicht ist dieser Handeln bloß Resultat eines Missverständnisses zwischen Kulturpolitik und Beamtenebene. Und nicht ein Indikator für die völlige Unglaubwürdigkeit von Mailath-Pokornys kulturpolitischen „Wien denkt weiter“-Vorstoßes. Oder gar der Versuch, in berlusconihaftem Stil ein nicht mit „politischen Freunden“ besetztes, kritisches Medium mundtot zu machen. Oder der Versuch, zu verhindern, dass corpus noch mehr als bisher zum medialen Forum und damit auch zum Sprachrohr für KünstlerInnen wird, von denen übrigens auffällig wenige beim Kongress vertreten sind.

Eine andere Auffälligkeit: Obwohl im Kongress viel von Migration und explizit von „Transkulturalität“ (Mailath-Pokorny) die Rede ist, vertritt unter den zum Symposion Geladenen keine einzige Person die Gruppe migrantischer Wiener Kunstschaffender. Deren gibt es aber viele in Wien: Theatermacher, Tänzer, Schriftsteller und Musiker. Welche Hybris hat die Veranstalter da wohl geritten? Wissen die hiesigen Eingeborenen am besten, was für die MigrantInnen gut zu sein hat? Dumme Sache. Denn gerade der Begriff Transkulturalität enthält das Prinzip, dass MigrantInnen für sich selbst sprechen und sich auch selbst politisch vertreten sollen.

Insgesamt: Kein Hunderl hat während des Kongress-Nachmittags gebellt, und es war eine ganz schlechte, unglaubwürdige Performance. Denn Eiertänze und Versuche, ein Rückwärtsrudern als Vorwärtsbewegung zu verkaufen, kommen nur bei Speichelleckern gut. Das sind aber die gefährlichsten Ja-Sager. So versagt sich Stadtrat Mailath Pokorny seine eigenen Erfolge und macht sich selbst zum Opfer seiner eigenen pragmatischen Diplomatie. Wenn er in seiner Initiative eines „Wiener Weiterdenkens“ tatsächlich konsequenter sein sollte als mit seiner vorerst in den Sand gesetzten Theaterreform, wäre das eine Überraschung für Viele. An ein solches Wunder glaubt der gelernte Wiener nicht wirklich, aber wir lassen uns gern überraschen.

Hallo, du große weite Welt!

Das Logo der Initiative „Wien denkt weiter“ enthält drei quadratische Kästchen. Eines davon verstümmelt das Wort „denkt“. Überaus vielsagend, denn dadurch wird suggeriert, dass Mailath-Pokorny ein kulturpolitisches Kästchendenken vermittelt. Und aussagekräftig auch dieses Detail: „Hallo in die große weite Welt!“, hat Frau Milborn gerufen, als die eingangs das Web-Live-Streaming des Kongressverlaufs auf der Homepage ankündigte. Am Beginn der Abschluss-Statements, immerhin ein Kongress-Highlight, hat der Webstream 19 registierte Viewer. Am Ende, als der Stadtrat bekanntgibt, dass bei der Fußball-WM Spanien 1:0 gegen die Schweiz verloren hat, gerade noch 10. Wirklich groß ist sie nicht gewesen, diese Hallo-weite-Welt...

Das alles lässt den Schluss zu, dass der Kongress zum Eigentor geworden ist. Ein kleiner Erfolgsschimmer ist trotzdem dabei: Die organisierten Diskussionsrunden an fünf Thementischen bringen Menschen miteinander in Gespräche, die sie ansonsten nicht führen würden. Leider wurde nur eine Runde aufgezeichnet und ist hier im Netz abzurufen.

Bisher hat sich corpus der Kulturpolitik im Allgemeinen nicht sonderlich intensiv gewidmet. Vielleicht hat sie sich dadurch besonders vernachlässigt gefühlt. Entschuldigung vielmals, das zu ändern haben wir ja bereits angekündigt. „Den Streit suchen!“, fordert das Weiterdenk-Thesenpapier. – Bitte gern, schon gefunden. Eine Antwort des Stadtrats wird corpus gerne veröffentlichen. Immerhin 160.000 LeserInnen in Wien, Österreich und anderswo warten gespannt darauf. (Helmut Ploebst)


(18.6.2010)