DIE LIBANESISCHE KÜNSTLERIN TANIA EL KHOURI IM TANZQUARTIER WIEN
Von Andrea Salzmann
„Being oppressed is a stronger position because it's a struggle for liberation.“ Paulo Freire (zitiert nach dem Blog von Tania El Khoury)
Menschengetümmel vor dem Wiener Volkstheater. Die 49er-Straßenbahn fährt ein, bleibt stehen. Menschen steigen aus, Menschen steigen ein, und die Straßenbahn beschleunigt wieder. Durch ein Fenster im ersten Stock sieht man dieses rege Treiben aufsichtig, also besser als wenn man selbst Teil der Menge wäre. Unter diese hat sich die libanesische Künstlerin Tania El Khoury gemischt. In ihrer Performance Maybe if you choreograph me, you will feel better, die das Tanzquartier Wien im Rahmen eines „künstlerisch-theoretischen Parcours zur Handlungsfähigkeit des Körpers“ mit dem Titel „Scores N°4: Unter Protest“ zeigte, platziert sie einen männlichen Zuschauer in einer Wohnung gegenüber – ich habe mich erlaubterweise dazugestellt.
Durch einen Lautsprecher, aus dem nicht ihre Live-Stimme ertönt, sondern ihre voraufgezeichneten Anweisungen zu hören sind, ist der aktive Beobachter mit ihr verbunden. Auf dem Fensterbrett liegen ein Fernglas und ein Diktaphon bereit. Die Stimme verrät, wie die unauffälltig gekleidete Künstlerin auf der Strasse zu entdecken ist. Sie fordert auf, mit ihr zu interagieren. Sie möchte einen Namen bekommen, sie will wissen woher sie kommt, wohin sie geht. Jede Frage, die mehr eine Aufforderung ist ihr zu sagen, wie sie sich verhalten soll, wird beantwortet, indem der Zuschauer in das Diktaphon spricht, das in Funkverbindung mit ihr steht.
Sie will wissen, wie sie aussehen soll. Zur Wahl stehen Leila Khaled, eine der ersten weiblichen Flugzeugentführerinnen und Ikone der palästinensischen Bewegung oder aber die westlich orientierte, schillernde Königin Rania von Jordanien. Als sie keine eindeutige Anweisung erhält, beginnt sie sich auf der Strasse zu schminken und fragt, wie sie denn gehen solle. Wie eine zielstrebige, selbstsichere Business Woman oder aber wie eine verspielte, sensible Träumerin, die es liebt durch die Strassen zu schlendern.
Der männliche Teil muss sich zwischen Frauenbildern entscheiden, die starken Gegensätzen entsprechen und hauptsächlich als Klischees funktionieren. Durch diese beschränkte Auswahlmöglichkeit kann er sich entweder dem Übereinkommen der Interaktion entziehen oder aber er konfrontiert sich mit diesen allzu bekannten Bildern, die nicht nur in der Medienwelt wirksam sind. Die Machtkomponente der patriarchalen Struktur wird durch die Frage, ob sie denn eine Zigarettenpause machen darf, noch einmal verstärkt. Erst nach erteilter Erlaubnis steckt sie sich eine Zigarette an. Sie raucht genüsslich an der Straßenbahnhaltestelle, keiner der Passanten blickt sie auch nur an. Sie ist nur für ihren Beobachter eindeutig erkennbar, für die anderen auf der Straße ist sie eine unter vielen. Der flüchtige Moment einer Großstadtbegegnung wird hier in die Länge gezogen und ausgekostet. Was normalerweise einen Bruchteil von Sekunden dauert, das zufällige Treffen zweier Blicke in der U-Bahn, das Anlächeln eines Unbekannten wird hier durch das strenge Frage-Antwort Spiel immer wieder unterbrochen, um Machtverhältnisse aufzudecken.
Wozu eigentlich Überaffirmation?
Warum ist also diese Intervention nur für Männer? Befinden sich denn Frauen oder auch andere Zwischengeschlechter in keinen Machtpositionen, die sie auskosten und vorantreiben, sind sie denn keine Akteurinnen im Miteinander? In ihrem Blog (http://taniasnotes.blogspot.com/2011/03/why-is-it-only-for-men.html) gibt Tania El Khoury eine sehr persönliche Antwort auf diese Frage: „It's for men only because I simply never felt oppressed by women even not by the one who refused me a tourist visa on my 24th birthday.“ Die angewendete Kritik ist also eine, die sich auf gesamtgesellschaftliche Strukturen wie Gesetzgebung, offizielle Geschichtsschreibung, Wissenschaft etc. bezieht. Dadurch gerät eine patriarchale Ordnung in den Blickwinkel, die auf einer Dichotomie zwischen Mann und Frau beruht und auch als solche exekutiert wird. Es stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, dieses „Gesetz des Vaters“ auf ein biologisches Geschlecht zu reduzieren, oder ob es nicht förderlicher wäre, dieses Gesetz als etwas Gesellschaftsimmanentes zu behandeln.
Im letzten Teil der Aktion besteht El Khoury aber auf der heterosexuellen Matrix. Indem der Mann aufgefordert wird, ihr einen vorgeschriebenen Brief vorzulesen, spricht er ihre Wunschworte und bekundet sein Bedauern darüber, dass sie als Kind nicht dasselbe durfte wie die Buben in der Nachbarschaft. Weiters, dass er auf die Idee, ihr High Heels zu schenken, heute nicht mehr stolz ist. Und es tut ihm nun leid, dass sie an ihrem sechstem Geburtstag mitansehen musste, wie Menschen eingesperrt wurden. Denn heute ist ihm klar, dass sie viel stärker ist als er.
Diese Worte sind aber eben nicht seine, es sind die, die sie gerne hören würde. Es sind die, die es nur im Hollywood Film gibt. Die letzte Anweisung an den Mann ist, sich zu entscheiden, ob er sie einfach gehen lässt oder ob er das Fenster öffnet und ihr laut ihren Namen hinterherruft. Pathos und Handlungsmacht fließen ineinander. Sie wird das Rufen ihres Namens jedenfalls ignorieren.
Die Bezugnahme der Künstlerin Tania El Khoury auf den eingangs zitierte Satz von Paolo Freire, dass Unterdrücktwerden die stärkere Position sei, da man aus dieser heraus für Freiheit kämpfen kann, bekommt durch die gezielte Rückführung in diese stereotype Dichotomie einen unguten, zahnlosen Beigeschmack. Denn die Selbstermächtigung der hier dargestellten Frauenposition ist zu eng, zu sehr an Klischees geknüpft, und damit zu wenig offen für die vielen Unterschiedlichkeiten der Geschlechterkämpfe, als dass diese Aktion als ernster Kampf um Freiheit aus dem herrschenden System verstanden werden könnte. Überaffirmation ja, aber wozu eigentlich?
(12.12.2011)
|